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Ein Hoch auf uns!
Lachen verbindet: Angela Merkel und Barack Obama spaßen beim Messerundgang in Hannover. Foto: afp
Wie Barack Obama in Hannover die Kanzlerin und ganz Europa umgarnt

Ein Hoch auf uns!

Es ist ein Loblied ohnegleichen, das Barack Obama gestern auf die EU singt. Europa solle zusammenhalten, mahnt er - und schmeichelt Angela Merkel.

26.04.2016
  • MIRIAM KAMMERER & MARTIN BIALECKI, DPA

Barack Obama hätte gern einen Basketball genommen und einen Korb geworfen, auf seinem Rundgang über die Hannover Messe. Aber da macht der Secret Service dem US-Präsidenten - bekanntermaßen passionierter Basketballer - einen Strich durch die Rechnung: Basketbälle dürfen nicht in die Halle. Dabei spielen die Sportgeräte eine Hauptrolle am Stand des Stuttgarter Kabelherstellers Lapp. Dort steht ein Roboter, der Körbe werfen kann. Weil Sicherheit vorgeht, kann Firmenchef Andreas Lapp Obama und seiner Begleitung, Bundeskanzlerin Angela Merkel, nur die Trockenübung zeigen.

Tag zwei von Obamas Deutschlandbesuch. Am Sonntag traf der US-Präsident in Hannover ein und eröffnete die Messe. Nun der Rundgang durch die Ausstellung. Merkel und Obama zeigen sich technisch interessiert und zu Scherzen aufgelegt. Beide greifen immer wieder zum Mikrofon. Obama hat eine Dolmetscherin an seiner Seite.

Ein Roboter, der am Stand von Weidmüller und Kuka die Nähe Obamas und Merkels sucht, verleitet die Physikerin Merkel zur Frage, ob der Roboter auch mal Zitronen auspressen könne. Die Antwort: Denkbar, auch wenn die auf der Messe gezeigten Roboter hauptsächlich für die Industrie gemacht sind. Allerdings könne man sich vorstellen, dass Roboter gerade für ältere Menschen als Hilfen eingesetzt werden. Obama grinst die sieben Jahre ältere Merkel spitzbübisch an. Solche Gesten sollen zeigen: Da verstehen sich zwei. Ein Scherz auf Kosten des anderen darf schon mal sein.

Es sind nicht nur Scherze, mit denen Obama seine Verbundenheit zu Merkel zum Ausdruck bringt. Nach dem Rundgang hält der Präsident eine Grundsatzrede in Messehalle 35. Es wird nicht nur ein Loblied auf Europa und eine Mahnung, die EU zusammenzuhalten, sondern auch eine Hommage an die Kanzlerin: "Im Namen des amerikanischen Volkes möchte ich Frau Merkel danken", sagt Obama, "dass sie unsere Bündnisse so fördert und sich der Freiheit, der Gleichberechtigung und den Menschenrechten verschrieben hat. Ihre Führung mit ruhiger Hand - wir können von ihr lernen, wie man führt, wie sie mit den Händen führt. Ich weiß nicht genau, wie sie das hier nennen, wenn sie die Hände so zusammenlegt. Die Merkel-Raute, glaube ich."

Obama singt ein Loblied sondergleichen, ein Bekenntnis voller Pathos und Wärme, das deutlichste Bekenntnis zu Europa, das er je abgelegt hat. Nie zuvor hat der Präsident die gemeinsamen Werte so betont, die EU so als Modell gelobt, die Europäer so beschworen. Ja, sagt er, schwere Zeiten seien das, voller Herausforderungen und Fährnisse. Der Kontinent rückt nach rechts, seine Wirtschaft lahmt, die Gemeinsamkeiten schwinden. Aber das Vermächtnis, das Obama hinterlegen will, könnte eindeutiger nicht sein. "Die USA und die ganze Welt brauchen ein starkes, ein vereintes Europa. Ein friedliches, pluralistisches Europa" ruft er. Dieser Kontinent sei einer des ständigen Krieges gewesen, und nun? Ja, es gebe Bedrohungen. Aber: "Erinnert Euch an das, was Ihr alles erreicht habt!"

Ein einiges Europa sei von vitalem Interesse für die Weltordnung. Obama malt große Bilder, schmeichelt dem deutschen Volk, lobt immer wieder die Kanzlerin. Er beschwört Europa in einem Pathos, das der Pokerface-Europäerin Merkel vollkommen wesensfremd ist.

Woher die Wucht dieses Bekenntnisses? Barack Obama war in den gut sieben Jahren seiner bisherigen Präsidentschaft nie speziell interessiert an diesem Teil der Welt. Er war gewiss nie gegen Europa oder die EU, fand aber Asien schlicht spannender, wichtiger, interessanter, prosperierender.

Nun, sozusagen im Winter seiner zwei Amtszeiten, in Zeiten des internationalen Terrorismus und historischer Migrationen, dürfte dem Präsidenten klar geworden sein, wie sehr der Westen zusammenhalten muss, wenn nicht alles den Bach runtergehen soll. Der späte Obama will den einen Westen, nicht viele kleine.

Und er will mehr Unterstützung. Von Beginn seiner Amtszeit an hat Obama Wert darauf gelegt, dass die USA nicht mehr alles alleine machen können und wollen und zog, unter anderem, die Truppen aus dem Irak und Afghanistan ab. Obama nahm dem Weltpolizisten USA die Mütze ab. Nur hat die Rolle, die dann auf möglichst viele Schultern verteilt werden sollte, bisher niemand anderes angenommen.

Das ist ein gewaltiges Problem und es wird Obama selbst zum Vorwurf gemacht. Also wirbt er. Wiederholt seine Mahnungen, fordert mehr Geld für Verteidigung, lobt die Kraft der Institutionen, der Vereinten Nationen, der Nato.

Obama will unbedingt Optimismus verbreiten, das streuen seine Hintersassen vor der Rede. Mit Bedacht werde diese Rede in Deutschland gehalten, mitten im verzagten Europa. Ein Treffen mit den wichtigsten EU-Nationen gestern Nachmittag schloss die Reise ab. Und so ist das "Wir" der gemeinsame Bogen dieser sechstägigen Reise.

Zum Schluss seiner Rede wärmt Obama in der zugigen Messehalle 35 nochmal die europäischen Herzen. Für immer und ewig stünden die USA an der Seite Europas. Schulter an Schulter. Dann schaut er auf, winkt und geht. Aus den Boxen schickt eine kluge Regie Andreas Bouranis Hymne zur Fußballweltmeisterschaft 2014. Der perfekte Deckel, das treffendste Dach für diese Rede, für Abschied und Appell des scheidenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika: "Ein Hoch auf uns!"

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26.04.2016, 06:00 Uhr

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