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Austausch erleichtert die Last

Ein Protokoll aus dem monatlichen Gesprächskreis für pflegende Angehörige in Mössingen

Die Pflege von Angehörigen zu Hause ist ein Kraftakt, der Pflegende oft an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringt. Im Mössinger Gesprächskreis erzählen sie, was das heißt.

24.08.2015
  • Amancay Kappeller

Mössingen. Hilde Kullmann pflegt ihren Mann bereits seit zehn Jahren zu Hause. Der 84-Jährige leidet an der Lewy-Körperchen-Demenz. Sie ist nach Alzheimer die zweithäufigste degenerative Demenz im Alter. Bei Kullmanns Ehemann wurde in der Tübinger Uniklinik auch Parkinson diagnostiziert. Der 84-Jährige kann kaum mehr laufen, ihn plagen gelegentlich Sprechstörungen. Zittern oder Schluckbeschwerden, was bei Parkinson oft auftritt, hat der Rentner bisher nicht, berichtet seine Frau. Alleine beschäftigt er sich nicht mehr.

Die 74-Jährige kümmert sich um fast alles selber, was ihren Mann anbelangt. Zwei Frauen kommen stundenweise und helfen. Ein Mal in der Woche geht der 84-Jährige in die Tagespflege. Dann hat Kullmann Zeit zum Einkaufen und ein bisschen auch für sich etwa, um Walken zu gehen. „Man kommt manchmal schon an seine Grenzen. Dann liegen die Nerven bloß. Aber man fängt sich auch wieder“, berichtet sie im Gesprächskreis für pflegende Angehörige im Alten Rathaus. Der offene Kreis trifft sich ein Mal im Monat unter Leitung von Sabine Behrmann von der Informations-, Anlauf- und Vermittlungsstelle (IAV).

Pflegende empfinden es oft als Entlastung, mit anderen über ihre Erfahrungen sprechen zu können. Sie tauschen Informationen zur Pflege aus, geben sich praktische Tipps. „Es ist wichtig, von anderen zu hören, wie es ihnen geht“, sagt Elisabeth Maier. Sie pflegt ihren 97-jährigen Vater. Alle steckten „ungefähr in der gleichen Situation“. Eine andere Anwesende umreißt den Nutzen der Gespräche mit Gleichgesinnten so: „Man nimmt jedes Mal etwas mit heim. Auch, wenn es nur darum geht, wie man das Essen geschickt püriert.“

Der Zustand von Hilde Kullmanns Mann ändert sich von Tag zu Tag, manchmal auch im Tagesverlauf. Das macht die Pflege für die Öschingerin schwierig. „Man weiß nie, was ist. Es ändert sich ständig. Man kann sich auf nichts wirklich einstellen“, sagt die 74-Jährige. Mal ist ihr Mann verwirrt, dann wieder recht klar im Kopf. Mit diesem ständigen Auf und Ab muss Kullmann zurecht kommen. Die Kinder des Paars leben nicht in der Nähe und können der Mutter nur selten bei der Pflege des Vaters unter die Arme greifen. Soziale Kontakte seien zum Glück nicht ganz abgerissen, erzählt die Öschingerin. Ab und zu kommt jemand vorbei, der mit dem Pflegebedürftigen Halma oder Schach spielt.

Auch ein 67-jähriger Mössinger ist an diesem Mittwoch gekommen, um am Gesprächskreis teilzunehmen. Der Rentner hat seine Frau, die an Multipler Sklerose erkrankt ist, zehn Jahre gepflegt und seinen Beruf dafür aufgegeben. Heute würde er sich anders entscheiden. Aber nicht aus mangelnder Liebe zu seiner Frau, sondern weil die jahrelange Pflege ihn derart ausgelaugt hat, dass er irgendwann selber krank wurde. „Der Körper hat sich irgendwann gewehrt.“ Im Krankenhaus habe man ihm gesagt: „Wenn Sie nicht aufhören zu pflegen, landen Sie vor Ihrer Frau im Pflegeheim.“

Der Mössinger gab seine Frau in professionelle Hände. Selbstschutz ist für Pflegende äußerst wichtig, hat er gelernt. Seit zweieinhalb Jahren ist seine Frau stationär im Heim untergebracht. Doch jetzt empfindet der Pensionär das Allein-Sein zu Hause als schlimm. Tagsüber könne er sich beschäftigen. Doch abends sei es furchtbar: „Da muss man tatsächlich aufpassen, dass man nicht suizidgefährdet wird.“

Auch was er tagtäglich im Pflegeheim mitbekommt, nimmt ihn mit. Der Rentner muss mit ansehen, wie ihr Körper und Geist komplett verfallen. „Bisschen Anerkennung würde mal gut tun“, sagt der 67-Jährige. „Aber es ist alles nur eine Einbahnstraße und es kommt nichts zurück.“ Auch bedingt durch die jahrelange Pflege seiner Frau sind die meisten sozialen Kontakte abgerissen: „Das ist schon schlimm.“ Irgendwann werde das Ganze auch zum finanziellen Problem. Die Frau des 67-Jährigen hat die höchste Pflegestufe. 4000 Euro kostet das Pflegeheim im Monat, die Pflegekasse zahlt 1600. Nachts liegt der Mössinger oft wach und wälzt Probleme, für die es eigentlich kaum eine Lösung gibt.

