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Stefan Stocker will‘s wissen

Ein Herz spielt verrückt – Der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 8)

Was bisher geschah: Die exzellente Uniklinik ist ein Aktivposten im Gesundheitswesen der Stadt. Doch es gibt jemanden, der eine Passivklinik aus ihr machen möchte. Oberarzt Dr. Paul-Christian Seelig wird nicht nur vom Beruf, sondern auch zwischen seinen Gefühlen aufgerieben.

29.08.2015

Stefan Stockers Stimme schnappte über. „Sie haben sich nicht an unserer Abmachung gehalten!“, brüllte er in den Hörer.

Ein Herz spielt verrückt – Der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 8)
Auch ein OB will ein klein wenig geliebt werden.Zeichnung: Buchegger

Als Stocker nach dem Frühsport morgens um sieben das Tagblatt aus dem Briefschlitz angelte, schien die Welt für ihn noch in Ordnung. Doch dann zog es ihm fast den Teebeutel aus dem Becher. Die Redaktion des Käsblatts hatte es tatsächlich gewagt, eine eigene Version der Vorgänge in der überhitzten Kinderkardiologie zu bringen. Und die las sich keineswegs freundlich. Schon gar nicht für ihn, den Rathauschef.

Und nun erlaubte sich der Redaktionsleiter am anderen Ende der Leitung auch noch Widerworte. „Das werden Sie büßen!“, stieß Stocker hervor und knallte den Hörer derart auf den Apparat, dass die Sekretärin erschrocken den Kopf aus der Tür zurückzog. Jetzt war es am besten, wusste „Hühnchen“, erstmal niemanden mehr vorzulassen oder durchzustellen.

Stocker versuchte seine Gedanken zu ordnen. Manchmal fragte er sich, warum er sich das alles antat. Diese gewaltigen Aufgaben, die er sich aufbürdete – Herkules und Sisyphos waren teilzeitjobbende Waisenknaben gegen ihn.

Was hatte er nicht alles angestoßen in dieser kleinen großen Stadt, in der bisher alles bucklig und bergig, krumm und eckig sein musste. Stocker war dabei, das gründlich zu ändern.

Neben dem ganz großen Ziel, das Klima zu retten, galt es auch Spuren zu hinterlassen im beschaulichen schwäbischen Unistädtchen mit seinem Sanierungsstau. Stockers Miene hellte sich ein bisschen auf, dachte er an die vielen Projekte, Events und Einfälle, mit denen er Tübingen förmlich überschüttete. Die Stehpaddel-WM, für die man nur noch den Neckar ausheben und tieferlegen müsste, hatte er praktisch schon im Sack. Und ein internationaler Arschbomben-Contest mit SWR-Beteiligung lag bereits reif zur Unterschrift vor.

Hatte er nicht die Stadt flächendeckend mit Kunstrasenplätzen zugepflastert, um den vorherrschenden elitären Kulturbegriff aufzubrechen? Doch keiner aus der Kulturszene hatte es ihm gedankt, diese Nullnummern und Miesmacher.

Dabei wollte er wenn schon nicht geliebt, dann doch wenigstens gemocht werden. Stocker beschlich ein fürchterlicher Gedanke: Diese Tübinger waren es vielleicht nicht wert, wie er sich für sie aufopferte und aufrieb. Er rief sich selbst ein trotziges „Jetzt erst recht!“ zu. Einer wie er ließ sich nicht unterkriegen. Nicht von diesen Schwachmatikussen.

Es klopfte sacht an der Tür. „Hühnchen“, die Sekretärin, erinnerte an den Klinikchef Andreas Seelig, der seit einer halben Stunde wie einbestellt, aber nicht abgeholt im Vorzimmer wartete.

„Auch das noch!“, dachte Stocker und riss sich zusammen. Er schwang sich aus dem Sessel und eilte dem Gast entgegen. „Mein lieber Seelig, welche Freude!“, rief er dem Intimfeind zu.

Alice und Paul-Christian waren ermattet auf der Behandlungsliege, die nicht gerade für zwei gedacht und erst recht nicht gemacht war, zum Verschnaufen gekommen. Nun kicherte der Oberarzt lautlos, aber glückselig in sich hinein. Solch himmlische Freuden hatte er bislang auf Erden nicht gekannt. Die Anästhesistin war äußerst kundig vorgegangen. Sie konnte also nicht nur einschläfern, sondern das Gegenteil sogar noch besser. Ein Feuerwerk der Reize und der Sinne: Paul-Christian ahnte, er könnte danach süchtig werden.

Vor dem Fenster zischte ein hungriger Grauschnäpper. Alice wand sich aus Paul-Christians Umklammerung und sammelte, nackt wie Gott sie schuf, ihre Bekleidungsstücke ein. Während sie sich anzog, sandte sie einen dankbaren Blick über ihre Schulter. „Es ist Zeit, darling“, hauchte sie. Bald würde ein neuer Tag, eine neue Schicht beginnen.

Eines wollte Alice ihrem frisch hinzugewonnen Vertrauten dann doch noch mitteilen. Als sie neulich Nachtdienst schob, kam dieser merkwürdige Typ auf die kardiologische Station, den sie von irgendwoher zu kennen schien. Er stellte sich nicht vor, sondern bediente verstohlen eine Digikamera. Und wollte von ihr wissen, nachdem er sie als Anästhesie-Ärztin identifiziert hatte, was sie denn von biologisch abbaubarem Lachgas hielte.

„Ist eine Biolachgasanlage möglich?“, fragte er unverblümt. Alice lächelte ihn nur frech und wortlos an. Der Fremde verschwand so unvermittelt, wie er gekommen war.

Dr. Paul-Christian Seelig runzelte die Stirn. Auf der Station, zumal der Kinderkardiologie, hatte niemand etwas verloren außer denen, die dort hingehörten. Er beschloss, seinen Vater zu benachrichtigen.

Während Prof. Dr. Dr. Andreas Seelig auf ihn zukam, schoss Stocker sein bislang letzter Ausflug ins Klinikum durch den Kopf. Bei seinem Streifzug war er in der Kinderkardiologie gelandet, und eine wirklich süße Ärztin mit Sommersprossen hatte partout nicht auf seine Fragen antworten wollen.

„Dr. Alice Muller“, entzifferte er auf ihrem Namensschild.

Stefan Stocker beschloss, Frau Doktor Muller künftig auf dem Kieker zu haben.

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29.08.2015, 12:00 Uhr

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