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Ein Papst zum Anfassen
Sucht den direkten Kontakt zu Menschen: Papst Franziskus während einer Audienz auf dem Petersplatz. Foto: Andreas Solaro/afp
Franziskus

Ein Papst zum Anfassen

Seit fünf Jahren ist der Argentinier Oberhaupt der katholischen Kirche. Und er hat mit Gesten und Schriften mehr verändert, als Konservativen lieb ist.

12.03.2018
  • ELISABETH ZOLL

Rom. An Zuschreibungen mangelt es nicht: Kirchen-Revolutionär, Superstar im Papstgewand, verkappter Konservativer. Papst Franziskus passt in keine Schublade. Auch fünf Jahre nach seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche neigt der 81-Jährige zu Überraschungen. Die Revolution ist mit ihm nicht ausgebrochen, doch von Stillstand kann keine Rede mehr sein. Manche nennen es kreative Unruhe, andere sprechen von Chaos im Vatikan. Der Argentinier verändert die katholische Kirche mit Gesten und Programm. Das ruft Widerstand hervor.

Unvergessen der Abend des 13. März 2013: Auf den Balkon des Petersdoms tritt der Argentinier Jorge Mario Bergoglio, der sich fortan Franziskus nennt. Schon der Name ist Programm. Wie sein Vorbild nimmt sich der neue Papst der Bewahrung der Schöpfung an, der Hinwendung zu den Armen und der Erneuerung der Kirche. Bescheidenheit ist das Codewort der neuen Zeit. Statt Prunkgewänder einfaches Weiß, statt höfischem Gebaren im päpstlichen Palast ein brüderliches Miteinander in den Räumen und der Kantine des kirchlichen Gästehaus Santa Marta. Mit einem einfachen „buona sera“, guten Abend, hat Franziskus an diesem Abend die Herzen Millioner Menschen ein. Sollte mit ihm ein Mann den Petrusstuhl gewonnen haben, der die Sprache ganz normaler Menschen spricht? Die Erwartungen schnellten ins Grenzenlose. Franziskus wurde zur Projektionsfläche Unzähliger.

Inzwischen ist der Hype etwas abgeflaut, auch wenn die Zahl jener, die sich mittwochs und am Sonntag auf dem Petersplatz versammeln, auf Rekordhöhe verharrt. Dieser Papst hat Menschen etwas zu sagen. Eine Wohlfühl-Botschaft verkündet er nicht. Nicht den Rückzug in bequeme Innerlichkeit leitet er aus der Bibel ab, sondern die Hinwendung zu jenen, die ausgeschlossen, vertrieben, krank oder benachteiligt sind. Die „Kirche der Armen“ wird zum Losungswort. Kompromisslos setzt er sich für Flüchtlinge ein, geht zu Armen in Europa und an den Rändern der Welt, schafft Hilfen für Obdachlose rund um den Vatikan. Auch sexuellen Minderheiten weist er nicht die Kirchentür. „Wer bin ich denn, zu verurteilen“, sagt er an die Adresse Homosexueller.

Mit symbolischen Handlungen und seinem Lebensstil markiert er Veränderungen. Aber auch mit Schriften. Sein Schreiben „Freude des Evangeliums“ oder die Umweltenzyklika „Laudato si“ haben neue Türen zur Welt geöffnet. Ebenso die beiden Welt-Bischofsversammlungen zum Thema Ehe, Familie und Sexualität. Erstmals wurde kontrovers debattiert, was seit Ewigkeiten mit einem Tabu belegt war. Brüche zwischen Reformern und Traditionalisten innerhalb tun sich auf, auch Feindseligkeiten. Die neue Offenheit ist manchem Kirchenmann ein Graus. Gefährdet der Ruf nach Eigenverantwortlichkeit nicht die Einheit der Kirche? Muss sich Seelsorge nicht dem Gewicht der alten Lehre beugen?

Der neue Freiraum verstört, war das Kirchensystem doch auf Gehorsam ausgerichtet. Auch der von Franziskus angestoßene innerkirchlichen Reformprozess verunsichert, zumal er nur stockend vorankommt. Ebenso der Umbau der Finanzstrukturen. Schlechte Planung und Chaos werfen Kleriker Franziskus vor. Aber auch mangelnde Härte, zum Beispiel bei der Ahndung von sexuellem Missbrauch.

Ein Papst zum Anfassen
Grafik: SWP

Widerstand formiert sich. Konservative Kurienkardinäle äußerten in einem Brief an den Papst Zweifel, ob dessen Schreiben „Amoris laetitia“, das sich mit Fragen der Sexualmoral befasst, mit der Kirchenlehre zu vereinbaren ist. Andere hüllen sich in Schweigen. Auch unter konservativen Gläubigen rumort es. Das religionssoziologische Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center zeigt deutliche Veränderungen unter Katholiken in den USA. Unter ihnen ist der Rückhalt für den Papst traditionell hoch. Doch Franziskus polarisiert. Republikanischen US-Katholiken ist dieser Papst „zu links“, zu politisch. Die vorsichtige Öffnung der Kirche in gesellschaftlichen Fragen stößt bei weißen Evangelikalen, der Wählerschaft von US-Präsident Trump, auf Ablehnung.

Nicht so in Deutschland. Fünf Jahre nach seiner Wahl ist Franziskus beliebt, über Konfessionsgrenzen hinweg. Das hängt vor allem an einer Leistung, die im Papstamt nahezu undenkbar ist: Franziskus ist trotz seines Amtes Mensch geblieben: nahbar, direkt, nicht frei von Fehlern. Eben ein richtiger Seelsorger im höchsten Kirchenamt.

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12.03.2018, 06:00 Uhr

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