Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
An die Gasthäuser „Lamm“ und „Rose“ erinnert noch nur ein Schild

Ein Krüglein Bier zum Vesper

Ein kunstvoller Ausleger ist noch zu sehen. Doch statt dem Lamm zeigt er ein rotes Apotheken-„A“, und statt schwäbischem Vesper und selbst gebrautem Bier gehen im Haus Königstraße 28 in Rottenburg jetzt Pillen und Tropfen über die Theke.

25.02.2012
  • Ursula Kuttler-Merz

Rottenburg. Beim Betrachten des ehemaligen Wirtshaus-Auslegers an der Rottenburger Markt-Apotheke und dem Vergleich mit einer Fotografie des alten Gasthauses von 1911 fällt auf, dass es sich um zwei völlig unterschiedliche Schilder handelt. Das Original-Lamm-Schild ist tatsächlich verschollen, und auf Initiative von Hauseigentümer Siegfried Vollmer wurde ersatzweise der Ausleger des benachbarten „Jägerstüble“ angebracht, nachdem dieses mitsamt dem ganzen Gebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde.

Vollmer ließ das Schild durch Malermeister Alfred Edelmann vorbildlich restaurieren – mit reinem Schweinfurter Grün und echtem Blattgold. Das Schild freilich stammt ursprünglich auch nicht vom „Jägerstüble“, sondern vom dortigen Vorgänger-Gasthaus, der traditionsreichen „Rose“, weswegen die Apotheke mit ihrem Ausleger gleichzeitig an drei Alt-Rottenburger Wirtschaften erinnert.

Der Ausleger erinnert an drei Wirtschaften

Wie das „Lamm“ hatte auch die an der „Straß“ gelegene „Rose“ ein dreistockiges Bräuhaus samt 1280-Liter-Kupferkessel und durchweg einheimische Eigentümer wie Hayer, Holzherr, Bolz und Daub, Adis und Wuchter. Für 1920 ist Josef Farger als Wirt urkundlich überliefert, später der Metzger Karl Gerber und die Brauerei Wulle.

Nebenan im Rottenburger „Lamm“ war schon Josef Eberle alias Sebastian Blau Stammkunde: Als kleiner Bub bekam er von der Mutter regelmäßig den Krug in die Hand, um bei der Nachbarin zum Vesper für einen Zehner Bier zu holen. Dieser abendliche Botendienst inspirierte ihn später sogar zu zwei Gedichten, das wir hier mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs abdrucken:

Viele Alt-Rottenburger Namen tauchen unter den zahlreichen Eigentümern und Lammwirten auf, so Holzherr, Bolz und Manz, darunter die 1821 verstorbene Lammwirtin Anna Maria Manz geborene Biesinger, 1836 der Biersieder Jakob Manz, später der Metzger Joseph Manz. Auf diesen folgte der Konditor Ferdinand Entress (der malende „Zuckerle“), ein Verwandter mütterlicherseits von Josef Eberle alias Sebastian Blau, dessen Urgroßvater, der Goldarbeiter Ferdinand Entress, ebenfalls Wirt war – im „Dreikönig“.

Josef Eberle holte hier abends das Bier

Letzte Lammwirte waren Erhard Pfeffer (gestorben 1905) und nach ihm seine – mit dem aus Altingen stammenden Georg Haar wiederverheiratete – Witwe, deren in Ulm lebende Nachkommen noch die Kopie einer alten Postkarte (mit herausgerissener Briefmarke) von 1911 besitzen.

Zu sehen sind die Wirtsleute samt Kindern, also auch jene (vor genau 75 Jahren gestorbene) Wirtin Maria Magdalena Haar geborene Wiedmaier, die dem Nachbarskind Josef einst das Bierkrügle füllte und die er in seinem Gedicht verewigte. Eine Zeit lang, so erinnert sich eine Haar-Enkelin, haben sich Eberle und die etwas jüngere Lammwirtstochter Anne (verheiratete Hermann) später noch freundschaftliche Briefe geschrieben.

Das Wirtshausschild zum „Lamm“ weist symbolisch auf Christus, das Opferlamm, und die Auferstehung an Ostern. Zum „Lamm“ gehörte eine Brauerei und Brennerei, wobei der 150 Liter-„Brennhafen“ im Jahr 1903 „entfernt und exkatastriert“ wurde. Vor hundert Jahren noch, also zu Josef Eberles Kinderzeit, gehörte zur Wirtschaft die Gaststube mit Schenke im steinernen Erdgeschoss.

Es gab schon eine Wasserleitung, im dreistockigen Brauhaus Läuterrohre aus Messing, eine Gerstenweiche von Eisenblech und einen Maischbottich mit eisernem Rührwerk. Die damals im Betrieb befindliche kupferne Braupfanne fasste 1560 Liter Bier, drum herum gebaut war ein Podium mit Geländer und Treppe.

Hinterm Lamm gab’s eine Hundebörse

Hinter dem Haus, am Zollergässle (es ist nach dem einst hier an der Ecke Königstraße residierenden Landeshauptmann Graf von Zollern benannt), befindet sich bis heute der mächtige mittelalterliche Gewölbekeller mit vorgebautem Kellereingangsdächle. Und im Hinterhof gab es einst sogar eine Hundebörse, wo rund 30 Vierbeiner um die Wette wedelten und bellten. Aus dem „Lamm“ wurde 1941 der legendäre Salon von Friseurmeister Eugen Baur junior und später die heutige Markt-Apotheke.

Ein Krüglein Bier zum Vesper
Das Rottenburger „Lamm“ auf einer hundertjährigen Postkarte: Von rechts nach links stehen 1911 unterm alten Wirtshausschild Wirtin Magdalena Haar, Töchterchen Anne Haar, Wirt Georg Haar, die Töchter erster Ehe Stefanie und Maria Pfeffer sowie ein Knecht. Rechts schließt sich der Laden von Flaschnermeister Gustav Storz an.

Ein Krüglein Bier zum Vesper

„Gang Büable, hol en Zehner Bier,
i schneid derweil de’ Rätig,
bei deare Hitz verschmacht e schier –
bis d konnst, ists Vesper feetig.“

D Lammwiite sait: „Gibs Krüagle her!“
Ond lohts am Hahne’ schomme’.
Ond d Wiitschaft ist noh lotterleer –
Wer wuud ao iatz schao’ komme’?

Dr oazig Gast am Tisch em Eck
hot Duust – ma haörts am Zische’ –
ond kaum ist so e’ Schoppe’ weg,
noh bstellt r glei en frische’.

Ond sengt und sengt aus volem Hals
oa’ Liadle noch em andre’
R sengt vom „Jäger aus Kurpfalz“,
vom „Rehlein“ ond vom „Wandre’“.

R seng, sait d Wiite, schao’ e Stond,
sei Bierglas bhäb deneabe’,
ond sag r häb koan bsondre Grond,
nao Duust ond Freud am Leabe’.

„Iatz, Büable, lauf! Sotts ebbes gea’,
ond will dei Muater schelte,
noh saist, de häbst en Zfriedne‘ gseah
ond Wonder seie selte.“

Sebastian Blau (1973)

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

25.02.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball