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Die nächste Tür zu Alice

Ein Herz spielt verrückt – Der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 7)

Was bisher geschah: OB Stefan Stocker hat so seine eigenen Vorstellungen, wie es an der Uniklinik weitergehen soll. Kinderkardiologe Paul-Christian Seelig trifft seine Jugendliebe Sophia wieder und rettet einem Neugeborenen das Leben. Dr. Alice Muller schloss kurz die Augen, atmete tief ein und strich sich den körperbetonten Arztkittel glatt.

25.08.2015
  • ST

Sie hatten es geschafft, gemeinsam. Dieser Kinderkardiologe, musste sie zugeben, war ein Teufelskerl am OP-Tisch! Wie souverän er das Operationsbesteck zu handhaben wusste, wie sorgsam er darauf achtete, dem winzigen Körper unter den Abdecktüchern nicht noch mehr Schaden zuzufügen, als er eh schon erlitten hatte.

Ein Herz spielt verrückt – Der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 7)
An Seeligs Seite war die OP ein Kinderspiel für sie.Zeichnung: Buchegger

Knapp und präzise, mit männlichem Tonfall, gingen die Anweisungen an die Runde, sie duldeten weder Aufschub noch Widerspruch. Und doch war Zeit für ein belustigtes Zwinkern aus dem Augenwinkel, als Schwester Petra beinahe über das Versorgungskabel stolperte. „Hoppla“, kommentierte Paul-Christian Seelig geistesgegenwärtig, und sein Mundschutz knisterte. Doch keine einzige Schweißperle stand auf der hohen Stirn.

Vielleicht war dieses „Hoppla“ jener Moment, als die aparte Anästhesistin den ihr noch unbekannten Oberarzt tief in ihr Herz schloss. Sie war aus New York nach Tübingen geflüchtet, nicht nur um an dieser Klinik mit dem exzellenten Ruf den letzten Schliff zu bekommen. Sondern auch, um dem Schatten des übermächtigen Gatten zu entkommen. Alice wollte nicht länger das dekorative Anhängsel an seiner Seite sein. Bei unzähligen Charity-Essen huldvoll ihr Lächeln verteilen oder feuchte Hände schütteln, nur damit der Spendenpegel für Constantins Privatabteilung stieg – wie sie das alles hasste!

Immer rascher waren mit den Jahren ihre Gefühle für ihn erkaltet, naturgemäß die erotischen zuerst. Sie musste sich am Ende zwingen, seine dröhnende Selbstgewissheit zu ertragen.

„Sie haben das sehr gut gemacht.“

Dr. Paul-Christian Seelig kam hinter dem Vorhang aus der Waschecke hervor und krempelte die Ärmel herunter. Auch ihn verwirrte die neue Kollegin, die jetzt unbewegt und kerzengerade den Rücken durchdrückte, als wäre sie eine kühle Marmorstatue.

„Thanks für die compliments“, erwiderte Alice, „aber an Ihrer Seite war die operation ein, wie sagt man – Kinderspiel?“

Mit einer beiläufigen Bewegung lockerte sie das Gummiband an der Zopfspitze. Seelig beobachtete fasziniert, wie ihr weizenblondes Haar über den Kittelkragen wogte und noch ein paar Mal wie ein Bungeeseil auf und nieder hüpfte.

Für einen Augenblick dachte er an Sophie. Doch diese Frau, sie war sophisticated. Sie hatte, fand er, Klasse. Und Rasse. Und Sommersprossen. Und sie war hier bei ihm, in seinem Arztzimmer.

„Hühnchen, die Leitung zum Tagblatt, aber ein bisschen dalli!“

Irmela Huhn kannte den ruppigen, ungeduldigen Ton des Oberbürgermeisters. Sie hatte als Chefsekretärin schon Stockers Vorgängern den Rücken und gerne auch mal den Kalender freigehalten. Doch ihm musste sie den Tag, und die Nacht dazu, bis zum Anschlag mit Terminen vollstopfen. Ruhe und Frieden, das waren Fremdwörter für ihn. Ein Getriebener, dachte sie bekümmert. Wenn er sich bloß schonen würde!

Bevor sie ihre mütterlichen Gefühle übermannten, stellte sie umgehend die Verbindung zum Tagblatt-Chefredakteur her. Und während sie den Darjeeling ziehen ließ, den sie Stocker gleich servieren würde, hörte sie erstaunt, wie seine Stimme drinnen immer lauter wurde. Bis sie sich förmlich überschlug.

Dr. Paul-Christian Seeligs Blick ruhte unverwandt auf der attraktiven Ärztin aus Amerika. Ihr Blick war so anders als Sophias abgrundtiefblauer Augensee, in dem er gerade erst versunken und beinahe ertrunken war. Wie Alice ihn indes musterte, nein: scannte – sie wusste, was sie wollte. Und das war ganz offensichtlich: er.

Ein wissendes Lächeln umspielte ihren Mund. Du willst es also auch, schien es zu sagen.

Alice nahm jetzt eine andere Haltung ein, wie eine Katze auf dem Sprung. „Nach einer gelungenen operation umarmen wir uns in America“, sagte sie und stand energisch, aber auch unglaublich elegant auf. Paul-Christian fühlte sein Herz pochen. Als sie ihn erst umschlang, um sich danach an ihn zu schmiegen, verspürte er eine erregende Vorfreude, wie er sie noch nie in seinem Leben gespürt hatte.

Dr. Alice Muller war, seit sie in Tübingen angekommen war, sehr einsam gewesen. Ihre toughe Art hatte jeden jungen Kollegen auf Distanz gehalten, und oft genug hatte sie sich daheim auf dem Sofa getröstet. Sogar mit Soaps und Telenovelas wie „In aller Freundschaft“. Um besser deutsch zu lernen. Aber auch, weil ihr darin der schmucke Fernseharzt Dr. Niklas Ahrend ungemein gefiel. Fast noch besser als der junge George Clooney in „Emergency Room“.

Doch das war jetzt kein TV-Drehbuch, sondern Wirklichkeit. Bevor Alice Paul-Christians Lippen mit Küssen versiegelte, drehte sie noch entschlossen den Türschlüssel rum.

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25.08.2015, 12:00 Uhr

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