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Vor 75 Jahren wurde die Christuskirche eingeweiht

Ein Name als Bekenntnis

Es war keine einfache Zeit für den Neubau einer Kirche: Seit drei Jahren herrschten die Nazis, die evangelische Kirche war zerrissen zwischen regimetreuen „Deutschen Christen“ und auf kirchliche Eigenständigkeit bedachter „Bekennender Kirche“. Am 29. November wurde die „Christuskirche“ eingeweiht.

28.11.2011
  • Jonas Bleeser

Ein Name als Bekenntnis
Grundsteinlegung der vom Stuttgarter Architekten Hannes Mayer geplanten Reutlinger Christuskirche am 8. September 1935: Der Mann mit dem Hitler-Bärtchen war Reutlingens Oberbürgermeister Richard Dederer. Nach der Machtübernahme der Nazis war Amtsinhaber Karl Haller abgesetzt worden. Bild: Stadtarchiv Reutlingen

Reutlingen. Durch die Industrialisierung nahm die Bevölkerung Reutlingens stetig zu. In der Tübinger Vorstadt wuchsen neue Wohnviertel heran, die sich rund um die dort entstandenen Betriebe reihten. Für die wachsende Zahl der Gläubigen wurde die Katharinenkirche auf dem Friedhof unter den Linden zu eng. Die Gemeinde entschloss sich also Anfang der 1930er Jahre zu einem Neubau.

Doch im ehemals eher sozialistisch geprägten Reutlingen hatten die Nazis mittlerweile das Sagen. Über die Pläne für das neue Gotteshaus höhnten Parteimitglieder: „Lasst sie nur bauen, schließlich brauchen wir Turnhallen.“

Ein Name als Bekenntnis
Die Christuskirche in den 1930er Jahren.

Die evangelischen Kirchen im Reich waren zerrissen zwischen den nazitreuen „Deutschen Christen“ und den auf kirchliche Eigenständigkeit bedachten Kirchenkreisen, die sich schließlich in der „Bekennenden Kirche“ sammelten. Diese Auseinandersetzung wirkte auch bis an die Echaz.

Und so war der Name Christuskirche mehr als ein Bezug auf die zentrale Figur christlicher Erlösungsbotschaft. Im zunehmend gleichgeschalteten NS-Staat war er ein Signal der Abgrenzung gegen die Einflussnahme der Nazis. 1934 hatten auf einer Synode in Wuppertal-Barmen evangelische Kirchenleute eine Erklärung verabschiedet, in der sie das Bekenntnis zu Christus gegen den Führerkult der „Deutschen Christen“ setzten.

Ein Name als Bekenntnis
Sechs Jahre nach der Einweihung war die Christuskirche drei ihrer vier Glocken wieder los: Bis auf die Taufglocke wurden sie 1942, dem Jahr, in dem sich Reutlingen als „judenfrei“ erklärte, für die Waffenproduktion eingeschmolzen. Bild: Stadtarchiv Reutlingen

Unter ihnen war auch der württembergische Landesbischof Theophil Wurm. Er war von 1920 bis 1927 Reutlinger Dekan gewesen, und er war es auch, der die ausschließlich durch Spenden finanzierte Kirche am 1. Advent 1936 einweihte. In seiner Predigt bezog er sich auf den Einzug Jesu in Jerusalem aus dem Matthäus-Evangelium – ein König auf einem Esel, als Gegensatz zu einem selbsternannten Führer in Berlin.

Nicht nur im Predigt-Wort, auch im Bild verortete sich die Christuskirche gegen den Geist der Zeit. Auf den Altarbildern, Fresken des Künstlers Walter Müller, wurde eine direkte Verbindung zwischen Neuem und Altem Testament gezogen – dem Teil der Bibel, den die Nazis wegen seiner jüdischen Wurzeln am liebsten aus der christlichen Heilsgeschichte verbannt hätten. Die Fresken waren in der Gemeinde nicht unumstritten: Im Evangelischen Gemeindeblatt wird 1938 von einem Gemeindeabend berichtet, an dem lebhaft über die Wandbilder gestritten wurde, in Anwesenheit des Malers.

Ein Name als Bekenntnis
Rohbau der Reutlinger Christuskirche 1936.

Der Dekan Immanuel Friz deutete und verteidigte daraufhin die Kunstwerke. Das Taufbild von Rudolf Müller zeigt einen gefesselten Jesus in wallendem Gewand. Neben ihm steht Pilatus und präsentiert ihn der Menge. Die ist in moderne Kleider gekleidet. Ein Mann droht Christus mit der Faust: Auch dieses Bild lässt sich als Kommentar zur Nazi-Zeit lesen: Wer zum Glauben steht, muss Anfeindungen erdulden. 1953 wurde das Bild mit einem Vorhang verhängt – warum, das ist unklar. Erst 1986 wurde es wieder enthüllt.

Gestern feierte die Gemeinde das 75-jährige Bestehen ihres Gotteshauses mit einem Festgottesdienst und einer Bach-Kantate. Die Zukunft der Kirche ist jedoch ungewiss. Die Kosten zur Erhaltung sind hoch – zu hoch für die schrumpfenden Kirchengemeinden.

Ein Name als Bekenntnis
19. September 1950: Transport der neuen Glocken der Reutlinger Christuskirche vom Bruderhaus zur Christuskirche.

Derzeit entsteht ein jährliches Minus von rund 70.000 Euro, trotz Spenden und Eigenleistungen der Gemeindemitglieder, trotz Vermietungen als Veranstaltungsraum. Zuletzt hätte die Diakonie ein Beratungszentrum dort einrichten sollen. Doch nach zwei Jahren Planung sagte sie ab. Nun suchen Kirchengemeinderat und Kirchenleitung einen neuen Partner – das Dach muss dringend saniert werden.

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28.11.2011, 12:00 Uhr

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