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Kommentar zum Auftritt Jakob Tscharntkes

Ein Prediger in der Politik

Schön ist es nicht, aber immerhin aufschlussreich, sich den jüngsten Auftritt des Anti-Asyl-Predigers Jakob Tscharntke für den Tübinger Kreisverband der „Alternative für Deutschland“ (AfD) noch einmal zu vergegenwärtigen.

23.11.2015
  • Eike Freese

Über Tscharntke, der gegen Evolutionstheorie und Homosexualität genauso wütet wie gegen Flüchtlinge, wird inzwischen bundesweit berichtet. Die AfD, vier Monate vor der Landtagswahl von sechs Prozent der Wähler präferiert, wird vom Riedlinger Freikirchler offenbar gerne beworben – und bietet ihm im Gegenzug die Möglichkeit, Christentum und harten Anti-Asyl-Kurs als bestens vereinbar darzustellen. Tscharnkte musste in Talheim ordentlich Distinktions-Arbeit verrichten, um seinen Ansichten (und damit auch denen der AfD) die inzwischen offenbar beachtliche Nische im politischen Meinungskosmos weiter freizuräumen.

Mit Grünen, SPD, FDP und Linken gibt sich Tscharntke schon kaum mehr ab. Ziel ist vor allem die Merkel-CDU, der der Prediger „bandenmäßiges Schleusertum“ in der Flüchtlingssituation vorwirft und sie als „Verbrecherin“ betitelt.

Doch nicht nur nach, nun ja, links geht der Angriff. Die Schrecken des Nationalsozialismus („Hitler war eine Katastrophe!“) betont Tscharntke so oft, dass man vermuten darf, dass er es wohlkalkuliert tut. Der NPD will er sich zwar nicht umstandslos andienen, doch bei der Familienpolitik etwa, lobt der Prediger, könnte sie punkten. „Die NPD ist in diesem Punkt relativ gut aufgestellt“, so Tscharntke unwidersprochen: „Man muss die Stärken der Anderen sehen und übernehmen.“

Schließlich und endlich indes ist es Tscharntke offenbar ein Hauptanliegen, gerade den eigenen Stand anzugreifen. „Die Kirchen sind die allerschlimmsten“, sagt der Prediger unter dem Applaus seiner Zuhörer – und meint damit etwa das liberale Verhältnis mancher Kirchenleute zur Homosexualität und das Engagement zahlreicher Christengruppen für Flüchtlinge.

Tscharntke erregt mittlerweile so viel Aufsehen, dass sich der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden bereits von seinen Parolen distanzierte. Auch die evangelische Landeskirche betont (siehe Steinlach-Bote) noch einmal ausdrücklich, nichts mit dem Freikirchler zu tun zu haben. Für Tscharntke vermutlich ein Ritterschlag – seien es doch gerade die, so wörtlich, „christlichen Dummschwätzer“ in nah und fern, die sich als besonders zäh in der jetzigen Asyl-Debatte erwiesen.

Und dann zählt Tscharntke unter Applaus noch alle weiteren Institutionen und Einzelpersonen auf, die sich angesichts der heutigen Weltlage bewusst schuldig machten oder sonstwie versagten: Neben immer wieder Merkel persönlich kommen da Vertreter des Gender Mainstreaming vor, dazu die „Gutmenschen“ in den Flüchtlingsunterkünften und, in einer gewagten Trias, „das BKA, die Bundeswehr, die Landräte“. Zudem, bei weitem nicht zuletzt, die Medien wie das beim Auftritt ausgeschlossene TAGBLATT, denen Tscharntke böswillige Falschberichterstattung vorwirft.

Tenor des Abends: Wir gegen alle. Aber Gott ist mit uns. Eine Haltung, die weltweit nicht völlig unbekannt ist.


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