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Ein Klang wie Rotwein
Zufriedener Blick zurück: Die Fotografin Monika Rittershaus hat Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker seit 2005 begleitet; dieses Bild findet sich in ihrem Band „moving music“. Auch in Baden-Baden nimmt Rattle Abschied und dirigiert letztmals bei den Osterfestspielen. Foto: Monika Rittershaus
Festival

Ein Klang wie Rotwein

Ein Gespräch mit Sir Simon Rattle, der jetzt in Baden-Baden bei seinen letzten Osterfestspielen Wagners „Parsifal“ dirigiert.

20.03.2018
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Baden-Baden. Jahrzehntelang habe er keine Osterferien gehabt, frotzelt Sir Simon Rattle – immer war er mit Dirigieren beschäftigt. Doch bald ist Erlösung in Sicht. Denn die Osterfestspiele in Baden-Baden, die jetzt am Samstag beginnen, sind die letzten, die er bestreiten wird. Und zwar mit Wagners „Parsifal“. Ein Abschied? Ein bisschen „Wehmut“ sei schon dabei, räumt er ein.

Blättern wir zurück: Als Rattle mit den Berliner Philharmonikern die Osterfestspiele in Salzburg verließ und 2013 nach Baden-Baden wechselte, war das eine Sensation in der Branche. Ein gelungener Coup, denn Andreas Mölich-Zebhauser, der Baden-Badener Intendant, hatte es geschafft, das begehrte Spitzenorchester für ein neu begründetes Osterfestival Richtung Schwarzwald zu locken.

Sein Amt als Chef der Berliner Philharmoniker wird Rattle erst im Sommer 2018 niederlegen. Jetzt verabschiedet er sich in Baden-Baden. „Es war eine wundervolle Zeit für das Orchester und mich“, sagt er. Und man nimmt es ihm ab, dass das mehr ist als nur eine Phrase. Beflügelt habe ihn hier vor allem die herzliche Art, wie das Publikum ihn und die Berliner „willkommen geheißen“ hat. Aber auch die „tolle Chance, eine ganze Stadt mit Musik erfüllen zu können“. Heute, fünf Jahre nach ihrer Gründung, stehen die Osterfestspiele Baden-Baden als Erfolgsmodell da: Zuletzt brachten 25 000 Besucher eine Auslastung von 93 Prozent.

Warum nun „Parsifal“? Diese Oper „begleitet mich schon lange“, meint Rattle. Für ihn sei sie wie ein „großer Film über eine Welt, die verschwindet, über eine Welt, die nicht mehr funktioniert“. Regie führt der 82-jährige Dieter Dorn, den Mölich-Zebhauser als „letztverbliebenen Vater des intelligenten Inszenierens“ preist.

„Extrem berührend“

Das heißt, Dorn wird den „Parsifal“ nicht umkrempeln, sondern mit ruhiger Hand einrichten. Auf jeden Fall „extrem berührend“, wie Rattle von den Proben berichtet: „Nichts lenkt ab“, alles sei „absolut auf den Punkt gebracht“. Die Sänger-Besetzung ist handverlesen: Stephen Gould gibt den Parsifal, Ruxandra Donose die Kundry, Gerald Finley den Amfortas, und Evgeny Nikitin, der 2012 in Bayreuth wegen eines umstrittenen Hakenkreuz-Tattoos in die Schlagzeilen geraten war, singt die Partie des Klingsor.

So darf die Festspielgemeinde in Baden-Baden gespannt sein, wie Rattle den „Karfreitags-Zauber“ erblühen lässt. Er vergleicht die Musik auch gern mit einem „Riesenvogel, der knapp über dem Wasser schwebt“. Zudem sei die Oper geprägt von einer menschlichen „Güte“ und Milde, die man in Wagners Zerrissenheit sonst eher nicht wahrnehmen kann. Zum Thema „Erlösung“: Hier mischen sich „verschiedene Philosophien“, sagt Rattle, auch Nietzsche, Reinkarnation und Buddhismus spielen mit hinein. Doch Wagner lasse das Ende offen: „Viele Deutungen sind möglich.“ Und was das Tempo angeht, da schätzt Rattle zwar die gedehnten Zeitlupen-Rituale mancher Kollegen, doch er selbst mag es lieber, „wenn es sich bewegt“.

Weitere Pläne? Seit Herbst 2017 ist Rattle, gebürtig aus Liverpool, auch Chef des London Symphony Orchestra. Obwohl sein Land jetzt, nach dem Brexit, „keine leichte Zeit“ durchlebe, plane er doch „mit Optimismus“. Für ihn, der nach einem „extrem traditionellen“ Klangkörper in Berlin nun Englands wohl bestes Orchester übernommen hat, sei dies wie der Wechsel „von einem großartigen Rotwein zu einem großartigen Weißwein“. Von „tief und dunkel“ zu „hell und direkt“.

Seine Entscheidung, 2013 mit den Berliner Philharmonikern Salzburg zu verlassen und in Baden-Baden einen Neubeginn zu wagen, findet er nach wie vor richtig. Hier müsse er sich nicht mehr um Organisation, ökonomische Zwänge und Politiker-Debatten kümmern. Während manche in Salzburg oft hohe Dirndl-Dichte beobachten, stuft Rattle das Publikum in Baden-Baden als „vielfältig“ ein. 2019 geht es ohne ihn weiter: Daniele Gatti wird die Berliner bei Verdis „Otello“ dirigieren, Robert Wilson inszeniert.

Überhaupt, Abschied. Im Januar ist er 63 geworden. Rattle lacht spitzbübisch und zitiert die Beatles: „Will you still need me, when I'm 64?“ Er sieht das nicht so endgültig, denn mit den Londonern werde er bald nach Baden-Baden kommen. Sein Hauptwohnsitz bleibt Berlin, und mit Gastdirigaten will er etwas langsamer tun: Für ihn ist nun Familie angesagt, „eine andere Art des Lebens“. So freut er sich auf 2019. Da wird er erstmals über Ostern keine Festspiele mehr dirigieren. Sondern einfach Ferien machen.

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20.03.2018, 06:00 Uhr

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