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Roigel verstieß 1936 den Arzt jüdischer Herkunft

Ein Leben auf dem Vulkan

Hans Florian Hahn begann 1924 in Tübingen Medizin zu studieren und trat in die Verbindung Roigel ein. Seine Tochter kam dieser Tage aus Tel Aviv zu Besuch. Sie recherchiert derzeit seine Lebensgeschichte und erzählte den Studenten und Alten Herren, wie ihrem Vater nach 1933 geschah, als sich die Nazis für seine jüdische Herkunft interessierten.

21.08.2012
  • Hans-Joachim Lang

In der Ibm-Gvirol-Straße im Zentrum von Tel Aviv digitalisierte im vorigen Herbst ein Fotohändler einen Schmalfilm, den eine Auswandererin aus ihrer alten Heimat mitgebracht hatte. Er versetzt den Betrachter in das Jahr 1943 und zeigt ein scheinbar unbeschwertes Familienleben in der norddeutschen Provinz, Vater, Mutter, zwei Kinder.

Ein Leben auf dem Vulkan
Florian Hahn, Strahlemann genau in der Bildmitte, als wohlgelittener Bundesbruder in der Studentenverbindung Roigel. Zwölf Jahre später forderte man ihn wegen seiner jüdischen Vorfahren auf, aus der Verbindung auszutreten. Privatbild

Das älteste der beiden Kinder, Miriam Andrea Hahn, ist mittlerweile 71 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Israel. Die promovierte Medizinerin hätte das Kindheitsidyll, das auch ihrer eigenen Erinnerung entsprach, wohl nie in Frage gestellt, wenn sie von dem Fotohändler nicht auf einen Widerspruch aufmerksam gemacht worden wäre. Konnte es für ihren Vater 1943 in Deutschland überhaupt ein unbeschwertes Familienleben geben?

Hans Florian Hahn wurde am 10. März 1905 als Sohn eines Chirurgen in Nürnberg geboren und evangelisch getauft. Nach dem Abitur absolvierte er auf Wunsch seines Vaters eine einjährige praktische und kaufmännische Elektrolehre bei der AEG in Nürnberg, ehe er 1924 in Tübingen sein Medizinstudium aufnahm. Hier trat er in die Studentenverbindung Roigel ein, die ihr Domizil in der Burgsteige hat, und beteiligte sich aktiv am Verbindungsleben.

Laut Rassegesetzen ein „Halbjude“

Seine Tochter hatte zu ihrem Tübingen-Besuch ein Fotoalbum aus dem Nachlass ihres Vaters mitgebracht, das ihn bei unterschiedlichen Gelegenheiten im geselligen Kreis seiner Roigel-Kommilitonen zeigt. Nach seiner Approbation als Arzt im Juli 1932 folgte Hans Florian Hahn dem Vorbild seines Vaters und begann eine Ausbildung zum Chirurgen. Von Aalen aus bahnte er seinen weiteren Berufsweg, der ihn zwar nacheinander an verschiedene Kliniken, allerdings nicht den erhofften Aufstieg brachte.

Das lag daran, dass beide Großeltern mütterlicherseits Juden waren. Dass sie zum Protestantismus übertraten und schon Hans Florians Mutter evangelisch taufen ließen, spielte für die Nazis keine Rolle. Als Enkel zweier jüdischer Großeltern zählte der junge Arzt nach den Rassegesetzen der Nazis zu den „Halbjuden“, die zunehmend diskriminiert und in ihren Rechten eingeschränkt wurden.

Ein Leben auf dem Vulkan
Miriam Andrea Hahn kam zu Besuch in die Tübinger Studentenverbindung Roigel und referierte über ihren Vater. Ihr genaues Thema: „Hans Florian Hahn (1905 - 1966): Lebensweg eines Otterndorfer Arztes jüdischer Herkunft“. Bild: Lang

Für Hahn bedeutete es beispielsweise, dass man ihm nach seiner Facharzt-Anerkennung von 1937 in Leipzig sogleich nahelegte, „auf eigenen Wunsch“ zu kündigen. Es gelang ihm fortan nur noch, Praxis-Vertretungen zu übernehmen.

Gelegentlich sprang er für „nicht-arische“ Mediziner ein, etwa für seine beiden jüdischen Onkel Georg und Herrmann Hamburg, ehe ihnen die Approbation entzogen und sie nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 ins KZ Dachau verschleppt wurden. Zweimal reiste Hans Florian Hahn in die Vereinigten Staaten, um dort Fuß zufassen, Mitte 1937 und Ende 1938. Beide Male kehrte er erfolglos zurück, da es ihm nicht gelungen war, eine Anstellung zu finden.

Wie Miriam Andrea Hahn aus Familienunterlagen weiß, hatte es für ihren Vater in der Nazizeit nicht nur im Berufsleben Konsequenzen, dass er jüdische Vorfahren hatte. Beispielsweise soll aus diesem Grund bereits Ende 1933 dessen erste Verlobung in die Brüche gegangen sein. 1936 forderte ihn die Tübinger Studentenverbindung Roigel auf, von sich aus den Bund zu verlassen.

