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Literatur

Ein Roman in zahlreichen Erzählungen

Ein schwieriges, ein lohnendes Unterfangen: Alissa Walsers neues Buch bietet dem Leser viel.

11.04.2017
  • HANS-DIETER FRONZ

München. „Eindeutiger Versuch einer Verführung“, heißt das neue Buch von Alissa Walser. Die mittlere der drei schreibenden Töchter von Martin Walser eifert ihrem Vater sichtlich nach, zumindest in der Wahl der literarischen Gattungen: Roman, Erzählung, Theaterstück. Das neue Buch jedoch kommt ohne Gattungsbezeichnung daher. Die kurzen Texte oszillieren zwischen Erzählung und Kurzgeschichte, Prosa-Miniatur und Dramolett. Die meisten Geschichten sind in der dritten Person erzählt; einige haben eine Ich-Erzählerin.

Wer spricht in dem einen Text in der ersten Person? Und wer ist in einem anderen die namenlos bleibende „sie“? Handelt es sich in allen Stücken um ein und dieselbe Person, gar als Maske der Autorin? Einiges spricht für die Identität der Figuren. So kehren Thema und Motive eines Textes in späteren Geschichten wieder, etwa die schwierige Beziehung einer Figur zur eigenen Mutter oder das Problem mit Menschenmassen“. À la longue entsteht der Eindruck, einen Roman in Erzählungen vor sich zu haben.

Die Geschichten handeln von familiären und von Paarbeziehungen, mit offenen oder versteckten Konflikten. Es geht um „postfinales Aufrechnen“ mit dem Ex oder die Zigarette danach. Er lässt sie nicht zu Wort kommen; sie möchte manchmal weglaufen ohne Grund. „Du bist wie deine Mutter“, wirft er ihr vor – und sie kontert, indem sie ihn mit seinem Vater vergleicht. Gern wird dann gleich die ganze Familie durchdekliniert.

Einmal lesen wir unvermittelt: „Bei ihr springt das Leben in Katastropheneinheiten. Von Krankheit zu Krankheit. Jede Krankheit verläuft stürmisch.“ Gut verständliche Geschichten wechseln sich mit solchen ab, die in der Rätselhaftigkeit der Figur(en) ihr Geheimnis bewahren.

Die Assoziationsketten der Heldinnen sind mitunter atemberaubend – gleich in der Eingangserzählung. Von den lackierten Zehennägeln einer jungen Frau fließt der Bewusstseinsstrom der Ich-Erzählerin zur Miss-Cool-Eismaschine einer Kino-Bar und von dort zum Smalltalk über eine Shoppingtour in Lissabon auf einer Frankfurter Dachterrasse.

Die Komprimiertheit der Texte macht die Lektüre zum stellenweise schwierigen und dennoch lohnenden Unterfangen. Eine der vornehmsten Forderungen an Literatur: zu irritieren, hier wird sie vorbildlich erfüllt.

Hans-Dieter Fronz

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11.04.2017, 06:00 Uhr

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