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Erster Weltkrieg

Ein Klima von Angst und Misstrauen

Daheim und an der Front: Wie sich der Krieg von 1914 bis 1918 auf das Leben der Dettenhäuser auswirkte, zeigt Arnd Pählig seit Donnerstag mit einer Ausstellung im Schönbuchmuseum.

22.10.2016
  • Philipp Koebnik

Das kann man sich alles gar nicht vorstellen“, war von den Besucherinnen und Besuchern am Donnerstagabend allenthalben zu hören. Rund 50 Dettenhäuser waren zur Eröffnung einer weiteren Ausstellung von Arnd Pählig ins Schönbuchmuseum gekommen – eine andere ist derzeit in der Johanneskirche zu sehen. „Erschreckend, wie es im Krieg zugegangen ist“, sagte etwa Anneliese Kilian, die sich wie die übrigen Gäste beeindruckt zeigte von dem, was Pählig zusammengetragen hat.

Dazu gehören Stiefel und Stahlhelme, Granathülsen und eine Pickelhaube. Vom Stolz vieler Männer auf ihr Soldatentum zeugt ein Reservistenkrug (siehe Bild). Er stammt, wie so viele Ausstellungsgegenstände, aus Dettenhäuser Familienbesitz. Darauf sind glorreiche Szenen zu sehen, wird soldatisches Heldentum suggeriert. Blut und Verletzte erscheinen darauf ebenso wenig wie auf den ungezählten propagandistischen Feldpostkarten, die seinerzeit kursierten. Auf ihnen wird zwar zuweilen auch der Tod dargestellt, jedoch immer beschönigend – der heroische Soldat, der für das siegesgewisse Vaterland stirbt und dem die treuen Kameraden auch in der letzten Minute beistehen.

Die meist gemalten Bilder verschweigen das tatsächliche Leid und geben vor, wie das Sterben im Krieg zu sehen sei: „Der Soldat stirbt scheinbar als Individuum, vielleicht sogar als Held und nicht in der anonymen Masse“, heißt es auf einer der erklärenden Tafeln, die Pählig gemeinsam mit Mitarbeiterinnen des Kreisarchivs erstellt hat. Auf der Karte „Die Läusejagd“ sind Soldaten bei der gegenseitigen Körperpflege zu sehen. Noch am ehesten vermittelt diese Bildpostkarte einen Eindruck von den tatsächlichen, wenngleich nur den schlechten hygienischen Zuständen an der Front.

Wie sich der kräfteraubende und an den Nerven zehrende Stellungskrieg abspielte, lässt sich nur erahnen. Dabei hilft ein Diorama, das der Schüler Oskar Beyerlein zur Ausstellung beigesteuert hat (siehe Bild). Aus Styropor, Plastik, Holz und Streichhölzern hat er für ein Schulprojekt einen Schaukasten gestaltet, der eine Szene im Schützengraben zeigt. Der Betrachter lernt, dass „die Gräben tatsächlich oft nur wenige Meter voneinander entfernt waren“, so der 14-Jährige. Nachgerade zynisch wirken demgegenüber eine bunt bemalte Kriegs-Sammeltasse und eine kleine hölzerne Kanone, Modell „Dicke Berta“, mit der Kinder damals spielten.

Knapp 250 Dettenhäuser zogen in den Ersten Weltkrieg, 28 kehrten nicht zurück. Die meisten von ihnen starben in den letzten Kriegsmonaten. Pinnwandnadeln auf einer Karte zeigen, wohin es die Soldaten aus Dettenhausen verschlug, wo sie kämpften – und wo sie starben. Zu den Überlebenden zählte Johann Georg Ostertag. Zunächst in Frankreich eingesetzt, kam er Ende 1914 an die Ostfront im heutigen Polen, später nach Serbien. Dann musste er wieder an die Westfront, war mal in Nordfrankreich, mal in Flandern stationiert. Nach einem Einsatz im Nordosten Italiens ging es erneut nach Frankreich. Auf Rückzugskämpfe bei Antwerpen folgte schließlich im Dezember 1918 der Marsch in die Heimat. Seiner Familie hat er nie von den Erlebnissen im Krieg erzählt. Seine Enkelin, die 76-jährige Gerlinde Teltschik, war bei der Eröffnung der Ausstellung, zu der auch sie einiges beigesteuert hat.

In der Heimat herrschte derweil der Mangel. Und er wurde ständig größer. Einige Ausstellungsobjekte geben Auskunft von den Entbehrungen, die der Krieg der Gemeinde abverlangte. So sammelten die Leute Bucheckern, um Öl daraus zu pressen, weil es sonst kaum etwas gab. Ende Februar 1916 forderten die Behörden die Haushalte auf, ihren Vorrat und voraussichtlichen Bedarf an Kartoffeln für die nächsten fünf Monate mitzuteilen. „Auch kleinste Mengen sind genau anzugeben“, ist dort fettgedruckt zu lesen. Daneben hätten die Behörden „ein Klima der Angst und des Misstrauens“ erzeugt, so Pählig. „Nachts mussten die Leute ausrücken, um irgendwelche Brücken zu bewachen – in der Hoffnung, möglicherweise Spione zu entdecken.“ Alles sei reglementiert gewesen. So mussten jene, die in der Landwirtschaft arbeiteten, festgelegte Mengen an die Behörden abführen. Wer Lebensmittel hortete, dem drohten empfindliche Strafen. „Man hat mit allgemeiner Verunsicherung gearbeitet.“ Beispielsweise wurde vor Holländern gewarnt, die Speck aufkaufen würden, um die Deutschen auszuhungern. „So ein Schwachsinn!“

Bewegend sei es gewesen, die vielen Feldpostbriefe zu lesen, sagte Pählig. Rund hundert im Pfarrhaus archivierte Briefe hat er ausgewertet. Es waren Antworten an den nationalistisch gesinnten Pfarrer Konrad Weitbrecht, der damals bei jedem deutschen militärischen Erfolg die Glocke läutete. Den Dettenhäuser Soldaten schickte er jeden Monat einen Brief im Namen der Gemeinde.

Rund hundert Jahre nach dem Krieg gelte es, „die Erinnerung an die mit unsäglichem Leid verbundenen, großen menschengemachten Katastrophen“ wachzuhalten, betonte Hauptamtsleiter Heinz Frank. Falle die Ausstellung doch in eine Zeit des wiedererstarkenden Nationalismus, wobei die Lehren aus den beiden Weltkriegen „in beängstigendem Maße“ in Vergessenheit gerieten.

Die Ausstellung ist bis zum 11. Dezember jeweils sonn- und feiertags von 14 bis 18 Uhr zu sehen. Als Begleitprogramm gibt es in der Johanneskirche am 30. Oktober, 19 Uhr, eine Lesung mit Musik: „Zu lange war schon Frieden“ (Irmgard Lersch und Prof. Karl-Josef Kuschel, Musik: Ulrich Bürck). Am 13. November, 18 Uhr, zeigen die Ausstellungsmacher den Antikriegsfilm „Wege zum Ruhm“ aus dem Jahr 1957, mit Kirk Douglas in der Hauptrolle.

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22.10.2016, 01:00 Uhr

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