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Parforceritt mit Teppicharie

Ein Besuch bei den Proben zu Elfriede Jelineks „Nathan/Abraumhalde“

Tübingen. „Ist noch Zeit für das kleine Morgenritual?“, fragt Nicole Schneider. Es ist noch Zeit. Auf der Terrasse des Zimmertheaters dampft der Kaffee, die Sonne gleißt.

28.09.2010
  • Peter Ertle

Nachher, auf dem Weg runter in den Keller, werden die Schritte tastender, die Sonnenbrillen hochgezogen. „Das ist jedes Mal ein Schock“, sagt Intendant und Regisseur Christian Schäfer.

Unten, das Bühnenbild: Eine große Abfalltonne im Hintergrund, ein Einkaufswagen mit Unrat. Ein Teppich, darauf sieben Püppchen, ein bisschen mit Erde bestreut. Daneben ein Kerzenständer mit sieben Kerzen. Sieben, sieben. Das kann kein Zufall sein. Und klar, wer sich schon ein bisschen mit „Abraumhalde“ beschäftigt hat, weiß: Hier sind wir jetzt im Keller von Herrn Fritzl, Amstetten.

Ja, auch das ging ein in Jelineks jüngstes Stück, das erst 2009 Premiere hatte, sich allerdings weniger als Fritzlstück, sondern als „Sekundärdrama“ zu Lessings Nathan versteht und zu zeigen versucht, wie in diesem Klassiker gestellte Fragen heute verhandelt werden könnten. Eigentlich wollte Jelinek, dass hinter ihrem Stücktext immer Lessing-Originaltext zu hören ist, wie sie in einer Vorbemerkung sagt, „aber dafür war uns der Stücktext dann doch zu schade“, sagt Christian Schäfer. Die Jelineksche Anweisung beginnt eh mit dem Satz: „Ihr macht sowieso, was ihr wollt“. Außerdem hat das Zimmertheater dem Verlag das Regiekonzept geschickt, der es wiederum der Autorin vorlegte. Und die segnete ab.

Kein Solo im strengen Sinn. Denn es gibt da noch Ryan Dutton, der für mehr als die Musik zuständig ist, eine Figur namens „es“ verkörpert und sich jetzt mit einer Filmkamera der Hauptfigur nähert. Später, bei der Premiere, werden auf der Bühne auch noch Monitore stehen. Dann wird man also möglicherweise das Gesicht der Hauptdarstellerin in Großaufnahme sehen. Denn „es“ filmt jetzt von oben herunter auf sie, die in einen Schlafsack gehüllt auf dem Boden liegt. Aber das Timing stimmt diesmal nicht. In solchen Fällen braucht man die Regieassistentin, die aufgeschrieben hat, wann ein bestimmter Lauf losging und wann er wo ankam. Also noch mal bitte.

„Das ist gut so, dass du den Satz zum Publikum hingesprochen hast“, bestärkt Christian Schäfer Nicole Schneider, „das ist ja deine Rechtfertigung vor der Öffentlichkeit“. Die Schauspielerin nimmt den Ball auf: „Aber dann nehm’ ich die nächsten Sätze auch noch mit!“ Man diskutiert. Macht es noch mal. Gleich wird Nicole Schneider, vollständig in ihren Schlafsack gehüllt, wie eine Raupe über den Boden robben, ein eindrückliches Bild.

Fehlte da nicht was? „Das find ich blöd. Das hab ich eigenständig gestrichen“ erklärt die Schauspielerin. „So. Die Schauspielerin findet das blöd“, kommentiert der Regisseur, ob der Regietätigkeit seiner Akteurin etwas irritiert. „Nein, ist gut, ich kann damit leben“. Und Regisseure leben ja auch davon, dass die Schauspieler ihnen etwas anbieten – und umgekehrt.

Ach, dieser Text! Elfriede Jelineks Stück sei „ein Parforceritt durch die Weltgeschichte, von der Antike über den deutschen Idealismus, den Holocaust bis in die unmittelbare Gegenwart mit ihren Kriegs- und Krisenherden“, so das Zimmertheater. Tatsächlich, sie kommt spielend von Gott zum Geld, vom Geld zum Vater, im Himmel oder im Keller von Amstetten, böse Kalauer, die hellsichtige Verbindungen herstellen oder auch mal Kurzschlüsse, sprachfunkelnde Satzungetümer. Wie spricht sich Jelinek, Frau Schneider? Eigentlich erstaunlich gut, meint die Schauspielerin. Weil die Texte so rhythmisch sind, so musikalisch, und daher so zwingend. Man hört gleich, wenn es nicht stimmt.

„Sollen wir die Teppicharie noch machen?“ Die Teppicharie! Jede Produktion, jede Probe hat ihre Geheimsprache. Die „Teppicharie“ erweist sich als – also man könnte sie als ziemlich gotteslästerlich auffassen und auch anderweitig anstößig. Wir gehen mal nicht ins Detail, so eine Theaterprobe soll ja weder Pietisten noch Islamisten hinterm Ofen hervorlocken. Und ein Skandal ist nicht das vorrangige Anliegen dieser Produktion. Auch nicht bei dieser Probe, in keiner Hinsicht, obwohl sie gestehen: „Wir hatten uns schon überlegt, ob wir einen Streit zwischen Regisseur und Schauspielerin inszenieren.“

Info:: „Nathan – Abraumhalde“ hat am Donnerstag, 7. Oktober um 20 Uhr im Zimmertheater Premiere

Ein Besuch bei den Proben zu Elfriede Jelineks „Nathan/Abraumhalde“
Das Geld, der Müll und der Teppich: Ryan Dutton und Nicole Schneider bei den Proben. Bild: Faden

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28.09.2010, 12:00 Uhr

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