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Gegen das Vergessen im Ort

Ein Buch des Ergazenger Heimatkreises über die beiden Weltkriege und die Zeit danach

„Zur Erinnerung gegen das Vergessen – Der I. und II. Weltkrieg-Die Opfer – Die neue Heimat“ heißt das neue Buch, das der Ergazenger Heimatkreis zu seinem 25-jährigen Jubiläum herausgebracht hat. Ab kommendem Sonntag ist es erhältlich.

07.11.2014
  • Karl Ruoff

Ergenzingen. Das Buch des Heimatkreises befasst sich mit den Wirren und Ereignissen des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie der Ankunft zahlreicher Heimatvertriebener aus Ergenzinger Sicht. Auch die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wird geschildert

Angestoßen wurde das Buch durch ein Projekt, das Bernhard Herrmann, ein Lehrer der damaligen Werkrealschule Ergenzingen, im Frühjahr 2013 mit seiner Klasse 9a in Angriff genommen hatte. Dabei ging es um Recherchen zu den gefallenen und vermissten Soldaten des Zweiten Weltkriegs aus Ergenzingen, um zu sehen, welche Familien besonders betroffen waren. Nachdem Herrmann den Heimatkreis angesprochen hatte, kam es zu einer intensiven gemeinsamen Forschungsarbeit. Der Heimatkreis entschloss sich, die Forschungen auszudehnen und die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis nach dem Zweiten Weltkrieg zu erfassen. Aus der zunächst geplanten Broschüre zum Thema wurde dank der Recherchen von Schule und Verein ein 76-seitiges, mit über 80 Fotos und Illustrationen reich bebildertes Buch.

Der Abschnitt über den Ersten Weltkrieg und seine Folgen listet alle am Krieg beteiligten Ergenzinger namentlich auf. Demnach wurden nicht weniger als 183 Männer eingezogen. 32 davon fielen oder wurden vermisst und kehrten nicht mehr aus dem Krieg zurück. Fotos, sogenannte Sterbebildchen, Feldpostbriefe, Kriegsberichte und Zeitungsausschnitte belegen eindrücklich die Stimmung und patriotische Sichtweise auch in Ergenzingen.

Das Buch nennt Gefallene und KZ-Opfer

Im Abschnitt über die Zeit zwischen den beiden Kriegen werden zwar einzelne Ereignisse im Ort näher geschildert und die Entwicklung hin zum Nationalsozialismus durch zahlreiche Bilder dokumentiert. Jedoch kam es dem Verein darauf an, keine Anklageschrift zu fertigen, sondern über diese Periode lediglich sachlich zu informieren.

Auch die über 80 Gefallenen und Vermissten, die Ergenzingen im Zweiten Weltkrieg zu beklagen hatte, listet das Buch auf. Dokumentiert wird dies durch eine Reihe von Todesanzeigen. Besonders hart traf es die Familie des Dorfarztes Dr. Wilhelm Schmolze, aus der alleine 1944 drei Söhne fielen. Jedoch wird auch ins Gedächtnis gerufen, dass aus Ergenzingen fünf Männer in den Konzentrationslagern Grafeneck, Buchenwald und Dachau getötet wurden.

Der Leser erfährt auch vom Schicksal der Rosina Raible. Die 59-Jährige stand beim Einmarsch der französischen Soldaten am 18. April 1945 in der „Höll“ (heutige Hölderlinstraße) auf der Straße, als sie von den Splittern einer im Neckartal abgefeuerten Granate getroffen wurde und daran starb.

Das Kapitel Nachkriegszeit erinnert zunächst an das Gedenken an jene schlimmen Tage, das vor allem im Bau der Waldkapelle zum Ausdruck kam. Auch dem Grabfeld auf dem Ergenzinger Friedhof, wo acht Gräber von Kriegsopfern untergebracht sind und das seit 2012 vom Heimatkreis gepflegt wird, ist ein Abschnitt gewidmet.

Erstaunt werden heutige Zeitgenossen darüber sein, dass Ergenzingen in der Besatzungszeit Grenzort war, nachdem die Besatzungsmächte Württemberg in zwei Sektoren eingeteilt hatten. Bondorf lag im nördlichen und Ergenzingen im südlichen Teil. Deshalb stand an der Straße nach Bondorf ein Grenzpostengebäude mit Schlagbaum, der ständig bewacht war.

Von 1945 bis 1965 wurden zahlreiche Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Übersiedler in Ergenzingen ansässig. Um sie unterzubringen, wurde damals zwischen der heutigen Königsberger Straße und der Prinz-Eugen-Straße ein Baugebiet mit rund eineinhalb Hektar ausgewiesen, auf dem zwölf Wohneinheiten erstellt wurden. Der Flüchtlingszustrom, auch das zeigt das Buch, brachte eine Zunahme der Protestanten mit sich.

Das Buch regt zum Lesen und Durchblättern an und bietet die Möglichkeit, das Wissen über diese nicht gerade angenehmen Abschnitte der Ortsgeschichte zu erweitern. Neben zahlreichen Bildern aus Privatbesitz stammen viele vom Vereinsfotografen Bernhard Katz, der seit Jahren zu den aktivsten Heimatforschern im Ort gehört.

Info Das Buch kann am kommenden Sonntag, 9. November, im Adolph-Kolping-Saal ab 14 Uhr im Rahmen der Jubiläums-Ausstellung oder beim 1. Vorsitzenden Helmut Schäfer zum Preis von 15 Euro erworben werden.

Ein Buch des Ergazenger Heimatkreises über die beiden Weltkriege und die Zeit danach
Ein Ergenzinger, der 1918 einrückte, in Flandern kämpfte und den Ersten Weltkrieg überlebte, war Matthäus Baur. In die vom Münchner National-Verlag massenhaft angefertigten Vordrucke der „Kriegs-Chronik“ wurden nur noch der Name des jeweiligen Soldaten und seine Stationen im Krieg eingefügt.Foto: Bernhard Katz

Ein Buch des Ergazenger Heimatkreises über die beiden Weltkriege und die Zeit danach

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07.11.2014, 12:00 Uhr

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