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Nachruf

Ein Mann der klaren Worte

Rechtsprofessor, Landesminister, Gerichtspräsident, Staatsoberhaupt – Roman Herzog mahnte stets zum Aufbruch und warnte Politik und Bürger vor Stillstand.

11.01.2017
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Als Roman Herzog noch Staatsrecht lehrte, erst in München, dann an der Freien Universität in Berlin, später auch in Speyer und Tübingen, brachte er die Bedeutung des deutschen Staatsoberhaupts auf die ebenso knappe wie einleuchtende Formel: „Die wichtigste Befugnis des Bundespräsidenten ist das Recht, Reden zu halten.“ Nachdem Herzog im Juli 1994 selbst in die Bonner Villa Hammerschmidt eingezogen war, ergänzte er seine Kurzdefinition noch um den Satz: „Von diesem Privileg muss der Amtsinhaber zurückhaltend Gebrauch machen: Er sollte nicht mehr als zwei große Reden pro Jahr halten.“

Zur Halbzeit seiner Wahlperiode, im Jahr 1997, hat Roman Herzog seine Devise auf prägnante Weise beherzigt. Von seiner politischen Kapuzinerpredigt im Berliner Hotel Adlon ging am 26. April der beabsichtigte Ruck durch die Republik, und kurz darauf trat der Bundespräsident mit seiner Versöhnungsansprache auf der Prager Burg endgültig aus dem Schatten seines stilbildenden Vorgängers Richard von Weizsäcker. Der Lohn war die Verleihung des Aachener Karlspreises für seine Verdienste um die europäische Verständigung und in New York die Auszeichnung zum „Europäischen Staatsmann des Jahres“, die er gemeinsam mit dem tschechischen Präsidenten Vaclav Havel erhielt.

Roman Herzog war in einem Amt angekommen, in das er nicht zwangsläufig gewählt worden war, auch wenn seine Berufsbiographie im Rückblick so wirken mag. Der in Landshut geborene Niederbayer war ein Überflieger, dem als Schüler, Student und Akademiker zufiel, wofür andere Zeitgenossen mehr büffeln müssen. Mit 23 Jahren legte er das erste Jura-Examen ab, die Promotion folgte schon im Jahr darauf, 1964 die Habilitation. An der Seite seines Münchner Lehrers Theodor Maunz wurde Herzog Mitherausgeber des maßgeblichen Kommentars zum Grundgesetz („Maunz-Dürig-Herzog“).

Die atemberaubende Karriere des jungen Professors machte einen Mann neugierig, der gerade erst dabei war, seinen Aufstieg in der Politik voranzutreiben: Helmut Kohl. Nach einem Besuch der Verwaltungshochschule Speyer warb der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz deren Rektor 1973 ab: Herzog wurde Bevollmächtigter der Landesregierung in Bonn im Rang eines Staatssekretärs. Kohl hatte seinem Namen als Förderer vielversprechender Talente in seinem Mainzer Dunstkreis erneut Ehre gemacht – Kurt Biedenkopf, Norbert Blüm und Heiner Geißler zählten zu dieser Garde.

Minister wurde Herzog auch, in Baden-Württemberg: 1978 Kultusminister, 1980 Innenminister. Von Stuttgart siedelte er 1983 nach Karlsruhe um, erst als Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, von 1987 an als dessen Präsident. Aus jener Zeit datiert seine hellseherische Mahnung an die politische Führung in Bonn, sie möge nicht jedes Streitthema zur Klärung an das höchste Gericht verlagern. Als Richter wie später als Bundespräsident huldigte Herzog seinem Motto: „Kein Blatt vor den Mund nehmen, die Probleme beim Namen nennen, sagen, was Sache ist.“

Auf ungewohntem Terrain

Dass der liberal-konservative Rechtsprofessor, der 1970 in die CDU eingetreten war, zunächst nicht Kohls Kandidat für die Nachfolge Richard von Weizsäckers war, lässt sich mit den Zeitumständen erklären. Der „Kanzler der Einheit“ hatte den sächsischen Justizminister Steffen Heitmann vorgesehen, doch nahm sich der Ostdeutsche vorzeitig aus dem Rennen. Die CSU präsentierte Herzog als Alternative – und Kohl zog mit. Am 8. Mai 1994 wurde der Verfassungsgerichtspräsident zum Bundespräsidenten gewählt.

Herzogs erste Schritte auf dem protokollarisch ungewohnten Terrain fielen nicht zum Wohlgefallen der gesamten politischen Klasse und vieler Beobachter aus. Dass er „unverkrampft“ ans Werk gehen wolle, interpretierten manche Kommentatoren als etwas forsche Art, mit der Historie und der außenpolitischen Rolle Deutschlands umzuspringen. Doch Herzog schwamm sich mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein, plastischer Bildsprache und analytischer Direktheit frei, er zeigte sich volksnah, humorvoll, bisweilen mit einer Portion süffigem Sarkasmus gewürzt.

Was bleibt von seiner fünfjährigen Amtszeit? Seinem Lieblingsthema aus der „Ruck-Rede“ ist er treu geblieben, auch nach dem Ausscheiden: „Die ganze Gesellschaft leidet bei uns an eingeschlafenen Füßen, die allerdings bis ans Hirn führen“, polterte Herzog im Oktober 2004. Dass er den 27. Januar, den Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus einführte, ist ein dauerhaftes Verdienst. Weitsichtig verzichtete er früh auf eine zweite Amtszeit: „Es müssen nicht alle die gleichen Dummheiten machen.“ Herzog warb vielmehr für eine siebenjährige Wahlperiode des Bundespräsidenten ohne Verlängerung.

Bei einem seiner letzten Interviews, die er im Sommer 2016 auf der Götzenburg in Jagsthausen gab, zeigte sich der alte Herr besorgt über die Politikverdrossenheit und die sinkende Wahlbeteiligung im Land. Aus „Angst vor den Wählern“, so Herzogs Diagnose, scheuten die Parteien notwendige Entscheidungen, es komme zu einer „zunehmenden Entfremdung“ zwischen Politik und Volk: „Das politische System erreicht die Menschen nicht mehr.“ Das waren warnende Worte eines allzeit kritischen Geistes wenige Monate vor seinem Tod.

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11.01.2017, 06:00 Uhr

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