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Die tiefblaue Schönheit

Ein Herz spielt verrückt – der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 3)

Was bisher geschah: Erst hat OB Stefan Stocker die Klimaanlage der Klinik abgestellt, dann hat er die Chef-Parkbuchten verkürzt. Was kommt als nächstes: das Passiv-Krankenhaus? Der Kinderkardiologe Dr. Paul-Christian Seelig und sein Vater, Klinikchef Prof. Andreas Seelig, ringen um das Leben der Klinik.

11.08.2015
  • ST

Nein“, rief Sophia Lenau, „Paul-Cri, bist Du es wirklich?“ Die dunkelhaarige 31-Jährige bremste abrupt, beugte sich aus dem Cabriolet und winkte dem sportlichen Mann mit dem Pferdeschwanz heftig zu. Er sprang von seinem Longboard und schaute verblüfft in das Gesicht einer ihm irgendwie bekannten Schönheit.

Ein Herz spielt verrückt – der TAGBLATT-Sommerroman (Folge 3)
Auf einmal war er wieder in jenem Club „Dunkles Leben“ in der Tübinger Münzgasse. Zeichnung: Buchegger

Vor ihm schmolzen fünfzehn Jahre dahin. Auf einmal war er wieder in jenem Club „Dunkles Leben“ in der Tübinger Münzgasse. Er hatte damals viel Gothic gehört, The Cure und Robert Smith waren seine Heroen. Er sah sich wieder auf der Tanzfläche, wie sich sein Körper an Sophias schmiegte – und er sah dieses unendlich tiefe Blau. Das war nicht nur Sophias Augenfarbe, sondern das war auch häufig sein Zustand – damals. Er gefiel sich in der Rolle des einsamen Trinkers, las Hemingway und Bukowski.

Aber auch ohne Alkohol wäre sie die heißeste Frau gewesen, die er jemals getroffen hatte. Dunkel, geheimnisvoll, wohl auch ein bisschen todessüchtig. Diese riesigen schwarz umrandeten Augen, diese Zerbrechlichkeit, hinter der der junge Medizinstudent schnell eine Anorexia nervosa diagnostizierte.

Sophia half ihm, Abstand zu finden zu diesem übermächtigen Vater: Prof. Dr. Dr. Andreas Seelig, dem Urologen von Weltrang, der seinen Sohn in die Urologie und in seine riesigen Fußstapfen zwingen wollte. Über Sophias tachykarde Herzrhythmusstörungen fand der Sohn zur Kardiologie. Die Kardiologie blieb, Sophia ging.

„Sophia?“ fragte Paul-Christian, und er merkte, dass er dabei leicht errötete. „Das ist mal eine Überraschung“, rief die schlanke und gepflegte Frau am Steuer. „Ich muss leider gleich weiter, aber wir müssen uns unbedingt sehen. Wie wär‘s mit heute Abend?“ Paul-Christian zuckte unmerklich zusammen, irgendetwas warnte ihn vor einer neuen „amour fou“ mit dieser attraktiven und höchst unberechenbaren Frau. Doch schon hörte er sich sagen: „Ja, gerne!“ „Um neun auf dem Marktplatz“, rief sie noch und schoss mit ihrem Cabrio davon.

Dr. Paul-Christian Seelig hatte an diesem Tag frei. Nachdem er drei Wochenenden hintereinander Dreierschichten geschoben hatte, wollte er diesen Tag für einen Forschungsantrag nutzen. Wenn er durchginge, würde das seiner Abteilung satte drei Millionen zuspülen und die Exzellenz auf Jahrzehnte hinaus sichern.

Seelig forschte schon seit Jahren an den Symptomen des Herzinfarktes bei Kindern. Ein bislang in der Medizin noch unterschätztes Gebiet, das ihm aber auf internationalen Kardiologen-Kongressen viel Aufmerksamkeit bescherte. Er wusste, er war seinen Kollegen einige Schritte voraus und er wusste vor allem, wie viele Leben allein an seiner Forschung hingen.

Dennoch konnte er sich an diesem Tag nicht recht auf den Antrag konzentrieren. Immer wieder flogen seine Gedanken zu Sophia. Was sie wohl all die Jahre gemacht hatte? Sie sah anders aus als damals, sie war schöner und reifer geworden und dennoch war diese Unergründlichkeit in ihren Augen, diese intensive Traurigkeit, die ihm damals schon den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.

„Ich betreibe ein Nagelstudio“, sagte Sophia und fischte die Minze aus ihrem „Hugo“. „Minze im Hugo geht gar nicht“, befand sie entschieden. „Zitronenmelisse schmeckt besser!“ Dann berichtete sie Paul-Christian von der unternehmerischen Last, die sie mittlerweile trage. Auf diesen zarten Schultern, dachte er bei sich. Zehn Angestellte hatte Sophia. Die meisten kamen aus Vietnam. Sie selber hatte eine Weile im Süden des Landes gelebt und sich dabei eine vegane Ernährung angewöhnt. „Ich habe mich vor einiger Zeit der Antikarnivoren-Bewegung angeschlossen,“ sagte sie mit süßem Augenaufschlag. Dann erzählte sie, dass sie gerade eine neue Kampagne gegen die Fleischindustrie planten, weil Fleisch und Würste einfach nur umetikettiert und als „vegan“ ausgegeben würden. Sophia redete sich in Fahrt, doch plötzlich unterbrach sie sich und sagte:. „Aber jetzt erzähl du! Wie ist es dir ergangen, Paul-Cri?“

Ja, so hatte sie ihn früher schon mit leicht französischem Akzent genannt. Paul-Christian sprach nun über sein Leben, das er vor allem den kleinen Patienten widmete, der Rest gehörte der Klinik und der Forschung. „Und die Liebe, Paul-Cri?“ fragte Sophia und bestellte die nächsten beiden Hugos mit Zitronenmelisse. Jedes Mal, wenn sie „Paul-Cri“ sagte, durchfuhr es ihn warm. Schon erwischte er sich dabei, wie er von seiner unglücklichen Liaison mit der scharfen Notärztin sprach, die nur drei Monate gehalten hatte. Es folgten die junge Buchhändlerin, die leidenschaftliche Goldschmiedin, die mütterliche Therapeutin und die Musikstudentin mit Asperger-Syndrom. „Und jetzt liebe ich“, hier machte Paul-Christian eine effektvolle Pause, „vor allem den Sport.“

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11.08.2015, 12:00 Uhr

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