50 Liter Bier sind nicht genug

Ein Blick in die Hitfabrik des Empfinger Fasnets-Chors (EFC) – oder wie aus Ortsgeschehen Kracher beim Bunten Abend werden

Von Marcus Michel

Locker und lässig stehen Sie im Halbkreis auf der Bühne. Jeder vor sich ein Mikrofon auf einem Ständer, an dessen Fuß eine Maß Bier steht. Vielstimming und mit Inbrunst intonieren sie ein liebliches deutsches Volkslied, bekannt aus einem Heimatfilm der 1950er-Jahre – die „Fischerin vom Bodensee“.

Ein Blick in die Hitfabrik des Empfinger Fasnets-Chors (EFC) – oder wie aus Ortsgeschehen Kracher

Der Schutz gegen die Austrocknung auf der Bühne (O-Ton Jürgen Walter).

Empfingen. Man möchte fast glauben, man hätte einen in die Jahre gekommenen Knabenchor vor sich – wäre da nicht das Bier und dieser ganz andere Liedtext: „Dia Fischerin vom Ordnungsamt die isch de schärfstd em ganza Land, was isch nau mit so Fraua los, verdanad’s Geld halt uff da Stroߓ. Neben mir im Publikum biegt sich die Frau des Bürgermeisters vor Lachen, während ihr Mann nur verhalten schmunzelt – schließlich war er es, der die im Lied besungene neue Politesse angestellt hat.

Ja, so lieben die Empfinger ihren „EFC“. Alles was sich am Ort so getan hat, satirisch bis an die Schmerzgrenze zugespitzt, immer eindeutig zweideutig und verpackt in gefällige Melodien. Ohne Unterbrechung wechseln sich Songs, Sketche und Videoeinspielungen ab. Die eineinhalb Stunden mit dem EFC am Ende des Bunten Abends der Narrenzunft vergehen wie im Flug. Und am nächsten Montag wird eine Zeitung (wie die letzten Jahre auch) schreiben „Der absolute Höhepunkt des Bunten Abends war wieder einmal der Empfinger Fasnetschor“.

Das war nicht immer so. Als wir vor 27 Jahre angefangen haben, erzählt Andreas „Säfti“ Seifer, schrieb diese Zeitung drei Jahre hintereinander immer genau den selben Satz: „In die Fußstapfen der Hofsänger versuchte der EFC zu treten. Sie erreichten zwar noch nicht deren Klasse, lassen aber für die Zukunft noch einiges erwarten“. Wenn die EFCler von ihren Vorgängern, den „Empfinger Hofsängern“ erzählen, schwingt in der Stimme immer etwas Ehrfurcht mit. Es fallen Worte wie „genial“, „legendär“, „die haben sich getraut was vorher undenkbar war“. Nachdem sie zehn Jahre lang durch ihre Lied-Persiflagen am Bunten Abend neue Maßstäbe gesetzt hatten, traten die Hofsänger 1983 zurück und lobten für diejenigen, die versuchen wollten in Ihre Fußstapfen zu treten, eine Prämie von 50 Liter Bier aus.

Sie traten das Erbe

der Hofsänger an

Im Jahr darauf saß eine lose Clique bei Josh Schenker, man trank etwas und es wurde beschlossen, den Versuch zu wagen – das war die Geburtsstunde des Empfinger Fasnets-Chors. Säfti, Willi Brindle, Rudi, Achim und Jürgen Walter sind die Fünf, die von den zwölf heutigen EFClern damals schon dabei waren. Die EFC-Veteranen erzählen gerne, sie hätten es seinerzeit nur wegen der 50 Liter Bier gemacht. „Aber eigentlich war der Hauptgrund, dass wir es wichtig fanden, dass das, was die Hofsänger gemacht hatten weitergemacht wird“, sagt Säfti schließlich. Achim und Jürgen nicken ernsthaft. „Aber mittlerweile haben wir die um Längen abgehängt“, platzt Achim heraus und Rudi ergänzt: „unsere einzige Schwäche ist nur noch unsere grenzenlose Bescheidenheit“.

Das ist typisch EFC. Eine gute Portion Frechheit und (Selbst)-Ironie gehören zur Grundausstattung eines EFClers, auf der Bühne, im „richtigen“ Leben und im Interview. Es hat Jahre gedauert, bis der EFC seinen eigenen Stil gefunden hat. Aus einer zusammenhangslosen Abfolge von Songs und Gags ist mittlerweile ein sorgfältig aufgebautes Programm aus Moderationen, Liedern, Sketchen und selbst produzierten Videos geworden, das viel Vorbereitung erfordert.

Los geht es damit meist ab Ende Oktober mit den ersten Treffen, um Ideen zu sammeln. Die „großen“ Themen sind schnell klar: die Empfinger Ärzte finden keine Nachfolger. Da kann man was d’raus machen. Zum Beispiel eine Nachfolgersuche im Stil von „Bauer sucht Frau“. Super geeignet für ein Video. Bis zum nächsten Treffen soll jeder zehn Ärzte-Witze aufschreiben. So lange wollen die meisten nicht warten und die nächste Viertelstunde jagt ein Ärzte-Witz den anderen.

