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Ein Netz um die Welt
Nachkriegskunst mit Knochen, Zeitungsresten und Stacheldraht: Wolf Vostells skulpturale Assemblage „German View from the Black Room Cycle“ von 1958-63. Foto: Berlinische Galerie, VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Ausstellung

Ein Netz um die Welt

Aufregende Zumutung: „Postwar“ im Münchner Haus der Kunst zeigt 20 Jahre Nachkriegskunst und reist dafür einmal um den Globus.

09.11.2016
  • LENA GRUNDHUBER

München. Man zählt die Särge und sammelt zusammen, was noch übrig ist, die Denkmäler liegen in Trümmern auf dem Boden. Man kontert die Worte des Teufels, den kontaminierten KZ-Satz „Arbeit macht frei“ mit Schwärze. Denn wer nach eigenen Worten für das Geschehene sucht, der läuft auf einem Minenfeld kollektiver Verletzungen und kehrt womöglich selbst versehrt zurück. Ihre Rede von der „Banalität des Bösen“ der Nazis war der Philosophin Hannah Arendt um die Ohren geflogen.

Wir treffen sie nachdenklich an in ihrem berühmten TV-Interview mit Günter Gaus 1964. Um das Video herum die Kunstwerke von Gerhard Richter, Joseph Beuys, Frank Stella und Wolf Vostell. Im ersten Raum der Ausstellung im Münchner Haus der Kunst ist der Weltkrieg zwar vorbei. Der Kampf um die Verarbeitung aber hat erst angefangen.

Es ist ein Nach-Krieg, ein „Postwar“, in den der Besucher geschleudert wird. In den Räumen des Nazi-Baus, der große Würfe geradezu herausfordert, wagt sich Chef Okwui Enwezor wieder mal an ein Großunternehmen: 20 Jahre Nachkriegskunst zwischen 1945 und 1965, zwischen Pazifik und Atlantik, 350 Werke von 218 Künstlern aus mehr als 60 Ländern haben nun wirklich alles andere als locker, aber doch Platz hier.

„Postwar“ ist eine echte Zumutung – wenn auch eine aufregende. Weil diese Schau einen anders schauen lässt, weil die großen Linien keineswegs nur von der Alten Welt in die Neue laufen, sondern den Globus wie ein Netz umspannen, asiatische, arabische, afrikanische, persische Künstler neben Europäer und Amerikaner stellen. Die Länder, ihre Probleme, ihre Bilder rücken eng, sehr eng zusammen.

Das Grauen der Massenvernichtung im 20. Jahrhundert haben ja nicht allein die Europäer zu bewältigen. Die „Hiroshima-Tafeln“ von Iri und Toshi Maruki erinnern daran, was der fast schon ikonisch gewordene Atompilz bedeutete: ein Inferno getöteter, gequälter Menschenleiber. Schwarz malen eben nicht nur die Amerikaner, sondern auch ein Kim Kulim in Korea. Übrigens ist es nicht zuletzt Picasso, der das Leid der anderen wahrnimmt, sein „Massacre in Coreé“ zeugt davon.

Ohne Informel, Pop Art, Fluxus und konkrete Kunst, ohne Gerhard Richter, Baselitz, Warhol und Yoko Ono kann eine Ausstellung mit einem solchen Anspruch natürlich nicht antreten. Doch sie sind nur gleichberechtigter Teil einer viel umgreifenderen Perspektive, die den Kampf um die Unabhängigkeit in Afrika parallel setzt zum Kampf der Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus in den USA. Die offen ist für die kalligrafische Tradition des Orients und auch mal gefährlich nah an die Grenze zur Folklore vorstößt.

Abstraktion versus Realismus

Die Mitte der großen Halle besetzen immer noch die Künstler im neuen westlichen Zentrum, den USA, mit den abstrakten Expressionisten Jackson Pollock und Willem de Kooning und auffallend prominent vertretenen Künstlerinnen wie Joan Mitchell und Lee Krasner, die ihre Farbgewitter über die Leinwände ziehen lassen.

Doch während die einen den Neuanfang in der Materialität der Farbe, in der Ungegenständlichkeit suchen, macht man andernorts mit Realismus mobil für den (Wieder-)Aufbau. Im zionistischen Kibbuz kann das ganz ähnliche Züge tragen wie in Nassers Ägypten, in Polen oder in China. Aber wo der Beton regiert, wächst das Rettende, Subversive auch. Dann schiebt ein Willi Sitte der sozialistischen Herrlichkeit in der DDR einen Arbeiter-Bohemian unter, der jeden linientreuen Genossen in den Herzinfarkt getrieben haben muss.

Bei aller Überforderung offen bleiben für Überraschungen – das ist das Kunststück, das der Besucher im Haus der Kunst leisten sollte. Denn wem die verdrehten Körper Francis Bacons eine neue Geschichte vom Menschen erzählen, wer sich in Maria Lassnigs „Selbstporträt mit Ordenskette“ verliebt hat, der wird sich genauso sehr für die nigerianische Künstlerin Colette Oluwabamise Omogbai begeistern.

Wo immer man meint, sich auf Gewohntes verlassen zu können, wird diese Ausstellung mit etwas Neuem, mit einem Bruch um die Ecke kommen. Und so ist's wie im echten Leben: Wer den Anspruch auf vollständiges Erfassen von vorneherein aufgibt, hat vielleicht die besten Chancen auf Erkenntnis.

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09.11.2016, 06:00 Uhr

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