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Streik

„Ein Pilot muss 100 000 Euro für seine Ausbildung bezahlen“

Ein Lufthansa-Kapitän, der 250?000 Euro verdient, erzählt, warum er jetzt wieder streikt. Er sagt: Nicht des Geldes wegen.

24.11.2016

Von ROLF OBERTREIS

Die Anzeigentafeln zeigten gestern viele ausgefallene Flüge an: Die Piloten der Lufthansa streiken wieder. Nicht allen Flugkapitänen, die ihre Arbeit niederlegen, geht es dabei vorrangig um die 22 Prozent mehr Lohn, die die Vereinigung Cockpit fordert. Foto: Bildquelle

Normalerweise hätte er gestern im ersten Stock im Cockpit eines doppelstöckigen A 380, dem Flaggschiff der Lufthansa, gesessen und rund 400 Passagiere von Frankfurt Richtung Asien oder Amerika gesteuert. Das tut der Pilot, der seit 30 Jahren für die Airline fliegt, aber nicht, auch heute nicht. Der Pilot, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, streikt wie Hunderte seiner Kollegen auch. Zum 14. Mal seit April 2014.

Der Mitfünfziger säße lieber am Steuerknüppel, erzählt er im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Er ist verärgert und ratlos zugleich. Verärgert, weil sich wieder nichts bewegt im Tarifkonflikt zwischen Lufthansa-Vorstand und Piloten. „Dabei waren wir im vergangenen Jahr doch fast soweit. Wir Piloten hätten sogar verzichtet, als wir unseren Wachstumspakt angeboten hatten“. Tatsächlich war die Pilotenvereinigung Cockpit damals auf den Vorstand zugegangen. „Am Ende kam aber doch wieder ein Nein“, sagt der Pilot.

Er vermutet hinter der damaligen Weigerung Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Der zeigt sich auch jetzt hart. Jeder Streik sei einer zu viel, sagt er. Aber es sei völlig irrational, einer Forderung nach 22 Prozent mehr Gehalt für fünf Jahre nachzugeben. Das fordert die Vereinigung Cockpit (VC). Für Spohr könnte das die Existenz der Lufthansa gefährden. Ein Verlust von Zukunftsfähigkeit durch einen faulen Kompromiss wäre aber noch viel schmerzhafter, sagt er. „Lieber einige Tage ohne Lufthansa als irgendwann ganz ohne Lufthansa.“

Mit einigen Tagen ohne Lufthansa kann der A 380 Pilot auch leben. „Ich bin in der letzten Tarifstufe angekommen. Es ist kein Problem, davon zu leben“, sagt der Familienvater. In der höchsten Tarifstufe verdienen Chef-Piloten bei Lufthansa bis zu 250?000?EUR im Jahr. Unabhängig vom Tarifvertrag bekommen die Piloten durch eine höhere Einstufung jedes Jahr im Schnitt 3 Prozent mehr, räumt er auch ein.

Er beklagt sich deshalb nicht vordergründig über die Lufthansa-Offerte von 2,5 Prozent, auch wenn er sie für eine Zumutung hält. Für ihn steht im Mittelpunkt, dass Spohr den Konzern-Tarifvertrag kippen will. Der sichert den Piloten seit Jahrzehnten viele Vorteile, etwa auch die Regelungen für die Alters- und Übergangsversorgung. „Wenn das alles wegfällt, ist das Tor für prekäre Arbeitsbedingungen geöffnet.“

Er verweist auf den Lufthansa-Billigableger Eurowings. „Dort beginnt ein Pilot mit 40?000 EUR. Wie soll er eine Familie ernähren? Er ist ja noch mit 100?000 EURverschuldet. Die hat er für seine Ausbildung zum Piloten auf den Tisch gelegt.“ Letztlich könne es auf ähnlich schlechte Bedingungen wie bei Ryanair hinauslaufen, fürchtet der Mitfünfziger. Dort werden Piloten zum Teil nur dann bezahlt, wenn sie tatsächlich fliegen, heißt es bei VC.

Und dann könne es auch mit der Sicherheit problematisch werden, warnt der Lufthansa-Kapitän. „Solche Gehälter können Menschen dazu bringen, Dinge zu machen, die nicht okay sind.“ Etwa ins Cockpit zu steigen, wenn man nicht gesund und topfit ist. Dabei ist bei Lufthansa Sicherheit oberste Prämisse, wie Spohr immer wieder betont.

Für Unmut bei VC und den 5400 Pilotinnen und Piloten sorgt überdies, dass die Gehälter der Vorstände in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. Spohr etwa erhielt 2015 knapp 2,6 Mio. EUR, fast 400?000 EUR mehr als ein Jahr zuvor, ähnlich deutlich ging es bei seinen vier Kolleginnen und Kollegen nach oben.

Dass die Lufthansa mit einer veralteten Flotte unterwegs ist und der Gewinn deshalb auch für den Kauf neuer Jets herhalten muss, sei nicht richtig. „Richtig ist, dass wir im Vergleich zu den Airlines vom Golf oder zu Singapore Airlines in der Ausstattung der Business Class und der Economy hinterher sind. Da passiert zu wenig“. Vor allem fehlt ihm ein Mann an der Spitze, sagt er, „der weiß wo die Lufthansa in fünf Jahren steht“. Spohr, selbst ausgebildeter Pilot ist das in seinen Augen nicht. „Derzeit gibt es nur eine Idee und die heißt: Billiger werden“.

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Erstellt:
24. November 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. November 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. November 2016, 06:00 Uhr

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