Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Die Eintracht trügt an Omas Grab

Ein Besuch bei den Dreharbeiten für den Kinofilm „Bogenschütz & Chong“ in Hechingen

In Hechingen fiel am Dienstag die erste Klappe für „Bogenschütz & Chong“. Regisseur Hannes Stöhr erzählt in seinem vierten Kinofilm von einer schwäbischen Unternehmerfamilie unter wirtschaftlichem Druck: Chinesen wollen die alteingesessene Firma übernehmen.

06.10.2012
  • Klaus-Peter Eichele

Hechingen. Die Sonne strahlt oktoberlich prächtig auf die am Waldrand gelegene Wallfahrtskapelle Maria Zell mit Blick zur Zollernburg und hinunter ins Steinlachtal bis nach Tübingen. Das Bilderbuchwetter macht Hannes Stöhr lockerer, als man es von einem Filmregisseur am ersten Drehtag erwarten würde. Entspannt plaudert er zwischen zwei Aufnahmen mit dem Dutzend Journalisten, die zum Setbesuch geladen wurden. Allerdings herrscht „Lichtdruck“: am frühen Nachmittag muss alles im Kasten sein. Auf dem Drehplan steht eine so genannte Seelenlandschaft: Drei Generationen einer Familie versammeln sich nach einem Sonntagsspaziergang am Grab der Oma. Doch das friedliche Bild, das die auf einen Kran montierte Kamera einfängt, täuscht. Unter der Oberfläche einträchtiger Trauer brodelt es in der Unternehmerfamilie gewaltig.

Alte Kinohasen, Volksschauspieler

Imposant im Mittelpunkt der Friedhofs-Szenerie steht Walter Schultheiß. Der in Tübingen aufgewachsene Theater-, Rundfunk- und TV-Veteran (sein Vater chauffierte den Chef der früheren Lokalzeitung „Tübinger Chronik“) spielt Paul Bogenschütz, den greisen Seniorchef einer alteingesessenen Maschinenfabrik in der schwäbischen Provinz. Seit er das Tagesgeschäft an seinen Sohn Michael abgegeben hat, hat sich der Wind im Wirtschaftsleben dramatisch gedreht: das Ausland produziert billiger, die Aufträge brechen ein. In höchster Not verhandelt der Junior mit chinesischen Geschäftsleuten über den Verkauf der Firma – gegen den Willen des Vaters, der sein Lebenswerk vor dem fernöstlichen Zugriff bewahren will.

Das „tragikomische Porträt einer mittelständischen Unternehmerfamilie in der Globalisierung“ nennt Hannes Stöhr die von ihm selbst geschriebene Geschichte. Für den 42-jährigen Regisseur („Berlin Calling“) ist der Dreh ein Heimspiel, er ist in Hechingen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Vor 20 Jahren, erzählt er, sei er „in die Welt hinaus geflüchtet“, erst mit dem Rucksack um die halbe Welt gereist, dann nach Berlin gezogen, wo er sich zum Filmemacher ausbilden ließ. Trotzdem ist der Kontakt in die alte Heimat nie ganz abgerissen, regelmäßig kam Stöhr zu Premieren seiner Filme nach Hechingen zurück. Das zahlt sich jetzt aus. „Wir fallen hier nicht wie die Heuschrecken ein, sondern sind sozusagen embedded“, freut sich Karsten Aurich, der Produzent des Films. 15 Drehtage lang ist die Crew in Hechingen zugange, dann zieht der Tross weiter nach Berlin, wo vor allem Innenaufnahmen gemacht werden. Danach wird noch Material in Shanghai gedreht. Kinostart ist voraussichtlich im kommenden Herbst.

