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Empfingen·Zeitreise

Ein Hauch von Woodstock in Empfingen

Internationale Stars in Empfingen? Was erst reichlich abwegig klang, machten die Katholische Junge Gemeinde (KJG) und die Julius-Bauser-Stiftung möglich. Regen sorgte für Woodstock-Feeling.

18.04.2019

Von Reinhard Seidel

Rockgiganten der DDR in Empfingen: Ausgerechnet bei den Puhdys streikte das Licht – die blieben cool.

Es hat gefühlt wochenlang geregnet vor jenem
28. Mai 1983
– eine Zeit, in der es weder Handys noch Internet gibt. Doch am Morgen reißt plötzlich der Himmel auf, die Sonne brennt. Aus allen Himmelsrichtungen strömen junge Leute herbei, die Feuerwehr lenkt die gut 1000 Fahrzeuge, die bis aus Berlin oder der Schweiz kommen, zu den Parkplätzen. Die Bahn setzt Sonderbusse ein. Das DRK steht bereit. Die Puhdys trudeln aus Ostberlin ein.

Die Leute, die den Band-Technikern beim Aufbau helfen, freuen sich über Schallplatten als Dankeschön der Puhdys. Am Freitag hat die KJG über Radio noch schnell die Meldung verbreiten lassen: Es gibt nur noch wenige Restkarten. Vor dem Zelt bildet sich eine lange Schlange, rund 3500 Eintrittskarten zum Preis von 17 Deutsche Mark gehen schon im Vorverkauf weg. Kalkuliert worden war im Vorfeld mit 1500 Rockfans.

Die dampfende Schwüle im 5000-Personen-Zelt wird immer drückender und der Andrang am Nachmittag derart stark, dass die Verantwortlichen nicht umhin können, die Seitenwände des Zelts zu öffnen. Das Wetter erinnert bis zur Eröffnung an Woodstock – und wie in Woodstock wird ein freies Konzert daraus.

Wie heute bei der Beatparade pilgern auch viele ältere wunderfitzige Empfinger hinaus an den Festplatz, um die 4000 Watt starken Lautsprechertürme oder das riesige Mischpult anzuschauen, das auf einem Traktor-Anhänger inmitten des Zelts steht.

Sägespäne stabilisieren Boden

Alle Interpreten sind vor Ort, die Spannung bei den Organisatoren legt sich. Es war ein großes Wagnis für die KJG – die sich zwischenzeitlich 2014 nach 37 Jahren aufgelöst hat – dieses Festival zu stemmen. Legendär waren damals schon die Weihnachtskonzerte der KJG unter anderem mit der Progressive-Rockband „Eulenspygel“. Zum Organisationsteam gehörten federführend Carola Werth, Ute Seyfried, Sabine Schüch, Bernhard Fieler, Oliver Baiker, Rudi Walter, Karl-Anton „Gago“ Maier, Harry Gaus und Reinhard Seidel. Unerfahren in der Organisation, war Monate zuvor eine kleine Gruppe nach Hamburg gefahren, um sich dort von Hartwig Biereichel, dem Schlagzeuger der Romantik-Rockband „Novalis“, die eigentlich auftreten sollte, wertvolle Tipps zu holen.

Laut Einsatzplan kümmerten sich 111 Jungs und Mädchen inklusive vieler Eltern, Verwandten und Kumpels um den Eintritt, die Bewirtung und die Ordnung. Eine teure Profi-Ordnergruppe war damals nicht nötig. Die Kosten wurden auf 50 000 DM kalkuliert, die Stiftung war bereit, einen möglichen Abmangel in Höhe der Hälfte zu schultern. Dennoch war die KJG gefordert, zur Sicherheit Bürgen zu finden. Ein einzelner Unterstützer bürgte sogar mit 300 Mark. Die Geldbeutel der Bürger blieben somit unangetastet. Mehr noch: Die Stiftung musste damals erstmals keinen Abmangel tragen. Ein Teil des gesparten Geldes floss später in die Drainage des Festplatzes .

Bürgermeister Reinhold Köhler, der Vorsitzende der Stiftung, hegte Bedenken, dass die Phonzahl der Musik die Anwohner in Reichenhalden stören könnte. Deshalb mussten Mitglieder der KJG in der Wohnsiedlung von Tür zu Tür marschieren, sich vorab „entschuldigen“ und ein kleines Präsent übergeben. Von der Bevölkerung unbemerkt, hatte der Schultes zudem Polizisten organisiert, die in der Turnhalle für den Notfall bereit standen. Sie schoben einen ruhigen Tag.

Der Regen hatte den Festplatz völlig durchgeweicht. Nach dem Zeltaufbau schaute Karl Bauser vorbei, er forderte die Schaffer auf, mit Spaten eine Drainage ums Zelt zu ziehen. Erste Reaktion: „Wir können doch nicht den Festplatz umgraben!“ „Doch“, meinte Bauser, „das nehme ich auf meine Kappe.“ Uwe Gfrörer chauffierte unaufgefordert Lastwagenladungen Sägemehl herbei, die er nach dem Konzert auch wieder entsorgte. Mit schmutzigen Gummistiefeln an den Füßen fuhren KJGler am Freitag direkt vom Festplatz zum Horber Bahnhof, um die Musiker von „Ougenweide“, aus Hamburg angereist, abzuholen. Die Mitglieder der damals erfolgreichsten deutschen Folk-Rock-Band entpuppten sich als völlig unkompliziert. Die Vorreiter des Mittelalter-Rock spielten ihre Text-Vertonungen von Walther von der Vogelweide oder das fetzige „Totus floreo“ aus Carl Orffs „Carmina Burana“.

