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Deshalb hat Wankheim jetzt eine Gölz-Straße

Ein Pfarrer, der Juden versteckte

Eine kurze, aber zentrale Wankheimer Straße trägt seit kurzem den Namen des Pfarrer-Ehepaars Gölz, das in der Nazi-Zeit untergetauchte Juden beherbergte. Am Montag wurde das Straßenschild in einer öffentlichen Feier enthüllt.

05.05.2010
  • Ulrike Pfeil

Wnakheim. „Pfarrbuckel“ nannte man in Wankheim das Stück der Oberen Straße, das die Kirche mit der Hauptstraße verbindet. Das neue Straßenschild gegenüber dem Pfarrhaus weist es nun als Gölzstraße aus. Richard und Hilde Gölz boten in dem Pfarrhaus nach 1942 Quartier für Juden, die sich dem Transport in Vernichtungslager hatten entziehen können. Das Wankheimer evangelische Pfarrhaus war Teil einer Kette, die von dem Berliner Pastor Heinrich Grüber über Mitglieder der Bekennenden Kirche organisiert wurde.

Der heutige Wankheimer Pfarrer Matthias Burger und seine Kirchengemeinde machten den Vorschlag der Straßenbenennung, dem Ortschafts- und Gemeinderat einstimmig folgten. Die Feier am frühen Montagabend erinnerte aber nicht nur an den politischen Pfarrer Richard Gölz, sondern auch an den Kirchenmusiker, Prediger und innovativen Theologen.

In der voll besetzten Wankheimer Jakobuskirche gab der Tübinger Stiftskirchenkantor Ingo Bredenbach ein Orgelvorspiel mit Musik aus Renaissance und Frühbarock, wie sie Richard Gölz liebte, der in den 1920er Jahren am Evangelischen Stift in Tübingen als Kirchenmusiker wirkte und in der Stiftskirche eine Vorform der Motetten begründete. Ohne Orgelmusik, sagte die Wankheimer Pfarrerin Christine Eppler, sei Gölz „nicht verstehbar“.

An die Bedeutung der Kirchenmusik bei Gölz, die „den Klang des Worts vertieft“, knüpfte auch der Tübinger Pfarrer Harry Waßmann an, ein Kenner der württembergischen Evangelischen Kirche in der Nazizeit. Er porträtierte den eigenwilligen Wankheimer Pfarrer als einen Suchenden und oft Unverstandenen, der zu seiner Zeit sinnliche und spirituelle Elemente der Verkündigung und des Gottesdienstes einführen wollte, die erst viel später akzeptiert wurden.

Klösterliche Stundengebete, Psalmen, Gregorianik „lösten damals Befremden aus“, sagte Waßmann. Nicht nur bei den pietistisch geprägten Wankheimern, sondern auch noch nach dem Krieg beim Oberkirchenrat, der etwa das Gölz’sche Projekt einer klösterlichen Singschule in Bebenhausen ablehnte. Ein Grund möglicherweise, weshalb Gölz sich der Ostkirche zuwandte, seine Frau im Einvernehmen verließ und in die USA auswanderte, wo er 1975 als Geistlicher der serbisch-orthodoxen Kirche in Milwaukee starb.

Unklar ist, wie sehr die Monate im Konzentrationslager Welzheim nach seiner Festnahme im Dezember 1944 Gölz veränderten. Er habe nie über diese Zeit gesprochen, sagt sein Sohn Heiner Gölz, der mit einigen weiteren Familienangehörigen zu der Feier gekommen war. Heiner Gölz, heute 86, ist neben drei Schwestern der jüngere Sohn des Ehepaars Gölz. Sein älterer Bruder Gottfried wurde als Soldat im Krieg getötet; der Vater erfuhr es auf dem 80 Kilometer langen Fußmarsch vom KZ nach Hause.

Er habe das Wankheimer Pfarrhaus „aus einer völlig anderen Perspektive erlebt“, sagt Heiner Gölz, der 13 war, als die Familie von Tübingen in das Dorf zog. Holzhacken im Pfarrgarten, die morgendliche Fahrradfahrt ins Uhlandgymnasium („ohne mit den Händen die Lenkstange zu berühren“), das heimliche Rauchen auf dem Dachboden des Pfarrhauses stehen in seiner Erinnerung im Vordergrund. Dass die Eltern Juden versteckten, bekam er nicht mit, da er zu dieser Zeit Soldat in Norwegen war. Beim Wegzug des Vaters in die USA war der spätere Möbeldesigner selbst erwachsen. „Ich habe ihn stets respektiert und seine Entscheidungen akzeptiert.“

Härten-Bürgermeister Jürgen Soltau und Ortsvorsteher Hannes Kurz würdigten in Grußworten das Ehepaar Gölz als „mutige und tapfere Menschen“ von „starker Gesinnung“. Durch die neue Pfarrhaus-Adresse, hoffte Kurz, werde ihr Andenken „mit der Post in die ganze Welt verbreitet“.

Beim Umtrunk mit Sekt und Brezeln kamen einzelne alte Wankheimer auf Heiner Gölz zu, die sich wie Jakob Braun und Altbürgermeister Ludwig Walker an den Pfarrer und seine Frau erinnerten. Aber auch eine junge jüdische Familie aus Reutlingen ehrte das widerständige Paar mit ihrer Anwesenheit.

Ein Pfarrer, der Juden versteckte
Die Erinnerung an das Pfarrer-Ehepaar Richard und Hilde Gölz soll in Wankheim lebendig bleiben: Zur offiziellen Benennung der Gölzstraße fanden sich am Montag zahlreiche Bürger und Gäste ein, auch einige Angehörige der Familie Gölz. Rechts der Sohn Heiner Gölz mit seiner Frau. Im Hintergrund die Wankheimer Kirche, wo Richard Gölz predigte und Orgel spielte, daneben das Rathaus, wo Hilde Gölz bis in die späten 1970er Jahre in der Dachwohnung lebte. Sie starb 1986 in Reutlingen. Bild: Metz

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05.05.2010, 12:00 Uhr

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