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Es gab Tukur auf und vor der Leinwand

Ein Stelldichein des Filmschauspielers zu 40 Jahren Arsenal

Was ist da eigentlich los im Kino Arsenal am Freitagabend, gibt’s da Freibier? Nein, da gibt’s Tukur. Ach so. Das Dokuporträt, das Stefan Paul über den Ehrengast der Jubiläumsveranstaltung „40 Jahre Arsenal“ gedreht hat, war ausverkauft, versteht sich.

30.11.2014

Im Kino, in der letzten Reihe, saß Tukurs Tante, die ihn 1977 am Bahnhof abgeholt hatte, als er zum Studium nach Tübingen kam. Es sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen, sagt er.

Muss es so dick sein? Es ist vielleicht gar nicht so dick, wir haben sie – das heißt, er hat sie – in dieser Zeitung ja schon öfters erzählt, die Geschichten aus der Zeit, als es den Studenten und Straßenmusiker Ulrich Tukur in Tübingen gab. Wie er angesichts des im Freibad von jungen Frauen umschwärmten Zimmertheater-Schauspielers Dominique Horwitz den Entschluss fasste, ebenfalls Schauspieler werden zu wollen. Oder, und das erzählte er am Freitag im Kino: Dass er als Student in der Gartenstraße 24 gewohnt habe. Vor wenigen Jahren nun, als er den sich vom SS-Mann zum Widerständler wandelnden Kurt Gerstein spielte, habe er entdeckt, dass Gerstein zwischen 1938 und 1948 – wo wohnte? In Tübingen in der Gartenstraße 24!

Wäre das nicht der Anfang einer verheißungsvollen Novelle?

Tukur liebt solch romantisch-spiritistische Settings, er würde zum Beispiel auch gerne mal einen Tatort drehen, in dem er schon bald als Ermittler selbst unter Mordverdacht gerät. Und sich dann im Laufe des Krimis herausstellt, dass die von ihm gespielte Filmfigur, quasi aus Protest, dass sie immer tot ist, wenn er, der Schauspieler, gerade nicht in seiner Rolle ist, irgendwann begann, ein Eigenleben zu führen. Und da eben einen Mord beging.

Ob so was in diesem Format ginge? Ach, ob der Plot funktioniert, fragte er sich schon beim letzten, an Tarrantino gemahnenden Tatort. Er wurde einer der außergewöhnlichsten wie erfolgreichsten dieser Reihe.

Was das filmische Dokuporträt angeht, wurde am Freitag gutgelaunt tiefgeflachst. „Dieser Film macht eigentlich keinen Sinn“, sagte Stefan Paule. „Stimmt“, sagte Tukur. „Der Satz war noch nicht zu Ende“, beharrte Paul. „Ach so“, sagte Tukur. Und Paul fuhr fort: „. . . wenn Sie den Film ’Seraphine‘ nicht gesehen haben.“ „Ja!,“ sagte Tukur, der eine Stunde vorher bei Osiander seine vom Film inspirierte Novelle „Die Spieluhr“ anlässlich der Taschenbuchausgabe signiert hatte.

In Stefan Pauls Film unterhält sich Tukur mit Jürgen Wertheimer über Literatur, mit Ursula Schwitalla über Kunst und Leben ganz allgemein, außerdem war das Kamerateam bei einer Lesung und einem Filmfest in Deutschland dabei – was man halt so in zweieinhalb Tagen vor die Linse kriegt. Mehr gemeinsame Zeit fanden sie nicht. Tukur dreht und dreht und reist und reist, lebt dazwischen in Venedig und der Toscana. Sein Zuhause aber ist die Kunst. Ein Satz wie ein Klischee, könnte aber stimmen, er lebe mehr mit Büchern, Filmen oder der Bildenden Kunst als in der sogenannten Realität, sagt er.

Einem biographischen Kurzfilm über sich selbst beizuwohnen, ist Tukurs Sache nicht, er geht lieber eine rauchen – und bleibt mit Stefan Paul weg, solange der Film läuft. Am Ende sind sie wieder da. Und reden. Schwer beeindruckt habe ihn „der skurrile Professor Wertheimer, das ist ein hochgebildeter Mann.“ Wie ein Hochstapler sei er sich im Literaturgespräch mit ihm vorgekommen, gibt Tukur zu Protokoll. Und: Wertheimer habe ihm ein Theaterstück aus der eigenen Feder mitgegeben. „Vielleicht machen wir da mal was draus.“

Dann nimmt er einen Schluck von seiner Bionade. Könnte bedeuten: Ulrich Tukur arbeitet. Andererseits hatte er sich schon vorher ein Pils gegönnt, was wiederum für Entspannung spricht. Fürs Arbeiten sei er schon nach einem Schluck Bier verloren, sagt er im Film auf Nachfrage Ursula Schwitallas. So sei das eben bei ihm. Andere bräuchten Drogen, um kreativ zu sein, das sei auch recht, jeder, wie er wolle. Begleitet werden seine Ausführugen von mehreren „Ja! Ja! Ja! Genau!“-Ausrufen eines Manns aus dem Publikum mit deutlich hörbar schwerer Zunge. Und Tukurs Tante schaut einen Moment lang so, als überlege sie, ob sie ihren Ulrich jetzt in Schutz nehmen und gegen die Filmruhestörung einschreiten müsse.

Vielleicht hat sie ja schon bald Gelegenheit zum nächsten Besuch bei einem Auftritt ihres Neffen. Schwärmte der doch vom Amphitheaterhalbrund im LTT. Dort wolle er mit seiner Musikcombo, den Rhythm Boys, mal wieder auftreten.

Thorsten Weckherlin, übernehmen Sie! Peter Ertle

Ein Stelldichein des Filmschauspielers zu 40 Jahren Arsenal
Heissa, da wird gelacht, wenn der Stargast kommt. Ulrich Tukur ist es nicht anders gewohnt und hat ebenfalls ein artiges Lächeln parat. Rechts die Tübinger Kunsthistorikerin Ursula Schwitalla, die ihn im Film interviewt.Bild: Franke

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30.11.2014, 12:00 Uhr

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