Rosemarie Baur erzählt ihre Pflege-Geschichte. Ihr Mann bekam vor acht Jahren vier Bypässe, später Prostata- und Darmkrebs. Außerdem hat er Diabetes und leidet an Demenz. Für die 69-Jährige stand gleich fest, dass sie ihren heute 77-jährigen Mann Konrad zu Hause pflegen würde, solange es geht. Die energische Mössingerin weiß, wie sie den Pflegebedürftigen zu nehmen hat. Immer wieder ermuntert sie ihren Gatten, nicht aufzugeben. „Wir haben viel zusammen gemeistert. Dann schaffen wir das auch noch“, erklärt sie ihm etwa, wenn er mal wieder schlecht drauf ist. Von ihrem Mann kommt laut Baur auch viel zurück: „Er sagt mir jeden Tag, wie froh er ist, dass er mich hat. Das ist ein gewisser Lohn.“

Eine 83-jährige Mössingerin schaltet sich ins Gespräch ein und erzählt von ihrem Mann, der wegen Bandscheiben- und Schulterproblemen in seiner Beweglichkeit stark eingeschränkt ist. Mobil ist der 84-Jährige noch mit seinem elektrischen Rollstuhl. Anziehen kann er sich nicht mehr alleine, keine Flasche mehr öffnen. „Wir machen das Beste draus“, sagt die Rentnerin. „Hauptsache, wir können noch zu Hause sein und sind zu zweit.“ Wichtig sei, „sich selber am Riemen zu reißen und nicht gehen zu lassen“. Im Kopf ist der Mössinger, der auf Hilfe angewiesen ist, noch fit. „Und er sieht auch, wenn ich mal Abstand brauche.“ Es sei toll, dass ihr Mann das im Blick habe, sagt Behrmann.

Man habe auch für sich selbst Verantwortung, wenn man jemanden zu pflegen habe, erklärt eine Gesprächsrunden-Teilnehmerin. „Es tut gut, sich mit anderen auszutauschen und über Probleme zu sprechen. Man bekommt immer gute Ratschläge. Und man kann ein Stück weit Verantwortung abgeben.“

Über den Gesprächskreis bekommt Behrmann wichtige Einblicke, wie Pflege zu Hause funktioniert und welche Probleme es gibt. Eine 74-jährige Bodelshäuserin berichtet etwa, dass bei ihrem 77-jährigen Mann Rehas abgelehnt wurde. Der Bodelshäuser hatte 1998 eine Hirnblutung, nach der er halbseitig gelähmt war. Seit 2006 hatte der Rentner drei Schlaganfälle, außerdem eine Herz-OP. „Er hat aber immer gesagt: ‚Ich will!‘ und sich erholt“, erzählt die 74-Jährige. Ihren Mann bezeichnet sie als Kämpfer. Drei Mal wurde eine stationäre Kur in jüngster Vergangenheit abgelehnt. Die Bodelshäuserin wendete sich daraufhin an Behrmann. Dem vierten Reha-Antrag wurde stattgegeben.

Ein Protokoll aus dem monatlichen Gesprächskreis für pflegende Angehörige in Mössingen
Rosemarie Baur (von links), Sabine Behrmann, Hilde Kullmann und Elisabeth Maier, bekommen im Gesprächskreis für pflegende Angehörige Mössingen Unterstützung, wenn sie die Grenzen ihre Fürsorge erreichen – und manchmal auch einen Tipp wie sie das Essen geschickt pürieren können.Bild: Kappeller

Die Treffen des Gesprächskreises für pflegende Angehörige sind immer am letzten Mittwoch des Monats. Diese Woche also am 26. August, immer von 10 bis 11.30 Uhr, im Obergeschoss des Alten Rathauses in Mössingen, Rathof 2. Kontakt zu Sabine Behrmann telefonisch unter 07473 / 4141 oder per Mail: moessingen@pflegestuetzpunkt-tuebingen.de. Ihre festen Sprechzeiten im Pausa-Quartier, Löwensteinplatz 1, sind Dienstag bis Freitag jeweils von 8.30 bis 11 Uhr.

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24.08.2015, 12:00 Uhr

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