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Diebstahl an einer Prostituierten

Ein Jahr Haft ohne Bewährung

Im Juli 2011 kam eine Frau aus Stuttgart gegen Bezahlung in eine Mössinger Wohnung. Die 500 Euro für zwei Stunden nahm der Freier sich mit Gewalt zurück: So sieht es das Tübinger Amtsgericht – und verhängte zwölf Monate Gefängnisstrafe.

19.10.2012
  • Eike Freese

Mössingen. Unterm Strich: ein Jahr Gefängnis. Ohne Bewährung. Und damit ist der Prozess um räuberischen Diebstahl an einer jungen Frau aus Stuttgart beendet. Nach Sicht des Tübinger Amtsgerichts ist der Freier in allen Anklagepunkten schuldig: Der 61-jährige ehemalige Mössinger soll die damals 20-Jährige in der Nacht zum 30. Juli 2011 in seiner Wohnung um ihren verdienten Lohn gebracht haben – unter Einsatz von Gewalt. Zudem: Der 23-fach Vorbestrafte beschuldigte die Frau Tage später selbst des Diebstahls. Laut Amtsrichter Eberhard Hirn eine falsche Verdächtigung.

Der Prozess hat sich unerwartet lange hingezogen, ein Urteil war schon für September erwartet worden. Doch zwei weitere Verhandlungstage kamen hinzu: weil Zeugen nicht auffindbar waren, andere neu hinzugerufen wurden. Was als boulevardesker Rechtsfall mit possenhaften Zügen begann, endete am gestrigen Donnerstag mit Schuldspruch, Gefängnisstrafe und einem Angeklagten, dem man eine gewisse Nachdenklichkeit ansehen konnte. Amtsrichter Hirn wies nicht nur alle Einwürfe ab, der Freier sei selbst betrogen, bestohlen und verletzt worden. Am Ende rügte er auch den aktuellen und hinterfragte den künftigen Lebenswandel des Angeklagten: „Bei Ihnen gibt es ein Muster“, so Hirn. „Und jetzt ist finito!“

Noch am zweiten Prozesstag hatte eine vermeintliche Freundin des Angeklagten ausgesagt – und den sexuell emsigen Wiederholungstäter prompt weiter belastet: Stalking und Einflussnahme auf sie als Zeugin. Der Angeklagte, erst seit vier Tagen wieder auf freiem Fuß, hatte vor und während seiner letzten Haft in Rottenburg die Frau persönlich und per Telefon bedrängt.

Am Prozesstag selbst wartete der Ex-Mössinger einmal mehr mit einer Überraschung auf: Ebendiese vermeintlich Belästigte habe sich noch am Morgen bei ihm per Handy in Erinnerung gebracht. Er solle sich doch heute mal melden. Prozessunterbrechung, richterlicher Anruf bei der Frau, Ergebnis: Sie will nichts. „Sie kann nur mit Ihrer Art der Belästigung nicht umgehen und gibt immer nach“, argumentierte Hirn gegenüber dem Angeklagten: „Wenn Sie damit nicht aufhören, kriegen Sie ein Verfahren wegen Stalking.“

Vor den Plädoyers der Anwälte waren vor allem zwei Dinge fraglich: War es ein lupenreiner Diebstahl? Oder hatte sich die Stuttgarterin, während sie in der Julinacht nackt aus dem Mehrparteienhaus stürzte, die vereinbarten 500 Euro noch irgendwie sichern können? Und: Inwiefern war der Angeklagte mehr Opfer als Täter bei der Rangelei, die der Flucht der jungen Frau vorausgegangen war?

Staatsanwältin Edith Zug plädierte auf Schuld: Der Geldbetrag war vereinbart und stand der Stuttgarterin zu – übrigens unabhängig davon, was in der vereinbarten Zeit zwischen 23 und 1 Uhr nachts in der Wohnung im Stadtzentrum passiert war (siehe Infokasten).

Verteidiger Christoph Geprägs dagegen wollte gar einen Freispruch: Mit erhobenen Fäusten demonstrierte er, dass die Frau auch nackt das Geld aus dem Haus hätte schmuggeln können. „Wo haben denn die Zeugen hingeguckt, als Ihnen eine nackte Frau im Haus entgegenkam?“ fragte Geprägs. „Doch bestimmt nicht auf die geschlossenen Hände!“

Das Gericht hingegen gab der Staatsanwältin recht. Die Stuttgarterin war ohne Kleider: Sie hatte in der Nacht zumindest probiert, beim Angeklagten beruflich Erfolge zu erzielen. Dass dieser dann überreagierte, schrieb Amtsrichter Hirn auch seinem Ego zu: „Es scheint Ihnen ja sehr viel zu bedeuten, auf diesem Gebiet leistungsfähig zu sein.“ Die folgende Bedrohung sei eindeutig gewesen, die 20-Jährige nicht grundlos nackt aus dem Haus gerannt. Statt eines Geständnisses lieferte der Angeklagte falsche Verdächtigungen. Strafmilderung sei ausgeschlossen, doch immerhin habe es nur wenig Gewalt gegeben. Der Verteidigung stehen derzeit Berufung und Revision offen.

Richter: Eberhard Hirn; Schöffen: Susanne Kübler, Wolfgang Pasche; Rechtsanwalt: Hans-Christoph Geprägs; Staatsanwältin: Edith Zug.

Seit 2002 soll das von der damaligen rot-grünen Bundesregierung initiierte Prostituiertengesetz grundlegende Rechte der Menschen gewähren, die Sex für Geld anbieten. Drei Paragrafen garantieren unter anderem, dass die Männer und Frauen nicht mehr auf Vorkasse angewiesen sind, um sich den Lohn für ihre Arbeit zu sichern. Wenn sie vorher einen Geldbetrag abgemacht haben, dürfen sie ihn nachher auch einklagen. Da es sich um personenbezogene Dienstleistungen handelt, sind die Kriterien für ein erwünschtes Ergebnis unscharf. Anders als beim Werkvertrag hat die Freierin oder der Freier nur Anspruch auf eine Tätigkeit, nicht auf eine irgendwie geartetes Ergebnis. Das Gesetz sagt, dass nur die „vollständige Nichterfüllung“ des Abgemachten begründen kann, dass ein Freier nicht zahlt – oder, falls eine gemeinsame Zeit vereinbart wurde, dass diese Zeit nicht eingehalten wurde. Seit das Gesetz eingeführt wurde, können sich die Männer und Frauen in dem Job auch sozialversichern.

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19.10.2012, 12:00 Uhr

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