Schatz des Monats

Ein Gott der Krankheit?

Derzeit ist er unsichtbar wie das Coronavirus.

24.04.2020

Von Alexander Heinemann

Hellenistische Bronzeprägung der Stadt Alexandria Troas mit Wiedergabe des ebenso pestiziden wie todbringenden Apollon Smintheus (Bildzitat nach: forumancientcoins.com)Bild: Bill Welch

Am Anfang der abendländischen Literatur steht eine Seuche: Homers Ilias, das Epos vom Zorne Achills vor Trojas Toren, ist noch keine 40 Verse lang, da beschwört der trojanische Priester Chryses seinen Gott, die Griechen zu strafen: „Smintheus!“ Der so angerufene ist Apollon als Gott – der Feldmäuse. Dieser erhört das Gebet und begibt sich in die Nähe des griechischen Feldlagers. „Er wandelte, düsterer Nacht gleich“ vermerkt die Voß’sche Homerübersetzung (1806) von dem Gott, dessen Pfeile Maultiere und Hunde dahinraffen, bevor das Leiden auf den Menschen überspringt. „Und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge.“

Die Pestilenz, deren unsichtbares Wirken als tödliche Pfeiltreffer Apollons beschrieben wird, bleibt bei Homer namenlos; schlaue Mediziner tippten auf eine durch Togaviren übertragene Pferdeenzephalomyelitis. Dürfte die Krankheit auch literarische Fiktion sein, das Heiligtum des Apollon Smintheus gibt es tatsächlich: Im Hinterlande Trojas liegt es nahe der Siedlung Chrysa (‚die Goldene‘), die nicht von ungefähr den gleichen Namen trägt wie Homers erboster Priester. Der dortige Tempel war mit Bildern des trojanischen Krieges geschmückt; antike Besucher dürften sich wie in einem mythologischen Themenpark vorgekommen sein.

Die Kultstatue des Gottes hatte der prominente Bildhauer Skopas aus Marmor gefertigt. Bis auf ein kolossales Beinfragment, das kürzlich bei Grabungen zutage trat, ist sie verloren. Zu ihren Füßen, so überliefert es der antike Geograph Strabo, hockte eine Maus „als das Kennzeichen (symbolon), welches die Herkunft des Gottesnamens überliefert“. So ist Apollon Smintheus auch auf lokalen Münzen abgebildet: Langgewandet, den Köcher auf dem Rücken, hält er eine Opferschale in der Rechten und den Bogen mit eingelegtem Pfeil in der Linken, während das namengebende Nagetier vor ihm krabbelt.

Aber was ist das für ein Gott, den man da verehrte? Einer, der dem Heer des Agamemnon und des Menalaos, des Odysseus und des Achilles Tod und Verderben brachte? Der Archäologe Antonio Corso hat kürzlich die These vertreten, die Statue des Apollon Smintheus müsse von einem persischen Statthalter als antigriechisches Denkmal in Auftrag gegeben worden sein, doch liegt dieser Erklärung ein recht schematisches Verständnis antiker Götter zugrunde. Apollon steht bei Homer grundsätzlich auf Seiten Trojas, doch hat dies keine griechische Stadt je von seiner kultischen Verehrung abgehalten. Der Mäuse-Apollon ist zunächst ein Gott, der landwirtschaftliche Plagen abwehrt. Nachdem der Heerführer Agamemnon sich die Priestertochter Chryseis als Feldlager-Gspusi ins Zelt geholt hat (Generationen von Griechisch-Schülern lernten dafür den ansonsten wenig brauchbaren Begriff ‚Kebsweib‘), ist das griechische Heer für den alten Chryses eben eine rechte Plage, und sein Apollon Smintheus versteht es, damit umzugehen.

Diese Funktion als Alexikakos (Übelabwehrer) erfüllt Apollon vielerorts in der griechischen Welt, ob er nun in Delphi die Drachenschlange Python besiegt oder auf der Athener Akropolis eine Statue als Heuschreckengott erhält. Nicht umsonst gilt er auch als Vater des Heilgottes Asklepios. Aber Heil und Wehe liegen eben nahe beieinander, und das griechische Wort pharmakon bezeichnet das Gift ebenso wie das Heilmittel.

„Der Verwunder wird heilen“, weissagt ein Orakel dem verletzten Helden Telephos in einer gleichfalls in Kleinasien angesiedelten Erzählung. Der Tübinger antwortet mit Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende.“

Hinter geschlossenen Museumstoren

In der Rubrik ‚Schatz des Monats‘ stellen Kustoden der Hohentübinger Universitätssammlungen Objekte vor, die im Schloss Hohentübingen näher in Augenschein zu nehmen sind. In Zeiten der zwangsläufigen Schließung des Museums erscheint ein solcher Lockruf widersinnig.

Im April 2020 ist der Schatz daher kein Museumsstück und für aller Augen ebenso unsichtbar wie jener Erreger, dessen Griff sich die Weltgemeinschaft derzeit so lange wie irgend möglich zu entziehen sucht.

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Erstellt:
24. April 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
24. April 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. April 2020, 01:00 Uhr

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