KJG fragte „Steppenwolf“ an

Weniger gute Erfahrung machte „Ougenweide“ jedoch beim Soundcheck mit den arroganten Musikern und Technikern von „Eloy“. Die Tonanlage wurde nach deren Wünschen konzipiert, doch stimmte dies die Band keineswegs zufrieden. Am Tag zuvor war diese „Artrock“-Band um Frank Bornemann aus Hannover, die letztlich für „Novalis“ eingesprungen war, noch in Paris aufgetreten. Ursprünglich hätte die Band „Steppenwolf“ (Born to be wild) aus Los Angeles dem Publikum in Empfingen einheizen sollen. Leider wurde ihre neue Platte nicht fertig. Im Vorfeld waren zudem Ulla Meinecke und Klaus Lage als weitere Interpreten im Gespräch. Schon am Freitag war zudem die Woodstock-Legende Country Joe McDonald in Empfingen zu einem exklusiven Deutschland-Konzert eingetroffen. 1969 hatte er dort vor geschätzt 400 000 Menschen gesungen. Bis von Stuttgart oder Berlin riefen Leute auf dem Rathaus an, um wegen Joe oder den „Puhdys“ Eintrittskarten zu ordern. Joe kam zusammen mit seiner Freundin Kathy, die er wenige Wochen später in Berkeley bei San Francisco heiratete. Beide wohnten mit Blick auf den Tälesee im Gasthof „Rosengarten“, wo auch die anderen Musiker ihr Essen serviert bekamen. Wo einst das Gasthaus war, steht heute das Pflegeheim. Die Kommunikation mit Joe funktionierte postalisch und kurz vor dem Auftritt mit Telex, genauer mithilfe eines Fernschreibers der Firma Hebu. Joe stand als zweiter Künstler auf der Bühne, allein mit zwei Gitarren und einem Verstärker. Er begann mit dem Satz: „Gimme an F“, mehr als 5000 Leute schrien „F“ und Joe meinte „Thank You, I needed that“. Sofort zog er das Publikum in seinem Bann. Natürlich kam sein weltbekannter Fish-Cheer aus dem „I-Feel-Like-I’m-Fixin‘-to-Die-Rag“ erst als Zugabe.

„Eloy“ servierten als dritte Band orgelbetonten Hardrock, und dann wartete die angeheizte Menge ungeduldig auf die Puhdys, die Rock-Giganten aus der DDR. Grund für die lange Pause war ein Zwischenstecker, um das ostdeutsche Equipment mit dem westdeutschen- zu verkuppeln. „Während „Gago“ am Mikrofon die zur Bühne drängenden Zuschauer beruhigte, kam der Elektriker entspannt auf die Bühne und fragte: „Wo send jetzt dia Kerle vo’ dr‘ DDR?“ Der Stecker saß und die „Puhdys“ ließen ihren „Sturmvogel“ durchs Zelt fliegen.

Sie erinnerten in Zeiten der Hochrüstung an „Hiroshima“ und es fehlte keiner ihrer großen Hits wie „Alt wie ein Baum“, „Melanie“, „Wenn Träume sterben“, „Perlenfischer“ oder ihre Fassung von John Lennons Imagine – „Hey John“. Auch ein kurzzeitiger Ausfall der Lichtanlage brachte die Profis nicht in die Bredouille. Unbeeindruckt spielten sie weiter, bis das Licht wieder anging. Zum Schluss folgte das Lied, auf das viele gewartet hatten: „Wenn ein Mensch lebt“, der Song aus dem Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“. Die angenehmste Erfahrung machte die KJG mit Country Joe, den Janis Joplin, als sie nach Kalifornien zog, gerne als Freund gehabt hätte. Joe trug sich sogar mit dem Gedanken, ein Lied über Julius Bauer und die Stiftung zu schreiben, und wollte nochmal nach Empfingen mit seiner Band the Fish kommen. 1986 zerschlug sich dieses Vorhaben aber, weil die USA Zoff mit Libyen hatten, Joe einen Anschlag fürchtete und nicht fliegen wollte.

Stifter Julius Bauser hat das Festival nicht mehr erlebt. Er starb am 16. Oktober 1982. Die KJG ließ für den Mäzen später eine Messe lesen. Rudi Walter und Reinhard Seidel fuhren Joe und Kathy am Montag nach dem Festival zu einem Auftritt nach Salzburg. Er entpuppte sich auch hier als weltoffener Intellektueller, der viel über Deutschland wusste, beispielsweise Märchen aus dem Schwarzwald wie „Das kalte Herz“. Und er wusste, als auf der Autobahn der weißblaue Äquator überquert wurde, dass die Bayern „a little bit crazy“, also ein bisschen anders sind. Auf seinen Wunsch hin machten die Vier noch einen Stopp am Chiemsee, wo Joe und Kathy in einem original bayerischen Biergarten ein Bier trinken wollten.

Eine riesige Menge machte im Festzelt Stimmung – die Organisatoren von der KJG mussten sich bei den Anwohnern in Reichenhalden vorab „entschuldigen“. Bilder: Karl-Heinz Kuball

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Erstellt:
18. April 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
18. April 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. April 2019, 01:00 Uhr

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