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Ein Schutzengel für die Feinde
Deutscher Sanitäter rettet 1943 in Italien gegnerische Soldaten nach einer blutigen Schlacht

Ein Schutzengel für die Feinde

72 Jahre nach einer Schlacht in Italien suchen Veteranen aus Übersee ihren deutschen Schutzengel. Der junge Sanitäter hat vielen Soldaten der alliierten Spezialeinheit das Leben gerettet.

28.11.2015
  • HANS GEORG FRANK

Heidelberg. Nach wochenlangem Regen, bei Frost und Nebel waren die äußeren Bedingungen miserabel. Die Stellung der deutschen Wehrmacht Anfang Dezember 1943 auf dem 960 Meter hohen Monte la Difensa, südlich von Rom, schien uneinnehmbar. 400 Soldaten des 104. Panzergrenadier-Regiments fanden in hoch gelegenen Schützengräben und hinter Felsen Schutz wie in einer mittelalterlichen Festung. Mehrere Angriffe der Alliierten waren gescheitert.

Eine Einheit ausgesuchter Kräfte der US-amerikanischen und kanadischen Streitkräfte ließ sich gleichwohl dank der gewieften Taktik ihres cleveren Colonel Robert T. Frederick nicht entmutigen. Der "First Special Service Force" (FSSF) gelang mit 600 Mann ein Überraschungsangriff.

"Ihr könnt überhaupt nicht hier sein", soll sich ein deutscher Offizier gewundert haben, "diese Felsen kann man doch gar nicht hochklettern", hielt General Dwight D. Eisenhower in einem Bericht fest.

Die Feinde aus Übersee hatten am 2. Dezember 1943 ab 16 Uhr mit Hilfe von Seilen eine steile Bergseite erklommen, auf der sich die Deutschen in Sicherheit wähnten. Artilleriefeuer hatte den letzten Rest an Aufmerksamkeit von der unbewachten Flanke abgelenkt.

Bei Regen und Dunkelheit war die Attacke am frühen Morgen des 3. Dezember erst bemerkt worden, als die binationale "First Special Service Force" die ersten deutschen Soldaten mit Bajonett und Messer getötet hatte. Das einzige Geräusch sei das Gurgeln beim Durchschneiden der Kehlen gewesen, heißt es in einem Army-Report.

Für die Kämpfer aus den Vereinigten Staaten und Kanada war der Sieg teuer erkauft. "Allein 20 Männer fielen und weitere 160 wurden verwundet - mehr als unsere Sanitäter versorgen konnten", erinnert sich Gordon Sims, heute 93. Voll Dankbarkeit denkt der Veteran deshalb an einen deutschen Sanitäter, "von vielleicht 17 oder 18 Jahren", der als Kriegsgefangener die Situation erkannte und sofort seine Hilfe angeboten habe. "Er kümmerte sich um die verletzten kanadischen und amerikanischen Soldaten, als wären sie seine eigenen Kameraden", berichtet Sims.

Der Samariter aus Deutschland war offenbar ein talentierter Ersthelfer. Eine schwere Brustverletzung "verarztete" er mit einem provisorischen Pflaster, das er aus einem gummierten Armeeponcho geschnitten hatte. Die Sanis der "FSSF" hatten sich anscheinend nicht mehr zu helfen gewusst. Veteran Sims ist heute mehr denn je überzeugt, "er rettete in dieser Nacht viele Leben". Der tüchtige Sanitäter sei "unser deutscher Schutzengel" gewesen.

An die Feinde von einst denken die Veteranen um Sims auch deshalb voll Respekt zurück, weil es nicht nur den einen zupackenden Helfer gegeben hat. Auch andere Soldaten der Wehrmacht zeigten sich von ihrer menschlichen Seite: "Sie transportierten viele unserer Leute sicher ins Tal hinunter." Kommandeur Frederick sei davon so beeindruckt gewesen, dass er sich persönlich bei allen deutschen Helfern bedankte, bevor sie ins Gefangenenlager gebracht wurden.

Fast ein Dreivierteljahrhundert nach dem denkwürdigen Erlebnis möchten die Veteranen ihre Dankbarkeit endlich zum Ausdruck bringen, nachdem ihnen dies bei mehreren Versuchen nach Kriegsende nicht gelungen ist. Beim letzten Treffen in Helena (US-Bundesstaat Montana) einigten sich die Greise - alle sind über 90 - auf einen Aufruf im Internet. Kampf und Rettungsaktion schildern sie auf http://www.unbekanntersani.com. Insgeheim hoffen sie natürlich, dass der "Schutzengel vom Monte la Difensa" noch lebt. Aber auch über eine Nachricht von Angehörigen oder früheren Kameraden würden sie sich freuen.

Allem Anschein ist die Suche nach dem Sanitäter nicht vergebens. Nachdem die Rhein-Neckar-Zeitung über den Fall berichtet hat, "haben wir einige Hinweise bekommen, denen wir nachgehen wollen", sagte Franz Englram der SÜDWEST PRESSE. Der Bayer aus Berchtesgaden ist gleichsam der deutsche Verbindungsmann für die betagten Ex-Spezialkräfte. "Es könnte sich um einen Soldaten aus dem Raum Heidelberg handeln", deutete Englram an. Dessen Großcousin habe erzählt, dass der Gesuchte aus US-Gefangenschaft habe fliehen können, aber kurz vor Kriegsende bei einem Luftangriff an der Ostfront getötet worden sei.

Der Rhein-Neckar-Region galt von Anfang das besondere Augenmerk der Veteranen, weil Rekruten aus dem damaligen "Wehrkreis XII", zu dem der Bezirk Mannheim gehörte, für die betreffende Einheit ausgesucht worden waren. Das Regiment war ursprünglich am 5. Juli 1942 in Afrika aufgestellt worden und nahm an den Kämpfen von Tobruk teil. Am 15. Juli 1943 wurde es in Sizilien neu formiert und unterstand damit der 15. Panzergrenadier-Division von Oberst Karl Ens. Der Ritterkreuzträger stammte aus Schönmünzach bei Baiersbronn. Die deutsche Niederlage am Monte la Difensa und weiteren Bergen der Umgebung öffnete den alliierten Streitkräften den Weg nach Rom.

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28.11.2015, 08:30 Uhr

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