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Schnell alt aussehen

Ein Selbstversuch mit dem „Aging-Anzug“ beim Senioren-Aktionstag in Tübingen

Vielleicht werd’ ich doch langsam alt“, sang einst Reinhard Mey. Nun ist er’s – so ist das Leben. Heutzutage muss man aber nicht mehr 67 oder mehr Jahre abwarten, um körperlich gealtert zu sein – es geht ganz fix. Schwuppdiwupp hat man eine halbseitige Lähmung, Wirbelsäulen-Verkrümmung, kraftlose Beine, getrübte Augen und Ohren.

28.09.2010

So in meinem Fall: Innerhalb weniger Minuten dieser Art gealtert, stehe ich am Samstag in der Hermann-Hepper-Halle bei „Gesund und aktiv älter werden“, dem Aktionstag der Stadt und des Stadtseniorenrats. Im Raum sind gerade Shinson-Hapkido-Kampfkünste zu bewundern. Ich sehe nur Schemen, bin gelangweilt. Der Rücken schmerzt. Die ganze Show rauscht an mir vorbei.

Teilnahmslos warte ich, bis man sich wieder mir im „Aging-Anzug“ zuwendet. Diese Spezial-Klamotte macht alt: Ich stecke in einem Overall, Gurte rauben mir die aufrechte Haltung. Meine Rechte steckt im Anzug. Stattdessen baumelt da eine gefühlt tonnenschwere Arm-Attrappe. Die Augen trübt eine Schweißerbrille, Ohrenschützer dämpfen Geräusche. Die Linke steckt in einem Handschuh. Na, wenn altern sich so anfühlt – Himmel hilf!

„Mit dem Anzug kann man einzelne oder komplexe Beeinträchtigungen simulieren“, erklärt Gerhard Eschweiler. Der Altersmediziner arbeitet am Ge riatrischen Zentrum des Tübinger Uniklinikums. Dieses klärt über medizinische, soziale und psychologische Folgen des Alterns auf. Es trainiert auch Medizinstudenten und Pfleger sowie beispielsweise Handwerker und Medizintechniker, die mit Senioren zu tun haben. Der Aging-Anzug, der in den 70er-Jahren in den USA entwickelt wurde, ist keine Jahrmarkt-Attraktion: Er simuliert, wie sich Ältere fühlen und bewegen können. „Junge Fachkräfte sollen auch emphatisch das Altern nachvollziehen“, sagt Eschweiler.

Etwa, warum sich Ältere so scheinbar merkwürdig verhalten. Ein Beispiel: In meiner Montur habe ich es geschafft, mich auf einen Stuhl fallen zu lassen. Die Schuhe binden? Keine Chance! Ich hocke bedröppelt da. „Sie dürfen gern fragen, ob man Ihnen helfen kann“, sagt Sozialpädagogin Helena Zonares, die das Aging-Anzug-Projekt betreut. Das ist mir noch nicht in den Sinn gekommen, so blöd es klingt. Wer bittet schon gern um solche Kleinigkeiten?

Zu den Alltagsaufgaben: Im Fahrplan blättern (siehe Bild)? Unmöglich. Eine Kopfschmerztablette teilen klappt nach zähen Versuchen. Münzen abzählen: Ich beuge mich tief über das Portemonnaie, lege das Geld daneben auf dem Tisch und inspiziere jedes Geldstück. Mein Gesicht hängt wenige Zentimeter über der Tischplatte. Eine Haltung, die ich bei Älteren schon oft beobachtet habe. Ich habe mir allerdings nie Gedanken gemacht, warum sie sich so abmühen.

Zum Abschluss drehe ich eine Runde mit dem 20-jährigen Benjamin Butt. Er macht derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Tübinger Psychiatrie und hat dort bei einem Seminar den Anzug kennen gelernt. „Ich fand das sehr eindrücklich“, sagt er – und sichert mich beim Treppensteigen ab. Runter geht es schnell, zu schnell. Ich sehe nicht, wo die eine Stufe aufhört und die nächste beginnt. Sicher gibt es rechterhand einen Handlauf zum Festhalten. Doch ausgerechnet der rechte Arm ist ja gelähmt. Einen Halt links könnte ich gut gebrauchen – daran hatte der Architekt aber nicht gedacht.

Nach etwa einer halben Stunde befreit man mich aus der Alterungs-Zwangsjacke. Inmitten der Halle läuft gerade ein Mitmach-Tanz. Drei Sportvereine und der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes präsentieren ihre Angebote, derweil an den Ständen ringsum Gruppen und Initiativen vom Deutschen Albverein über den Bridgeclub bis zum Hochschulsport zeigen, wie man im Alter körperlich und geistig fit und sozial engagiert bleibt. „Wir wären natürlich glücklich, wenn noch mehr da wären“, sagt Norbert Wellhäuser von der Tübinger Fachabteilung Schule und Sport. Voriges Jahr waren sie beim ersten Aktionstag bei gutem Wetter im Botanischen Garten. Dieses Mal hat der Regen einen Strich durch den Plan gemacht. Dennoch sieht Uwe Liebe-Harkort vom Stadtseniorenrat den Aktionstag als Beleg dafür, dass die Vernetzung der Angebote in Tübingen Früchte trägt. „Das ist die Form der Vernetzung der Zukunft.“

Ich schaue mir das Treiben an, der Rücken schmerzt noch immer. Die TSG Tübingen macht gerade gymnastische Übungen zu Musik. Viele der rund hundert Besucher trainieren mit, die meisten Senioren. Aber keiner quält sich so ab wie ich mich zuvor im Aging-Anzug. Rechtzeitig sich um die Fitness kümmern – eine Binsenweisheit. Wer sich davon in der Praxis überzeugen will: Den Aging-Anzug kann man mieten – allerdings nicht kaufen. „Das ist ein Prototyp“, sagt Eschweiler – eine Schneiderin des Landestheaters Tübingen hat den Anzug gefertigt nach Vorgaben des Geriatrischen Zentrums. Den Anzug anzuziehen ergibt nur dann einen Sinn, wenn ein Fachmann das simulierte Altern auch erklärt. Fabian Ziehe /Bild: Faden

Ein Selbstversuch mit dem „Aging-Anzug“ beim Senioren-Aktionstag in Tübingen

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28.09.2010, 12:00 Uhr

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