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Ein Becherpokal kehrt in
seine Heimatstadt zurück
Mit Engelszungen

Ein Becherpokal kehrt in seine Heimatstadt zurück

Sothebys in London ist nicht gerade die erste Adresse, die einem einfällt, wenn das Heimatmuseum in Reutlingen in einem Auktionshaus einen Ankauf getätigt hat. Und doch ist genau das passiert.

20.10.2016
  • Uschi Kurz

Das Heimatmuseum hat vor kurzem in London einen Becherpokal aus dem 17. Jahrhundert ersteigert, der nachweislich aus Reutlingen stammt. Die stellvertretende Leiterin des Heimatmuseums, Martina Schröder, hat die wechselhafte Geschichte des Kunstobjektes recherchiert.

Erschaffen wurde der silberne, teilweise vergoldete Pokal etwa um 1630 von dem Reutlinger Goldschmied Christoph Gretzinger. Der Pokal war ein Geschenk von 22 Reutlinger Bildungsbürgern an ihren Pfarrer, den damaligen Hauptprediger der Marienkirche, Magister Christoph Ensslin. Der Schul- und Kirchenreformer Ensslin war ein rühriger Mann: Er organisierte Schultheater und förderte die Kirchenmusik. Und er scheint in den schwierigen Zeiten des 30-Jährigen Krieges sogar einen Kirchenchor gegründet zu haben. Zum Dank für die Entstehung dieses Männergesangsvereins erhielt er 1625 den Pokal auf dem die 22 Namen der Schenker – wahrscheinlich alles Sänger – eingraviert sind, nicht aber der konkrete Anlass der Schenkung.

Dass der Pokal die unruhigen Zeiten des 30-Jährigen Krieges – in denen Reutlingen mehrfach zwischen die Fronten geriet – unbeschadet überstand, ist ungewöhnlich. Die meisten Objekte aus Edelmetall wurden eingezogen oder gingen bei Plünderungen verloren. So mussten beispielsweise 1629 in der hoch verschuldeten Reichsstadt Reutlingen, die Zünfte ihr gesamtes Silbergeschirr abgeben. Es sei schon ein großer Glücksfall, so Schröder, dass dem außergewöhnlichen Trinkgefäß ein ähnliches Schicksal erspart blieb. Ansonsten sei von den kunstvollen Arbeiten der Reutlinger Goldschmiede nur wenig erhalten. Umso erfreulicher sei es, dass es nun gelungen sei, das Objekt in die Sammlung des Heimatmuseums zu integrieren.

Genauso spannend wie seine Entstehungsgeschichte ist die Odyssee, die das Gefäß genommen hat, bis es wieder in seiner Heimatstadt landete. Irgendwann, Anfang des 20. Jahrhunderts taucht der Becherpokal aus dem Haushalt von Christoph Ensslin in Hamburg auf. Dort hatte sich das jüdische Ehepaar Emma und Henry Budge niedergelassen. Der Bankier Henry Budge hatte lange Jahre mit seiner Frau in den USA gelebt und ein ansehnliches Vermögen erworben. In Hamburg begann Emma Budge Kunst- und Kunsthandwerk in großem Stil zu sammeln. Ihr Interesse galt auch der Goldschmiedekunst und so gelangte der Reutlinger Becherpokal in ihren Besitz.

Als Emma Budge 1937 starb, wurde die „jüdische Sammlung“ zwangsversteigert. „Erworben“ wurde sie 1938 vom Berliner Schlossmuseum. Weil damals ein Auktionskatalog erstellt worden war, konnten einige Objekte nun im Zuge der Provenienzforschung an die Erben der ehemaligen Besitzer – es gibt entfernte Verwandte von Emma Budge – zurück gegeben werden. Darunter auch der Reutlinger Becher. Emma Budges Nachfahren gaben ihn nach London in die Auktion. Das Reutlinger Heimatmuseum erfuhr davon und ersteigerte das gute Stück.

Der Pokal dürfte in etwa eine ähnlich Funktion gehabt haben, wie die sogenannten „Willkommensbecher“ der Zünfte. Er war ein Schauobjekt mit zeremoniellem Charakter – mit dem man sich aber durchaus bisweilen zugeprostet hat. Gefüllt wurde er, vermutet Schröder, nicht mit Wasser, Most oder Bier, sondern wahrscheinlich mit Reutlinger Wein. Heute Abend um 18 Uhr stellt Martina Schröder in der Reihe „Abendstunde im Heimatmuseum“ ihre spannenden Erkenntnisse über den Becherpokal vor. Einen Willkommenstrunk aus dem alten Trinkgefäß wird es dabei freilich nicht geben.

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20.10.2016, 01:00 Uhr

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