Ein Heimkehrer wie Stöhr ist auch Christoph Bach, der Darsteller des Juniorchefs Michael. Nach seiner Schulzeit im Steinlachtal ging der Gomaringer nach Berlin, wo er eine beachtliche Karriere als Filmschauspieler gemacht hat. Bisheriges Highlight war die Rolle des charismatischen Studentenführers in dem stark beachteten Dokudrama „Dutschke“. Für den Wechsel ins Kapitalisten-Lager sieht sich Bach gut gerüstet. „Ich hatte Bekannte, die aus solchen mittelständischen Unternehmerfamilien kamen, das Milieu ist mir vertraut“ – er selbst hat sich damals aber lieber in der Subkultur, dem Epplehaus oder der Reutlinger Zelle, herumgetrieben. Reizvoll an der Geschichte findet der 37-Jährige die „Verstrickung von Wirtschaft und Familie, von Gefühl und Geschäft“. Auf seiner Figur, erklärt er, laste ein doppelter Druck: ökonomisch, weil der Firma das Wasser bis zum Hals steht, aber auch psychologisch, weil sich der Youngster in der Ahnenreihe erfolgreicher Unternehmerpersönlichkeiten behaupten muss.

Während Bach mit seinen 37 Jahren schon ein alter Kinohase ist, gilt das für Walter Schultheiß nur eingeschränkt. Der 88-Jährige hat in seiner langen Karriere fast ausschließlich fürs Fernsehen vor der Kamera gestanden, man kennt ihn aus zahllosen Regional-Serien vom Bienzle-“Tatort“ bis zum „König von Bärenbach“.

Komödiantisch mit Tiefgang

Seinen Status als schwäbischer „Volksschauspieler“ hält Schultheiß für einen „Ehrentitel“ („Ich spiele doch fürs Volk“), lässt im Kurzinterview aber auch nicht unerwähnt, dass er in jüngeren Jahren ernsthaftes Theater gemacht hat, zum Beispiel den „Wallenstein“. Ans Altenteil verschwendet der knitze Greis nach wie vor keinen Gedanken: „Solange der Geist mitmacht, bleibe ich dabei – und wenn nicht mehr, kann ich ja noch Politiker werden.“

Dass Regisseur Stöhr überwiegend mit der Region verbundene Schauspieler engagiert hat (darunter mehrere Akteure vom Theater Lindenhof), liegt auch daran, dass in „Bogenschütz & Chong“ überwiegend schwäbisch geschwätzt wird. Ein Kinofilm im hiesigen Dialekt schien bis vor kurzem ein gewagtes Unterfangen. Doch dann begann aus heiterem Himmel der Triumphzug des Schwabenschwanks „Die Kirche bleibt im Dorf“. Für Produzent Aurich sind die 300 000 Zuschauer, die der Regionalulk bisher erreicht hat, eine Steilvorlage: „Das wird die Vermarktung unseres Films erheblich erleichtern“ - auch wenn „Bogenschütz & Chong“ trotz des komödiantischen Grundtons viel dramatischer und tiefgründiger sei.

Für Hannes Stöhr ist der Boom der Mundart im Kino, der sich von Bayern aus derzeit in andere Regionen fortpflanzt, keine Überraschung: Dass den Menschen die Heimat wieder wichtig wird, sei eine logische Folge der Globalisierung und ihrer Verwerfungen. Mit heimeliger Nostalgie habe seine Entscheidung fürs Schwäbische allerdings nichts zu tun. Es gehe ihm vielmehr um „realitätsnahes Sprechen“.

Ein Besuch bei den Dreharbeiten für den Kinofilm „Bogenschütz & Chong“ in Hechingen
Eine Unternehmerfamilie unter dem Druck der Globalisierung: oben von links Inka Friedrich, Christoph Bach, Monika Wojtyllo, Ulrike Folkerts, und Rita Lengyel; unten Walter Schultheiß. Bild: Wolfgang Schmidt

Nach Hechingen wird jetzt auch Münsingen zum Filmschauplatz. Die ARD dreht kommende Woche auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Szenen für ein Dokudrama über Heinrich George. Der Schauspieler wurde wegen seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus (unter anderem wirkte er im „Jud Süß“-Film mit) nach dem Krieg interniert und starb 1946 in einem sowjetischen Lager. George wird von seinem Sohn Götz („Schimanski“) gespielt. Für die Dreharbeiten sucht die Tübinger Agentur bcasted noch Männer, die sich als russische Offiziere und Soldaten eignen; mehr Infos auf der Webseite www.bcasted.de.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

06.10.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Die Kommentarfunktionalität wurde für diesen Artikel deaktiviert.

Kino Suche im Bereich
nach Begriff
Anzeige