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„Und dann weiß ich nichts mehr“ - Aggressive Anmache nach K.O.-Tropfen abgewehrt

Ein Freitagabend endete für Studentinnen im Blackout

Sie wollten tanzen, mit Freundinnen einen netten Abend in einem Tübinger Club verbringen. Am nächsten Morgen wachten sie zu Hause auf – ohne Erinnerung daran, was passiert war. Das TAGBLATT sprach mit Studentinnen, denen K.O.-Tropfen verabreicht wurden. Zur Polizei ging keine von ihnen: „Das bringt ja eh nichts.“

01.01.2015
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Klar kann das passieren. Aber es passiert doch eigentlich immer nur den anderen. Man selbst passt schließlich auf, hat sein Glas im Blick. Außerdem ist man hier in Tübingen, nicht in einer Großstadt und nicht mal in einer Großdisco. Vier Studentinnen haben sich an jenem Freitagabend im Oktober verabredet. Das Semester ist gerade mal zwei Wochen alt. Sie treffen sich bei Heike (alle Namen von der Redaktion geändert), essen ein bisschen was, machen die Weinflasche auf. Kurz nach Mitternacht ziehen die vier los in einen nahen Club.

Ein Freitagabend endete für Studentinnen im Blackout
„Ich geb dir einen aus“ – nicht immer ist es freundlich gemeinte Kontaktaufnahme, wenn einem Fremde in einem Club oder auf einem größeren Fest einen Drink ausgeben. Mancher Abend kann in einer Stunden andauernden Erinnerungslücke enden.

Für Rike verläuft der Abend folgendermaßen: Sie holen sich alle etwas zu trinken. „Ich weiß noch, wie wir später alle auf die Tanzfläche gegangen sind. Und dann weiß ich nichts mehr.“ Die Erinnerung kehrte erst am nächsten Morgen zurück. Ihr WG-Mitbewohner fand sie morgens um 6 Uhr im Klo auf dem Fußboden. Auch Mirjam schüttelt den Kopf, wenn sie versucht, sich zu erinnern. Auch sie weiß nur noch: Sie war auf der Tanzfläche. Dann gingen bei ihr die Lichter aus.

Selbst zwei Monat später ist die Situation mehr als bizarr, als die vier jungen Frauen zusammensitzen und der TAGBLATT-Redakteurin berichten: Heike und Lara erzählen, wie es von da an weiter ging. Sie berichten, wie Rike erst noch getanzt hat, ganz selbstvergessen, als wäre sie in einer anderen Welt. „Sie war nicht mehr ansprechbar. Bewegte sich völlig unkoordiniert. Das war echt strange“, erinnert sich Lara. Später dann saß ihre Freundin apathisch auf einem Sofa. Heike hat ihr immer wieder Mineralwasser unter die Nase gehalten: „Trink was!“ habe sie ihr gesagt. Doch Rike habe kaum reagiert. Auch Mirjam driftete völlig ab. Sie lehnte an der Bar, neben ihr zwei Männer, die ihr etwas zu trinken anboten.

Während zwei der Freundinnen von jener Nacht berichten, sitzen Rike und Mirjam still am WG-Tisch. Sie hören konzentriert und fast ungläubig zu. Als würde da über jemand anderen geredet. Als könne es gar nicht sein, dass sie das waren – sie müssten es doch wissen! Es ist, als würden die beiden noch heute, zwei Monate später, krampfhaft nach innen schauen, ob nicht irgendwo in den Tiefen des Gedächtnisses doch irgendeine Spur einer Erinnerung ist. Aber da ist nichts. Gar nichts.