Führungs-Krise bei der SGE. Ob das Thema nicht zu ernst sei, gibt einer zu bedenken? Nein, auf gar keinen Fall. Das ist ein wichtiges Thema, das muss ins Programm. 40 Jahre Eingemeindung von Wiesenstetten und 20 Jahre „Schümelaasch“ die Städtepartnerschaft mit La Roche-Blanche kommt auch rein, schließlich hat man eine Chronisten-Pflicht. Und ein Song, bei dem die Wiesenstetter ihr Fett abkriegen, ist sowieso Pflicht. Das ist man dem über Jahre hinweg aufgebauten Image schuldig.

Traditionell wird beim Bunten Abend vom EFC eine Empfinger Persönlichkeit mit einem Lied „geehrt“ und danach für ein paar Gags und die Übergabe von Geschenken auf die Bühne geholt. Da kommt dieses Jahr nur Albert Schindler in Frage, denn der hatte sein 25 jähriges Jubiläum als Bürgermeister. Als es mit weiteren Themen eng wird, zieht Jochen Brendle die Gemeinde-Homepage zu Rate: Inbetriebnahme der Wasserenthärtungsanlage, ein Jugendreferent, Spielplatzerweiterung, eine neue Politesse. Bei dem Stichwort bricht Aufregung aus: „Die hat mich auch schon erwischt“, „dabei war ich nur kurz im Laden“, „ich bin doch Handwerker da muss ich doch…“, „der hab ich aber Bescheid gesagt“, „und aus Horb ist sie auch noch“. Und schon beginnen die Ersten Ihren Unmut in Liedzeilen zu formulieren und kurz darauf haben die EFCler mehr Stoff zusammen, als man in einem Lied unterbringen kann. Das ist allerdings auch notwendig, weil ein guter Teil davon nicht zitierfähig ist. Deshalb wird Cheftexter Säfti dann den Liedtext bis zur nächsten Probe auf ein öffentlichkeits-verträgliches Maß zurechtstutzen. Nicht weil sie sich nicht trauten das zu singen, sondern weil allen wichtig ist, dass sie deutlich und direkt sind, jedoch nie beleidigend. Jochen meint dazu scherzhaft: „Wir ziehen niemand durch da Dreck, no bis grad drâ nâ.“

Bevor jedoch Säfti die Textideen ausformulieren und ins richtige Versmaß bringen kann, muss für jedes Thema das passende Lied gefunden werden. Geeignet sind Songs mit langen Tönen, damit so gesungen werden kann, dass der Text gut verständlich ist. Man bedient sich bei alten Schlagern, Volksliedern sowie aktuellen Fasnets- und Après-Ski-Hits. Viele haben ihren Notebook oder ein Smartphone dabei und spielen damit Songs aus YouTube vor, die sie für geeignet halten. Ist etwas gefunden, spielt Musikgenie Harald „Penne“ Briegel das Lied auf der Gitarre. Zuerst wird wird nur mitgesummt, dann werden die Textideen mitgesungen. Oft werden drei, vier Melodien durchprobiert, bis die Richtige gefunden ist. Den Song dann auf Chorgesang hin umzuarrangieren, geht schnell. Die meisten EFCler sind erfahrene Musiker und in Musikverein, Narrenkapelle oder einer Band aktiv. Außer Säfti, der ist nur Chef im Schützenverein. Dafür hat er aber das Talent, aus Themen und Textideen den zur Musik passenden Liedtext zu dichten und mit den EFC-typischen Anspielungen, Witz und Schmäh zu versehen. An guten Tagen entstehen so Songtexte auch zu eigentlich langweiligen Themen (Wasserenthärtungsanlage), die so lustig sind, dass sie es durchaus mit „Hurz“ von Hape Kerkeling oder mit „Katzenklo“ aufnehmen können.

Wenn das Rohgerüst aus Text und Melodie steht, sind die Songs noch längst nicht fertig. Von Probe zu Probe werden Wörter umgestellt ausgetauscht, Sätze verkürzt und Tonlagen verändert. Dabei kommt es vor, dass minutenlang um einen Vokal gefeilscht wird. Solange bis alle zufrieden sind, denn man möchte keinesfalls hinter den jahrelang erarbeiteten Qualitätsstandard zurückfallen.

