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Badegäste wollen weiter im K'furter Baggersee planschen

Ein Stückchen Paradies

Was soll aus dem Baggersee werden? In Kirchentellinsfurt wird darüber seit langem diskutiert. Wir fragten Badegäste nach ihren Wünschen.

01.08.2012
  • Moritz Schildge

Kirchentellinsfurt. Im Oktober wird in Kirchentellinsfurt eine Bürgerversammlung über die Zukunft des Baggersees diskutieren. Es geht um eine Weichenstellung: Ausbau des Badebetriebs oder Beschränkung des Zutritts bis hin zur völligen Sperrung. Bislang sind das Süd- und das Westufer wie auch Teile des Nordufers geschützte Grünbereiche, und damit (offiziell) nicht zugänglich. Die Gemeinde will den See für Auswärtige unattraktiver machen. Sie glaubt, eine bessere Infrastruktur käme nicht den Einheimischen zugute.

Es dürfte kaum verwundern, dass den Badegästen an einem Fortbestand des Badebetriebs gelegen ist. Über das Wie – und vor allem das wie viel – gehen die Meinungen jedoch auseinander. Zwei junge Frauen aus Stuttgart führen an, in der Nähe gebe es – abgesehen vom Aileswasensee bei Neckartailfingen – keinen anderen Baggersee. Die beiden wollen nicht, dass sich etwas ändert: „Es ist schön so, wie es ist.“ Auch für die Flora und Fauna sehen sie keine Gefahren, „solange sich jeder benimmt, wie es sein sollte“. Sie wollen auch keinen Kiosk oder anderweitige Angebote: „Sonst kann man ja auch ins Freibad gehen.“

Ein älterer Herr „im 81. Jahrgang“ aus Kirchentellinsfurt kommt seit 40 Jahren jeden Sommer täglich für eine Stunde an den See. „Mit besonderem Interesse nehme ich wahr, dass es so viele Schwäne gibt. Ich frage mich, wo sie alle herkommen.“ Im Vergleich zum Vorjahr hätten sie sich fast verdoppelt. „Ich finde das einfach fabelhaft. Der See ist doch etwas sehr Nützliches für uns.“ Vor kurzem sei er noch stark bewachsen gewesen. Das habe sich nun gelegt. Der Mann vermutet, dass die Schwäne die Pflanzen gefressen haben.

Die Leute würden trotzdem kommen

„Seit 25 Jahren wohne ich hier quasi“, sagt Jana Zielke aus Reutlingen. Den Wildwuchs im See führt sie auf die Schwäne zurück. Die hätten das ganze Ufer verkotet und den See damit gedüngt. Nach einigem Hin und Her habe die Gemeinde den See wieder befreien lassen. „Die haben gemerkt: Wir pinkeln uns in die eigene Hose.“

Seit zehn Jahren kämpfe sie schon dafür, dass die Tiere nicht gefüttert werden. „Sie brauchen keine Hilfe von den Menschen.“ Aus dem See ein Naturschutzgebiet zu machen, hält Zielke für falsch: „Der Mensch braucht Erholung.“ Die Lebensqualität sinke schon genug, ohne Ausgleich würden die Menschen immer aggressiver. Außerdem glaubt sie: „Die Leute würden trotzdem kommen, sie würden sich das nicht gefallen lassen.“ Verglichen mit dem Aileswasensee sei der Epplesee – so die offizielle Bezeichnung –, schlecht ausgestattet. Dabei sind die Ansprüche der Reutlingerin nicht groß. Sie wünscht sich nur einen Kiosk, „dezent auf der Seite“.

Außerdem seien die Toiletten „menschenunwürdig“. Sie gibt zu, dass der See schwierig profitabel zu betreiben sei. Die Gemeinde mache Verluste von über 30 000 Euro im Jahr für Aufräumarbeiten. Katharina aus Rottenburg und Jessica aus Tübingen können sich angesichts der Parkgebühren dagegen nicht vorstellen, dass die Gemeinde Verluste macht: „Hallo, das kostet hier vier Euro!“ Sie schätzen den See besonders wegen seiner Wasserqualität.

Der Kassierer am Parkplatz des Baggersees wundert sich, dass eine völlige Sperrung überhaupt erwogen wird. Der Großteil des Geländes sei ja bereits gesperrt. An die Verordnung halte sich aber jetzt schon niemand. So seien etwa weite Teile des Südufers ein Refugium von „ich sag mal: nackigen Gleichgesinnten“. Auch seien während der Badesaison Hunde am Seeufer verboten – eigentlich. Und nachts sei sowieso mehr los als tagsüber. Eine Sperrung würde nicht funktionieren. Die Leute würden sich jedes Jahr beschweren, dass das Angebot so gering und der Eintritt so hoch sei. Der Toilettenwagen zum Beispiel sei bestimmt schon so alt wie der See. Die Beliebtheit erklärt er gerade damit, dass niemand die Befolgung der Benutzungsverordnung kontrolliert: „Ich glaube, das ist der Grund, warum die Leute so eine hohe Parkgebühr überhaupt dulden.“

Zwei Polizisten in Zivil antworten auf die Frage, ob sie Verstöße gegen die Verordnung ahndeten, ihr ausschließliches Augenmerk liege auf dem Missbrauch von Rausch- und Betäubungsmitteln bei Jugendlichen. Jana Zielke würde sich gerne ehrenamtlich engagieren. Sie denkt an einen Ausweis, der sie zum Einschreiten berechtigt: „Ich will kein Geld. Ich will einfach nur nützlich sein.“

Der Kassierer tritt für Veränderungen ein: „Man könnte das Stückchen Paradies zu einem richtigen Paradies machen.“

Ein Stückchen Paradies
Die Parkgebühr haben sich diese Jugendlichen gespart: Sie sind aus Reutlingen mit dem Zug nach Kirchentellinsfurt gefahren. Umso größer ist der Badespaß im Baggersee. Bild: Metz

Bei einemminimalen Ausbau wäre der See weiter für Badegäste geöffnet, auch Fischer und Segler könnten ihn nutzen. Mögliche Verbesserungen wären etwa Einstiegshilfen, Sitzmöglichkeiten auf der Wiese, Radwege, neue Toiletten oder ein Kiosk.
Ein naturnaher See
wäre die zweite Möglichkeit. Sie sähe vor, den See für den Badebetrieb zu sperren und ihn umzugestalten. Durch Pflanzen würde der Zugang zum See erschwert, das Wanderwegenetz dagegen ausgebaut werden.
Ein Natursee wäre die letzte Variante, würde jedoch den größten Eingriff bedeuten: Der Radweg würde verlegt, der Parkplatz geschlossen, der Durchgang unter der B 27 verriegelt und der Zugang zum See damit faktisch unterbunden.

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01.08.2012, 12:00 Uhr

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