Außer der Wut auf denjenigen, der ihnen offensichtlich K.O.-Tropfen verabreicht hat. Denn anders können sich Rike und Mirjam nicht erklären, was passiert ist. Natürlich hatten sie an dem Abend Alkohol getrunken. Wein und Tequila – so wie ihre beiden anderen Freundinnen auch. „Wir hatten alle ungefähr die gleiche Menge intus“, sagt Heike. Doch bei zweien begann quasi synchron der vollkommene Blackout. „Ich weiß, wie das ist, wenn man einen Filmriss hat,“ fügt Rike hinzu. „Ist mir auch schon mal passiert.“ Aber da habe sie sich noch schemenhaft an Dinge erinnert. „Das was da passiert ist, war definitiv anders.“

Die erste Reaktion war, an sich selbst zu zweifeln

Rike und Mirjam wurden an diesem Abend von ihren Freundinnen nach Hause verfrachtet. Ein Passant hat ihnen dabei geholfen. „Wir mussten sie praktisch tragen“, erzählt Lara. „Sie konnten nicht mehr laufen. Allein hätten wir sie nicht nach Hause gebracht.“

Was in der Nacht passiert sein muss, wurde den jungen Frauen erst am nächsten Tag klar, als Rike und Mirjam telefonierten. Und die Eine von der Anderen erfuhr, dass es ihnen fast gleichzeitig den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Denn die erste Reaktion war auch bei den Beiden, an sich selbst zu zweifeln. Was war in der Zeit passiert, an die sie sich nicht mehr erinnern können? Haben sie sich da wirklich so zulaufen lassen?

Erst als sie hörte, dass es ihrer Freundin genauso ergangen war, wuchs bei Rike der Verdacht, dass da jemand nachgeholfen hatte. Sie setzte sich ans Internet, googelte nach Symptomen und Berichten von K.O.-Tropfen-Opfern und fand sich in vielem bestätigt.

Zur Polizei gegangen sind die beiden übrigens nicht. Am ersten Tag habe sie sich zu schlecht gefühlt, berichtete Rike. „Außerdem bringt das doch nichts, wenn ich keinen Nachweis habe.“ K.O.-Tropfen sind schon nach sechs Stunden nicht mehr nachweisbar. Und über den Alkohol-Konsum mit der Polizei zu diskutieren, darauf hatten die beiden keine Lust. „So ist das Ganze im Sande verlaufen.“

Auch in ihrem Bekanntenkreis hatten sie zuerst nichts erzählt. Die erste Reaktion wäre ja doch gewesen, dass alle gesagt hätten: Ihr habt einfach zu viel getrunken – und man ihnen nicht geglaubt hätte. „Man glaubt’s ja zuerst selbst nicht, was einem da passiert ist“, sagt Mirjam.

Dann auch noch ein Drogendealer

Richtig sauer macht alle vier im Nachhinein noch ein zweiter Punkt: Es seien an jenem Abend etliche Männer in dem Club gewesen, die extrem aufdringlich gewesen seien, berichtet Lara. Einige hätten Rike belagert, als diese bereits apathisch auf einem Sofa saß. „Finger weg von meiner Freundin. Ihr seht doch, dass mit ihr was nicht stimmt.“ Mit diesen Worten wies Lara die Typen zurecht. Diese seien daraufhin aggressiv geworden, einer habe sie weggedrückt und angeschnauzt: Das gehe sie gar nichts an. Schließlich wurde ihnen noch, als sie ihre Freundinnen nach Hause schleppten, auf offener Straße in der Altstadt Speed und andere Drogen angeboten.

Auch Wochen nach diesen Erlebnissen bleibt bei den vier jungen Frauen vor allem Ratlosigkeit. „Es ist so traurig und erbärmlich, wenn jemand sowas macht“, sagt Rike. Sie erhofft sich wenig Hilfe von der Polizei, sieht aber auf jeden Fall, dass was passieren muss: „Ich möchte, dass anderen das nicht passiert. Was wäre gewesen, wenn es uns alle erwischt hätte?“ Und Mirjam fügt hinzu: „Ich möchte auch in Zukunft noch mit meinen Freundinnen ausgehen können.“

Bei der Polizei sind von März bis Oktober im Kreis Tübingen sechs Verdachtsfälle mit K.O.-Tropfen registriert. In allen Fällen habe man aber ausschließen können, dass K.O.-Tropfen verabreicht wurden, sagte der Sprecher der Polizei gegenüber dem TAGBLATT. Auf Nachfrage relativierte dieser die Aussage: Man habe es nicht ausschließen, aber eben auch nicht nachweisen können, weil die Betroffenen jeweils auch erhebliche Mengen Alkohol getrunken hätten. Die Amnesie hätte genauso gut vom Alkohol kommen können.

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