Aus den selben Rassegründen wurde noch zwei weiteren „Halbjuden“ nahegelegt, den Bund zu verlassen: Erwin Goldmann, einst Mitglied der „Schwarzen Reichswehr“, und Julius Steinmetz, der 1931 schon seinen früheren Namen Cohen abgelegt hatte – zu einer Zeit, als er noch als Parteiredner für die NSDAP auftrat. Später profilierte er sich als Gegner.

Antrag auf Heirat wurde abgelehnt

Im Sommer 1939 übernahm Hahn im Otterndorfer Kreiskrankenhaus die Vertretung des Chefarztes, der eigentlich nur eine kurzzeitige Militärübung absolvieren wollte. Als sechs Wochen später die Deutschen den Krieg gegen Polen anzettelten, durfte Hahn die Vertretung fortführen – mit geringer Vergütung und ohne Kündigungsschutz. Im Dezember 1939 verlobte sich der Arzt mit einer (so die gesetzliche Formulierung) „deutschblütigen“ Frau, die er aber nach den einschlägigen Vorschriften nur mit Genehmigung heiraten durfte. Wie in den meisten Fällen wurde sie auch ihm nicht erteilt, der Regierungspräsident von Stade lehnte im März 1941 den Antrag der Brautleute ab.

Das Paar ersann als Ausweg, das Aufgebot in München zu bestellen (dem Wohnort seiner Eltern) und auf dem Standesamt die Angaben über die jüdischen Vorfahren zu verheimlichen. Am 22. April 1941 wurde die Ehe geschlossen, 16 Tage später kam Miriam Andrea Hahn zur Welt. Den Behörden blieb jedoch nicht lange verborgen, dass die Eheleute geschummelt hatten, schon im August 1941 war ihnen das Reichssippenamt – die im Dritten Reich für die Prüfung der „arischen Rassenzugehörigkeit“ zuständige Dienststelle – auf die Schliche gekommen.

Im Frühjahr 1943 wurde ihnen vom Landgericht Stade eine Anklageschrift wegen „Rassenschande“ zugestellt. Da Hahn unrechtmäßig verheiratet sei, habe ihn die Finanzverwaltung zu Unrecht günstiger besteuert, folgerte die Justiz und verklagte den Arzt auch noch wegen „unrechtmäßiger Aneignung von deutschem Vermögen“. Zudem wurde ein Disziplinarverfahren bei der Ärztekammer zur Aberkennung seiner Approbation eingeleitet.

Fortan führte die Familie ein Leben auf dem Vulkan. Unnachsichtige hohe Beamte drängten, die Verfahren in Gang zu setzen, andere hielten dagegen, dass im Falle einer Verurteilung Hahns die Klinik mit ihren 60 Betten geschlossen werden müsste, da weit und breit kein Ersatz zu finden sei. Das war sein Glück im Unglück. Der Interessenkonflikt schwelte fort, ohne zu einem Ende zu kommen, das zweifellos ins KZ geführt hätte. Hahns Tochter hat die Akte, die dieses Drama dokumentiert, in einem Archiv durchgesehen. Auf deren letztem Blatt wurde am 14. Juli 1945 handschriftlich vermerkt: „Z. Zt. durch die Ereignisse überholt.“

Schwerer Stand nach der Befreiung

Auch Miriam Andrea Hahn ist Chirurgin geworden. Sie war in der Berufswahl dem Beispiel ihres Vaters gefolgt, hat überwiegend in Norddeutschland praktiziert und ist zum Judentum konvertiert. Vor fünf Jahren entschloss sie sich, nach Israel überzusiedeln.

Die rätselhafte Filmrolle, die oberflächlich gesehen ein trügerisches Familienbild vermittelt, waren der 71-Jährigen ein später Anstoß, sich intensiver mit der Lebensgeschichte ihres 1966 verstorbenen Vaters auseinanderzusetzen, über die er selbst kaum gesprochen hat.

Die seither konsultierten Archive lenkten die Forscherin auf viele, ihr bis dahin nicht bekannte Einzelheiten, letztlich auch zu der Erkenntnis, dass selbst nach der Befreiung in Deutschland nicht gerade löbliche Zustände eintraten. Vor Gericht musste der gepeinigte Arzt noch viele Jahre um seine Anerkennung als rassisch Verfolgter und eine angemessene Entschädigung streiten.

„Im Roigelhaus habe ich Dank großer Aktivität der Bundesbrüder viele Dokumente gefunden, die bezeugen, welcher Mensch mein Vater vor der Nazi-Zeit war. Er war ein begeisterter Verbindungsstudent“, sagt Miriam Andrea Hahn nach ihrem Vortrag beim Stiftungsfest. „Ich bin sehr froh, dass ich den Weg nach Tübingen gemacht habe.“ Abgeschlossen sind ihre Recherchen noch nicht.

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21.08.2012, 12:00 Uhr

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