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Die Causa beim Garnelen-Treff

Ein Herz spielt verrückt – Der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 5)

Diese Kleingeister im Bauamt. „Sesselfurzer!“ hatte sein Vater früher solche Leute genannt. Damals, als Kind, war es ihm peinlich gewesen, ihn öffentlich so reden zu hören, heute... er schaute zum Himmel hoch und murmelte: „Wie recht du doch hattest!“

18.08.2015
  • ST

Jetzt musste Stefan Stocker mit diesen Paragrafenreitern zurechtkommen. OB hin oder her, irgendwo lauerte immer eine Verordnung, die jede noch so gute Idee reif für den Müll machte. Und irgendwo saß immer einer, der von so einer Verordnung wusste.

Ein Herz spielt verrückt – Der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 5)
Der OB wusste, proaktiv war immer besser.Zeichnung: Buchegger

Passivklinik. Alle zwölf Buchstaben hatten seine Bauamtsleute einzeln zerpflückt. Die Uniklinik gehört dem Land, da hat die Stadt gar nichts zu melden. Dem größten Arbeitgeber in Tübingen kann man doch damit nicht kommen. Was das kostet? Was das bringt? Und: Geht das technisch überhaupt? Da war ihm klar geworden, dass er von diesen ,Experten‘ keine Hilfe erwarten konnte. Er musste alle Hoffnung auf seine Kontakte im Umweltministerium und in der Partei setzen.

Doch zu allererst galt es, das blödsinnige Gerücht aus der Welt zu schaffen, er habe alle Klimaanlagen in der Stadt verbieten lassen. „Sie hätten die Rebekka auf dem Gewissen gehabt, niemand anderes als Sie!“ hatte ihn Prof. Dr. Dr. Andreas Seelig gestern Abend am Telefon angeschrien. Nein. Nein. Nein. Es brauchte lange, bis sich Seelig beruhigte und ihm zuhörte. Nein, sagte Stocker, er sei zwar durch und durch Öko, aber nicht so hirnverbrannt, Klimaanlagen verbieten zu lassen. Und schon gar nicht in der Klinik.

Heute früh hatte dann Seeligs Haustechnik-Chef angerufen, ganz klein mit Hut: Ein Fehler im CPU auf dem Motherboard, und die Standby-Redundanz wurde vergessen einzuschalten. So sei es halt zu einer Verkettung...

Soso. Stocker hatte sich bedankt und aufgelegt. Was jetzt? Die Erste Bürgermeisterin hatte ihm gerade aufgeregt berichtet, dass gestern auf der Sommerinsel – beim Garnelen-Treff, wie er immer lästerte – die „Causa Klimaanlage“ die Runde gemacht hätte. Er schaute auf die Uhr. Kurz vor zehn. Dann dauert es nicht mehr lang und vom Tagblatt ruft einer an. In nullkommanix skizzierte er seine Strategie. Ja, im Denken war er fix, das mussten sogar seine Widersacher anerkennen. Er entschied sich, selbst beim Tagblatt anzurufen. Proaktiv, das hatte er in den zwanzig Jahren gelernt, in denen er jetzt schon Politik machte, proaktiv bist du immer besser dran.

Er konnte zufrieden sein mit seinem kurzen Draht zur Presse. Kurz vor dem Mittagessen hatte er den Onlinetext gelesen: Klinik kämpft um Säugling – Haustechnik-Panne bringt Zweijährige in Lebensgefahr. Klinikchef Prof. Dr. Dr. Andreas Seelig höchstselbst wurde zitiert: Bedauerlicher Zwischenfall, aber dank des kompetenten Einsatzes von und blablabla. „Das Klinikum evaluiert derzeit ohnehin die technische Infrastruktur“, da wo man „Stellschrauben justieren“ müsse, werde man und blablabla.

Der Oberbürgermeister selbst gefiel sich darin, in dem Text dem „typisch Tübinger Gerücht“ entgegen zu treten, er habe oder wolle Klimaanlagen verbieten lassen und trage deshalb sozusagen eine Mitschuld an dem dramatischen Geschehen in der Kinderklinik. „Wir sind alle mehr als froh, dass Rebekka dank des professionellen Einsatzes der Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeiter überlebt hat.“ Ja, so ungefähr hatte er das gesagt. Und dass die Stadt gerne der Klinik flankierend zur Seite springe auf ihrem Weg der permanenten technischen Verbesserungen. Wobei natürlich auch der Fokus verstärkt auf das zeitgemäße Energiemanagement zu richten sei. Passivklinik sei natürlich nur ein Schlagwort, es dokumentiere sozusagen die Richtung auf ein Ziel. Morgen würde man in der Printausgabe mehr lesen. So endete der Artikel. OB Stefan Stocker rieb sich die Hände.

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18.08.2015, 12:00 Uhr

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