Zwei bis drei Wochen vor dem Bunten Abend geht es dann ins „Trainingslager“. Für ein Wochenende zieht sich der EFC in die Schwarzwaldhütte von Günther Reich in Reinerzau zurück, um konzentriert zu proben und den Programmablauf auszuarbeiten. Man trifft sich Freitagnachmittag auf dem Penny-Parkplatz. Dann wird erst einmal eingekauft. Was da an Essen und insbesondere Getränken in den Autos verstaut wird, deutet eher auf ein Partywochenende hin, als auf ein Arbeitstreffen. Klar, beim EFC kommen die Geselligkeit und das leibliche Wohl nie zu kurz – insbesondere am Freitagabend. Trotzdem wird konzentriert und in Arbeitsgruppen aufgeteilt, am Programm, den Songs und am ersten Video gearbeitet, samstags bis spät in den Abend hinein. Danach geht es noch eine Weile lustig her. Viele gehen vor Mitternacht ins Bett. Die kurze Nacht von Freitag auf Samstag steckt ihnen noch in den Knochen und morgen müssen die meisten zeitig raus, da sie mit der Zunft zu einem Umzug müssen. Auch die, die noch aufbleiben, sind müde vom Probetag, deshalb wird immer weniger geredet. Dafür aber wird umso mehr gesungen. Nichts was mit dem Programm zu tun hat, einfach nur zum Spaß und aus der Lust am Singen heraus. Die Songs werden mit fortschreitender Uhrzeit immer melancholischer und gegen drei zieht sich dann auch der Letzte ins Matratzenlager zurück.

Nach diesem Wochenende steht das Programm. Bleibt noch der Videodreh bei den Ärzten. Kameramann und Regisseur Jochen spornt seine Darsteller zur Höchstleistungen an: „Das ist Ki-nooo, zieh richtig durch“ – feuert er Patient „Penne“ an, als Arztbewerber Jürgen bei ihm den Kniereflex testet und dann vom hochschnellenden Bein an empfindlicher Stelle getroffen wird. Nach sechs schmerzhaften Wiederholungen ist auch diese Szene im Kasten.

Bei der Generalprobe am Freitag auf der Bühne in der Tälesee-Halle gibt`s den letzten Feinschliff. Rudi hört sich das ganze Programm vom Zuschauerraum aus an und prüft ob Verständlichkeit, Abläufe und Timing des Programms hundertprozentig sind. Dabei lautet seine Devise: kein Leerlauf, keine Durchhänger. „Hat man einmal die Aufmerksamkeit der Zuschauer für einen Moment verloren, braucht es sehr lange bis die wieder beim Programm dabei sind“, erklärt er.

Samstag, Bunter Abend. Die Erwartungshaltung der Zuschauer ist hoch. Wie immer setzt der EFC am Schluss den Höhepunkt. Während auf den Großbildleinwänden, das erste Video läuft, gehen die Zwölf auf der Bühne hinter ihren Mikrofonständern in Stellung. Jochen fragt unruhig: „Warum lachen die denn da unten nicht?“ Doch er muss nicht lange warten, das Video zeigt Wirkung und das Publikum brüllt vor Lachen. Ende des Videos. Applaus, der Bühnenvorhang geht auf und der EFC-Show-Express rollt: Alles klappt wie am Schnürchen, wirkt spontan, locker und mühelos. Hunderte Zuschauer in der Halle sind begeistert und gehen mit. Die zwölf Kameraden vom EFC haben es wieder einmal geschafft.

Hofsänger, EFC … und wer kommt dann?

Nachdem der Vorhang nach dem Finale gefallen ist, kommen alle noch einmal in der Garderobe zusammen. Über den Auftritt wird fast gar nicht gesprochen. Noch ein, zwei Bier, dazu wird wieder gesungen. Jeder hat beim Auftritt alles gegeben, aber jetzt merkt man ihnen die Anstrengung der vergangenen Tage an. Rudi hat in einem Jahr zusammengezählt, was alles an Arbeit in einem EFC-Auftritt steckt. Auf fast 1000 Probe- und Vorbereitungsstunden ist er gekommen. Ich möchte wissen, was einen dazu bewegt, nach 27 Jahren, Jahr für Jahr diesen Aufwand zu betreiben? In der Antwort sind sich alle einig: „Die Gruppe, die Kameradschaft, da stimmt einfach alles. Wenn es menschlich nicht so gut passen würde, hätten wir das nie solange gemacht“.

Trotzdem sind sie da, die Gedanken ans Aufhören und wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Jürgen meint „wir haben 20 Jahre angestrebt und schön wäre, wenn wir 30 Jahre schafften“ und Rudi wünscht sich „wunderschön wäre, wenn ein paar junge Kerle kämen, wie wir vor 30 Jahren, und die laufen uns den Rang ab. Die sagen, komm wir machen auch eine Gruppe – was die vom EFC können, können wir auch. Und nach zwei Jahren könnte ich denen sagen: Ihr seit echt besser!“ Achim Walter ergänzt: „Es wäre schade, wenn das mit uns auslaufen würde.“ Dieser Wunsch eint die zwölf EFCler. Sie wissen: Einfach so aufzuhören, das würde eine Lücke in der E’pfinger Fasnet hinterlassen. Und um die zu schließen werden 50 Liter Bier als Prämie dieses Mal nicht ausreichen.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


17.02.2012 - 12:00 Uhr