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Als 60-Personen-Kolonne cruist die „Critical Mass“ durch die Straßen Reutlingens

Ein Hup-Konzert für Radler

Einmal im Monat rollt die „Critical Mass“ als Initiative für den Radverkehr durch Reutlingen. Die Radler gelten als geschlossener Verbund: Fährt der Erste bei Grün über die Ampel, dürfen alle anderen auch bei Rot nachziehen. Nun habe ich mich für das TAGBLATT selbst in die kritische Masse gestürzt – und den Zorn der Autofahrer gespürt.

26.08.2015
  • Maik Wilke

Reutlingen. 31. Juli – 17.50 Uhr:In kleinen Grüppchen stehen etwa 30 Hobby-Radler vor der Stadthalle. Die meisten befinden sich im Gespräch, haben ein Lächeln auf den Lippen. Sie sitzen auf den Rädern, die Trinkflaschen sind ordentlich am Rahmen befestigt und einige tragen eine grellgelbe Warnweste.

17.52 Uhr: Noch ein bisschen scheu mische ich mich nun auch unter die Radfahrer – und treffe gleich auf einen weiteren Neuling der Critical Mass: „Ich habe die Radler vergangenen Monat in der Metzgerstraße vorbeihuschen sehen und war sofort begeistert“, erklärt Gerda Pfeilsticker, 72. Nun möchte sie unbedingt selbst mitradeln.

18.01 Uhr: Organisator Holger Bergmann erklärt die Regeln der Tour: Gefahren wird in Zweier-Reihen, der Anschluss zum Vordermann darf nicht verloren gehen – das war’s. Einfache Regeln, da dürfte nichts schief gehen. Die kritische Masse, die sich als Initiative für den Rad- und gegen den Automobilverkehr sieht, sattelt auf und rollt los. Ich wage einen kurzen Blick zurück – und staune über die knapp 60 Frauen und Männer, die sich der heutigen Tour anschließen.

18.15 Uhr: Auto- und Beifahrer werfen uns neugierige, oft grimmige Blicke zu. Die große Gruppe von 60 Radlern weckt das Interesse anderer Verkehrsteilnehmer.

18.27 Uhr: Ein genervter Autofahrer hupt unsere Gruppe an, die sich mit über 100 Rädern durch die Kurven schlängelt. Den vierrädrigen Verkehrsteilnehmern scheint die Masse an Radler überhaupt nicht zu gefallen. Doch vorne bekommt man wenig von den Reaktionen mit – ich lasse mich daher zurückfallen.

18.28 Uhr: Links werde ich von einem Chopper überholt, rechts cruist ein Burrito, ein tiefergelegtes Rad im amerikanischen Stil, an mir vorbei. Vor mir hält eine Mutter mit Kinderwagenanhänger und spricht mit einem Mann, der auf seinem Rennrad sitzt. Ich meine sogar ein Klapprad in der Menge entdeckt zu haben. Das Feld der Hobby-Radler ist jedenfalls bunt gemischt.

18.30 Uhr: Nun bin ich beinahe am Ende des Pelotons angelangt und höre plötzlich laute Musik. Sicher von einem Autoradio. Von wegen: Auf seinem Anhänger kutschiert Frank Riedel eine große Anlage durch die Tour und sorgt mit poppigen Songs für zusätzliche gute Laune. „Wir nehmen das Ding jedes Mal mit. Bissl‘ Stimmung muss ja sein.“

18.33 Uhr: Kreuzung Silberburg-/Karlstraße: Endlich die Situation, auf die ich gewartet habe: Unsere Anführerin Gisela Kretschmer fährt bei Grün über die Ampel, doch schon bei der Hälfte der Kolonne springt diese wieder auf Rot. Als geschlossener Verbund fahren wir dennoch weiter über die Kreuzung. Mehrere Autos hupen, ein BWM muss abbremsen. Fußgänger bleiben mitten im Schritt genervt stehen und springen zurück. Kaum einer rechnet mit den 60 Radlern, die zwar gemütlich, aber absolut unbeirrt weiterfahren. Der Blick nach links und rechts zeigt: Die anderen Verkehrsteilnehmer sind ordentlich angepisst.

18.34 Uhr: Ob solche Situationen häufig vorkommen? „Ständig“, meint Riedel. „Die Autofahrer sind immer genervt von uns, aber das muss man einfach ignorieren und weiterfahren.“ Schließlich solle die Bewegung ja provozieren und auf schlechte Bedingungen für Radler in Reutlingen aufmerksam machen. Also ganz nach dem Motto der Critical Mass: „Wir sind der Verkehr“.

18.40 Uhr: Von der Oststadt in Richtung Betzenried cruisen wir gemütlich durch kleine Sträßchen an Vorgärten vorbei. Die Bewohner winken uns freundlich zu, lächeln uns an – und wir erwidern ihre Grüße durch munteres Geklingel. Obwohl wir nur dreimal abgebogen sind, ist der Stress von der Schnellstraße hier weit entfernt.

18.49 Uhr: Die gemütliche Fahrt ist aber vorbei, als wir auf die Straße Am Echazufer einbiegen. Ein genervter Autofahrer hupt uns an – wieder einmal.

18. 53 Uhr: Über die Lederstraße fahren wir am Cineplex Planie vorbei in die Gartenstraße. Als wir nach links abbiegen, möchte ein Autofahrer überholen, doch ein Radler ist ihm im Weg ist. Hupen reicht dem Wagenlenker nicht und er beschimpft zunächst den einzelnen Radler, dann unsere ganze Gruppe.

18.56 Uhr: Einfahrt Karlstraße – Gefahrenzone: Hier regiert durch U-Turner und gewissenlose Spurenwechsler sowieso ein gewisses Grundchaos, das durch die knapp 60 Radler lange Kolonne zusätzlich verschärft wird. Ein ungeduldiger Taxifahrer lässt immer wieder den Motor aufheulen und hämmert wutentbrannt auf sein Lenkrad ein. Auch die Fußgänger, die zum Bahnhof wollen, schütteln genervt ihre Köpfe.

19.13 Uhr: Endspurt! Unser Ziel, das Café Nepomuk, ist nur noch wenige hundert Meter entfernt. Doch als wir von der Emil-Adolff- auf die Rommelsbacherstraße einbiegen, ignoriert ein Autofahrer unseren Verbund, fährt mit Karacho die Straße entlang und spaltet unsere Gruppe. Einige der Radler müssen ausweichen – die auf den Raser folgenden Autofahrer reagieren zum Glück schnell und drücken auf die Bremse. Das hätte auch anders ausgehen können...

19.14 Uhr: Wir haben unser Ziel erreicht. Die Biker steigen ausgelassen von ihren Rädern. Auch Neuling Pfeilsticker hat der Ausflug Spaß gemacht: „Das war eine tolle Fahrt. Am Anfang war es mir etwas zu schnell, aber dann wurde das Tempo angenehm. Ich bin froh, dass ich teilgenommen habe.“ Den Ärger der Autofahrer kann die Hobby-Radlerin nachempfinden. „Es ist Freitag, 18 Uhr, die Leute kommen aus der Arbeit und wollen ins Wochenende. Man muss eben Verständnis für beide Seiten haben. Es gibt auch unter den Radlern Spinner und Rüpel.“

Ein Hup-Konzert für Radler

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26.08.2015, 12:00 Uhr

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