Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Am 125. Geburtstag wird des Wankheimer Pfarrers und Nazi-Gegners Richard Gölz gedacht

Ein Schwieriger, der einfach half

Als Dorfpfarrer in Wankheim während der NS-Zeit bot Richard Gölz zusammen mit seiner Frau Hilde jüdischen Menschen lebensrettende Zuflucht. Am Sonntag, 5. Februar, jährt sich der Geburtstag des widerständigen Pfarrers zum 125. Mal.

02.02.2012
  • Ulrike Pfeil

Wankheim. Erst mit langem zeitlichem Abstand begann Wankheim, sich an dieses außergewöhnliche, mutige Pfarrers-Ehepaar aktiv zu erinnern und diese Geschichte als Teil des Heimatbewusstseins zu pflegen: In Wankheim gibt es seit 2000 einen Gölz-Brunnen und seit knapp zwei Jahren (ebenso wie im Tübinger Loretto-Viertel) eine Gölz-Straße.

Im vergangenen Jahr, als der Ort sein 900-jähriges Bestehen feierte, gehörte das Gedenken an das Gölz’sche politische Vermächtnis selbstverständlich dazu. Ein Dokumentarfilm des Kusterdinger Filmemachers Christian Haardt und des LTT-Theaterpädagogen Volker Schubert, der im November uraufgeführt wurde, machte vielen erst bewusst, wer dieser Gölz war und wie die Verstecke im Pfarrhaus funktionierten.

Viele Wankheimer ahnten und halfen

Gölz, der zur Bekennenden Kirche gehörte, einer evangelischen Widerstandsorganisation in der Nazi-Zeit, und seine Frau waren Mitglieder der von Berlin aus organisierten Pfarrhauskette, eines Netzes von Pfarrhäusern, in denen untergetauchte verfolgte Juden – meist solche, die zum Christentum konvertiert waren – auf ihrer Flucht Unterschlupf finden konnten. In den Kriegsjahren 1943 und 1944 beherbergte das Ehepaar Gölz in Wankheim ständig Gäste, die nicht auffallen durften. Gegenüber Dritten und den Kindern wurde erklärt, es handle sich um „urlaubsbedürftige“ Einzelpersonen oder um Leute, die in Stuttgart ausgebombt wurden.

Wie viel die Wankheimer damals wussten oder ahnten, ist unklar. In dem Dorf, in dem bis weit ins 19. Jahrhundert Juden siedelten (wovon der Jüdische Friedhof an der B 28 bis heute Zeugnis ablegt), wurde Gölz wohl von manchen gedeckt. Wie sein Sohn, der 87-jährige Heiner Gölz aus Reutlingen, in dem Film berichtet, fand die Pfarrfamilie immer wieder „Gemüse und Eier“ als anonyme Lebensmittelspenden vor der Tür.

Dennoch wurde Gölz 1944 von einem Wankheimer denunziert und am Vorabend von Weihnachten verhaftet. Er verbrachte die Monate bis zum Kriegsende im Konzentrationslager Welzheim. Was er dort erlebte und erlitt, hat er nie jemandem mitgeteilt. Erst nach seiner Entlassung, auf dem langen Fußmarsch zurück nach Hause erfuhr er, dass sein älterer Sohn Gottfried, eines seiner fünf Kinder, als Soldat im Krieg getötet wurde.

Nach dem Krieg verschärfte sich Gölz’ Konflikt mit der Kirchenleitung. Sein Wunsch, unter seiner Leitung eine klösterliche Singschule in Bebenhausen einzurichten, wurde abgelehnt. Da er sich mit seiner starken Neigung zu Spiritualität in der württembergischen evangelischen Kirche nicht verstanden fühlte, wandte er sich der Ostkirche zu. Er trennte sich einvernehmlich von seiner Frau und wanderte in die USA aus. 1975 starb er in Milwaukee als Geistlicher der Serbisch-orthodoxen Kirche.

Seine Frau Hilde, geborene Werner, die selbst aus einem Pfarrhaus stammte, lebte bis in die 1970er Jahre in der Dachwohnung des Wankheimer Rathauses. Sie starb 1986 in Reutlingen.

