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Dreihundert Kilo Alteisen

Ein Herz spielt verrückt – Der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 6)

Was bisher geschah: Oberbürgermeister Stefan Stocker konnte alle Vorwürfe in der „Causa Klimaanlage“ entkräften. Aber er braucht die Uniklinik für seine ehrgeizigen Energiesparziele. Bob-Bob-Bob-Bob. Die Harley tuckerte vor sich hin.

22.08.2015
  • ST

Sechzehntausend Euro für dreihundert Kilo Alteisen. Das war der Kommentar seiner Freunde im Rotary Club gewesen, als er ihnen vor zwei Jahren auf dem Smartphone stolz sein „Baby“ präsentiert hatte. Eine „Street Bob“ mit tiefem Sitz, für ihn gerade richtig. Und mit 80 PS konnte er als Mittsechziger wenig Blödsinn anstellen. Sie war lauter als schnell.

Ein Herz spielt verrückt – Der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 6)
Alle 200 Kilometer verschwand ein akademischer Titel.Zeichnung: Buchegger

Die drei Tage am Faaker See waren wieder viel zu schnell vergangen. Zum dritten Mal hatte er jetzt die European Bike Week in Kärnten besucht. 70 000 Verrückte wie er; aus allen Generationen. Auf der Hinfahrt ließ er alle 200 Kilometer einen seiner akademischen Titel in der Ledertasche am Maschinenheck verschwinden. Den Prof. bei Augsburg, den ersten Dr. bei Salzburg, den zweiten Dr. dann kurz vor dem Ziel in Villach. Ab dort war er dann zweiundsiebzig Stunden lang nicht mehr der Uniklinikumsvorstand Prof. Dr. Dr. Andreas Seelig, sondern Andy. Einer unter vielen. Bier in rauen Mengen, ab und an Stangentanz. Dazu Rockmusik, dass er die Ohrstöpsel nach der Ankunft immer gleich drinlassen konnte. Die kleine Flucht tat ihm jedes Jahr gut. Dieses Jahr ganz besonders.

Case-Mix-Index, Fallpauschalen, Pflegenotstand. Zu wenig Geld. Er konnte es nicht mehr hören. „Wir müssen bald wegen jedem neuen Fahrradständer ins Ministerium nach Stuttgart dackeln.“ So hatte neulich seine Kaufmännische Direktorin gesagt. Solche sarkastischen Anfälle war man von Miss Ice Age, wie sie von vielen in ihrer engeren Umgebung heimlich genannt wurde, nicht gewohnt. Aber sie hatte recht. Er war mal Urologe gewesen, erinnerte sich Andreas Seelig immer häufiger resigniert. Nur Urologe. Das hatte er lernen wollen. Und gelernt. Schon verrückt irgendwie: Er hatte sich in Harnorgane verliebt. Na ja, und irgendwann auch in seine Frau.

Insgeheim beneidete er seinen Sohn. Paul-Christian war, „Kinderkram“ hin oder her, in der Kinderkardiologie wenigstens an der Front im Einsatz. Konnte Menschenleben retten. Dafür war man als Arzt doch da. Wurde geachtet, manchmal auch regelrecht geliebt. Und er? Er dachte in manch quälend langen Sitzungen zu Klinikerweiterungen, Parkhausneubauten oder zugegebenermaßen sauteuren neuen Gerätschaften gelegentlich daran, wie er dem Leitenden Ministerialrat eine minimalinvasive laparoskopische Chirurgie des Retroperitoneums angedeihen lassen könnte... Doch solche Anfälle von Anarchie hielten nie lange. Wusste er doch, dass diese Ministerialfuzzys schneller nachwachsen konnten als Pilze im Herbst. Er musste sich noch ein paar Jahre arrangieren.

Bob-Bob-Bob-Bb. Dann Stille. Er schob die Harley neben den BMW i8. Seine Frau liebte diesen Zweitwagen. Damit konnte sie lautlos nach Pfäffingen gleiten. Dort fand sie im Supermarkt fast alles, was sie brauchte – und vor allem einen Parkplatz. Es war Magdas kleine Rache am „Stockerle“, wie sie den OB nannte. Jedenfalls dann, wenn er außer Hörweite war. Der hatte den Pfäffingern ihre „Spätzle-Mall“ nicht gegönnt. Für Magda und ihre Freundinnen war es zur Ehrensache geworden, so gut es ging nur noch dort einzukaufen.

Seelig blieb noch kurz vor seiner Villa stehen. Es war an der Zeit, seine akademischen Titel aus der Hecktasche zu befreien. Morgen früh musste er wieder Prof. Dr. Dr. sein. Leidenschaft, Härte und Entschlossenheit ausstrahlen. Stefan Stocker hatte ihn zum Tête-à-Tête gebeten. Genauso hatte es in der SMS geheißen, die er am Faaker See geöffnet hatte. Ein Vier-Augen-Gespräch über die Idee der Passivklinik. Mit der Bitte um Ergebnisoffenheit! So hatte ihn der OB noch nie angeschleimt. Bisher hatte Seelig meistens morgens im Tagblatt lesen müssen, was er mittags beim Gespräch mit Stocker zusagen sollte. Und jetzt das. Seeligs wusste, er musste auf der Hut sein.

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22.08.2015, 12:00 Uhr

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