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Ein Plauderer mit Witz
und Charme
Sven Plöger kann stundenlang reden nicht nur übers Wetter. Foto: Matthias Kessler Foto: Matthias Kessler
Unterhaltung

Ein Plauderer mit Witz und Charme

Meteorologe, TV-Moderator, Entertainer – Sven Plöger kann viel. Vor allem aber kann er wahnsinnig viel reden.

24.11.2016
  • GUDRUN SOKOL

Ulm. Cumulonimbus Capillatus incus: Den lateinischen Namen für eine Gewitterwolke lässt er sich auf der Zunge zergehen. Sein Redetempo ansonsten: irre. Sein Traumberuf: Vogel (als Dreijähriger), später realistischer: Pilot – was an der Sehschwäche scheiterte. Geworden ist Sven Plöger Meteorologe, Wetterunternehmer und Entertainer. Ein Plauderer, der im Gespräch gerne mal aufsteht, um wort- und gestenreich zu erklären, wie sich das Weltklima verändert, was der Unterschied zwischen Wolke und Nebel ist und warum es im November mal mehr oder weniger davon gibt. Mit Witz, Charme und einer faszinierenden Lebhaftigkeit hat der 49-Jährige seinem Publikum beim Forum der SÜDWEST PRESSE im Ulmer Stadthaus einen höchst vergnüglichen Abend beschert.

Gesendet wird aus München

„Wetter vor acht“, das Wetter am Ende der „Tagesthemen“, noch dazu Wettervorhersagen in diversen dritten Programmen: Bis zu zehn Auftritte absolviert Plöger pro Arbeitstag in seinem Studio 11 der Bavaria-Film südlich von München. Immer spricht er frei; ein Teleprompter würde ihn nur behindern, meint er. Außerdem: „Sätze, die ich sage, könnte niemand aufschreiben.“

Überwiegend spontan verlaufen auch die Überleitungen vom jeweiligen „Tagesthemen“-Moderator zu ihm. Manchmal werde es lustig, manchmal halt auch nicht: „Ich bin ja kein Schauspieler.“ Es gehe in seinem Job immer darum, mit dem Denken dem Sprechen 10 bis 15 Sekunden voraus zu sein. Trotzdem: „Manche Sätze verstehe ich selbst erst, wenn ich sie gesagt habe.“

Seine Popularität genießt Plöger sichtlich: Man arbeite als Wettermoderator „mit einer gewissen Penetranz“ – jeden Abend und das im Wohnzimmer der Menschen. Das schafft Nähe, Verbundenheit und Fans. Plöger bekommt „wahnsinnig viele liebe und feine“ Zuschriften. Die wenigen negativen ordnet er unter „generelles Weltbenörgeln“ ein.

Vor die Fernseh-Kamera geraten ist der gebürtige Rheinländer durch Zufall. Während seiner Zeit beim Schweizer Wetterdienst Meteomedia war ein Moderator ausgefallen. Sein Chef, Jörg Kachelmann, bestimmte, dass Plöger einspringen soll, mit den Worten: „Du siehst zwar scheiße aus, aber du kannst reden.“ – „Ich habe das als Lob aufgefasst“, sagt Plöger. Die erste Sendung habe er ordentlich hinbekommen, „mit vollständigen Sätzen aus Subjekt, Prädikat, Objekt und so“.

Das war 1999 der Beginn seiner Fernseh-Karriere. Die ausladende Geste zu Beginn jedes Auftritts – die Arme weit ausgebreitet – sei damals eher ein Zeichen von Hilflosigkeit und Bemühen um offensives Auftreten gewesen. Doch als er von Stefan Raab so imitiert wurde, fand er das prima und behielt es bei. Allerdings habe er nach den Raabschen Zusammenschnitten seiner Anmoderationen einen Modeberater engagiert. „Danach fand ich mich super gut aussehend.“

Ein einschneidendes Erlebnis war für Plöger Orkan „Lothar“, den er am Zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 in den Schweizer Bergen erlebt hat. „Ein Drittel der Bäume war plötzlich weg.“ Da stelle man sich schon die Frage, ob man nicht Täter und Opfer zugleich ist.“ Über den Klimawandel kann Plöger natürlich Stunden reden. Er kann es aber auch kurz machen: Das Polareis geht zurück, was die Strömungen in der Höhe verändert. Das bewirkt, dass Hochs und Tiefs langsamer ziehen und es lange trockene Phasen und lange niederschlagsreiche Phasen gibt. „Standwetter“ nennt Plöger das. 20 Jahre bleiben uns noch, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen, schätzt er. Zeit, in der die Weltgemeinschaft endlich umsetzen soll, was sie beschlossen hat.

Große Hoffnungen auf China

Mit Spannung blickt er in die USA, wo Trump nun erst einmal zeigen müsse, ob er nach einem „vulgären“ Wahlkampf auch regieren könne. Große Hoffnung setzt der Meteorologe auf China, wo durch das Smog-Problem die Gesundheitskosten explodieren. Das Land stehe jetzt an der Seite der Europäer. „Und nachmachen können die Chinesen.“

Auch in Europa gebe es viel zu tun: In weniger als 30 bis 50 Jahren sei eine Energiewende nicht machbar. Alle wollen Strom aus der Steckdose, aber keiner will ein Kraftwerk vor der Nase. Da müsse die Politik steuern.

Eine Häufung von Unwettern kann Plöger nicht feststellen. Wohl aber eine Zunahme der Stärke. Von halbherzigen Versuchen, drohende Katastrophen, etwa durch Hagelflieger, zu bekämpfen, hält er nichts: Das funktioniere nicht bei Gewitterwolken. „Da fliegt eine Cessna mit einer kleinen Rakete auf diese gigantische Wolke zu und sagt ,Dich kill‘ ich‘.“ Ameise gegen Elefant, das funktioniere nicht.

Der schlaksige 49-Jährige ist leidenschaftlicher Segel- und Gleitschirmflieger. „Das ist so ein tolles Gefühl, dass ich finde, alle Leute sollten Gleitschirm fliegen.“ Das Schweben, Runterschauen auf die klein wirkende Welt mache nachdenklich. „Es löst manchmal Alltagsprobleme, ohne dass man sie aktiv bearbeitet.“ Vor allem genießt Plöger das Alleinsein mit der Stille – und der ein oder anderen Schönwetterwolke. Cumulus humilis – auch die lässt sich wunderbar auf der Zunge zergehen.

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24.11.2016, 06:00 Uhr

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