Man würde dem so aufrechten wie unbequemen Pfarrer Richard Gölz nicht gerecht, wenn man nur an den „Gerechten unter den Völkern“ erinnern würde, als der er zusammen mit seiner Frau posthum in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gewürdigt wird. Gölz, 1887 in Stuttgart in eine musikalische Familie hineingeboren, war auch ein passionierter Kirchenmusiker. Die Musik, die er sich transparent und frei vom Ballast des 19. Jahrhunderts wünschte, war für ihn ein wichtiger Teil der Verkündigung.

Von 1920 bis 1935 war Gölz Musiklehrer und -direktor am Tübinger Evangelischen Stift, wo er selbst Theologie studiert hatte. In dieser Zeit gab er ein Chorgesangbuch heraus, das noch heute „der Gölz“ genannt wird. Auf Gölz geht mittelbar auch die Tradition der Tübinger Motette zurück; er führte ein, dass zwei Mal in der Woche in der Stiftskirche Metten und Vespern gesungen wurden.

In seiner Wankheimer Zeit ab 1935 und vor allem mit den Versteckten hielt Gölz, auch ein liturgischer Erneuerer, eine „Hauskirche“ im Pfarrhaus, mit Gesang, Marienfesten und Engelfeiern. Den Raum, wo diese heimlichen Gottesdienste stattfanden, nimmt heute unter anderem die Mehrzweckschrankwand des Amtszimmers ein.

Das Andenken an Gölz und seine Frau wird von dem heutigen Pfarrerpaar Christine Eppler und Matthias Burger hochgehalten. Für die Wankheimer Kirchengemeinde, sagt Eppler, sei dies ein „verpflichtendes Erinnern“. Das Beispiel von Richard und Hilde Gölz habe die „Identität der Gemeinde“ stark geprägt. Eppler, die sich schon während des Theologiestudiums intensiv mit der Bekennenden Kirche beschäftigte, hat sich mit ihrem Mann, der wie Gölz auch Kirchenmusiker ist, vor sechs Jahren „sehr bewusst auf die frei werdende Pfarrstelle in Wankheim beworben“.

Die Normalität des mutigen Handelns

Mit Wankheimer Konfirmanden und auch schon mit Grundschülern aus dem Religionsunterricht an der Härtenschule besucht Eppler regelmäßig den Jüdischen Friedhof. Dabei wird dann auch über das Ehepaar Gölz gesprochen. Eppler legt Wert darauf, dass dessen beispielhafte Nächstenliebe nicht von „falscher Heldenverklärung“ überhöht wird. Hilde Gölz habe einmal gesagt, es sei doch „selbstverständlich“ gewesen, Menschen in akuter Bedrohung zu helfen.

Auch Gölz-Sohn Heiner sagt im Film, die Motivation sei schlicht gewesen, dass Leute in Lebensgefahr waren. Diese Normalität des mutigen Handelns findet Eppler besonders beeindruckend. „Da stellt sich die Frage, wie würde ich mich in dieser Situation verhalten, umso dringlicher“, sagt sie. Ebenso wie die Frage nach dem Entscheidungsspielraum, den man selbst hat. Und wie man ihn nutzt.

Ein Schwieriger, der einfach half
Hilde und Richard Gölz: Eines der seltenen Fotos des Pfarrer-Ehepaars; es wurde 1942 in Wankheim aufgenommen.Privatbild

Anlässlich des 125. Geburtstags von Pfarrer Richard Gölz veranstaltet die Evangelische Kirchengemeinde Wankheim zusammen mit dem Landestheater Tübingen am Mittwoch, 8. Februar, um 19 Uhr im Großen Saal des LTT einen Gedenk-Abend.
Es wird der im vergangenen Jahr fertiggestellte Dokumentarfilm „Gölz in Wankheim“ von Christian Haardt und Volker Schubert vorgeführt, und zusammen mit Stiftskirchenkantor Ingo Bredenbach und seinem Prima-Vista-Chor werden Lieder aus dem von Gölz 1934 zusammengestellten Chorgesangbuch angestimmt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.02.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball