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Projekt A: Die Familie Wolf aus Poltringen

Ein Tag im September, der alles veränderte

Wie die Familie Wolf aus Poltringen mit der Leukämie-Erkrankung von Mutter Stephanie umging

27.12.2010
  • Ulrich Janßen

Diesen Tag wird Stephanie Wolf in ihrem Leben nicht mehr vergessen. Weil sie immer kurzatmiger wurde und am ganzen Körper blaue Flecken bekam, ging sie im September 2008 zu ihrem Hausarzt. Vielleicht habe ich mir ja einen Infekt eingefangen, dachte sie. Oder ein bisschen zu viel Stress gehabt. Sie war damals 30 Jahre alt. Ein Jahr zuvor war sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern Theresa und Philipp nach Poltringen gezogen. In einem Neubaugebiet mitten im Grünen hatte die Familie eine Wohnung in einem Reihenhaus gefunden. Hier fühlten sie sich wohl. Ihr neues Zuhause war hell und freundlich, in der Nachbarschaft wohnten viele Familien mit kleinen Kindern, und man traf sich nicht nur am Sandkasten.

Doch dann kam jener Tag im September, der das sorglose Leben im neuen Heim schlagartig beenden sollte. Nach der Untersuchung durfte Stephanie Wolf gar nicht mehr nach Hause. Ihr Arzt schickte sie direkt in die Tübinger Universitätsklinik, wo die Spezialisten akute Leukämie diagnostizierten. Wenig später lag sie an Schläuchen auf der Intensivstation in der Medizinischen Universitätsklinik. „Die Ärzte haben gesagt, vier Tage später wäre ich tot gewesen.“

An so einem Tag denkt man nicht viel nach. „Wir haben nur noch funktioniert“, sagt Stephanie Wolf. Ihr Mann fuhr zu ihr ins Krankenhaus, die Kinder blieben erst mal bei der Nachbarin, später kam die Oma aus Stuttgart. Zwei Jahre war Philipp damals alt, Theresa sechs. In einer Woche sollte sie eingeschult werden.

Wie sagt man einer Sechsjährigen, dass die Mutter Leukämie hat? Im Fall von Theresa war das überraschend einfach – dank Fernsehen. In den Sommerferien hatte das Mädchen nämlich einen Film über Leukämie gesehen, und so musste der Vater gar nicht viel erklären. Das Kind wusste gleich, was Sache ist.

Ans Verheimlichen war ohnehin nicht zu denken. Drei Chemoblöcke standen Stephanie Wolf bevor, mit Haarausfall und vielen anderen Nebenwirkungen. Zwischendurch, wenn sie für ein paar Tage nach Hause durfte, musste sie einen Mundschutz tragen.

„Wir sind von Anfang an sehr offen mit der Krankheit umgegangen“, sagt Stephanie Wolf. Nachbarn, Freunde, die Firma des Mannes und die Schule der Tochter: Alle wurden informiert. Und das war gut so, meint Stephanie Wolf. Auch heute, gut zwei Jahre später, sind die Kinder ganz selbstverständlich dabei, wenn die Mutter mit dem TAGBLATT spricht.

Philipp ist mittlerweile vier Jahre alt und fängt an, die Krankheit der Mutter im Nachhinein zu verstehen. „Das geht in Sprüngen“, meint Stephanie Wolf. Damals im September war er noch zu klein, um es ihm zu erklären, doch die Folgen bekam auch er zu spüren. Drei Monate war die Mutter mit kurzen Unterbrechungen in der Klinik, da musste der Alltag komplett neu organisiert werden.

Eine Haushaltshilfe wurde engagiert, die Oma kam jeden Tag zu Hilfe, und Ehemann Oliver war zu Hause, wann immer es die Arbeit zuließ. Außerdem beschlossen die Wolfs, den kleinen Philipp früher als geplant in den Kindergarten zu schicken. Ein schwerer Entschluss. „Er wollte erst überhaupt nicht hin, das war für mich ziemlich hart.“

Schwer zu ertragen war auch, dass Philipp im Krankenhaus nicht einfach zur kranken Mama ins Bett schlüpfen konnte. Wegen der Leukämie und der Chemotherapie war Stefanie Wolf extrem anfällig für Infekte und durfte nicht mir ihren Kindern kuscheln. „Er ist sehr anhänglich, das hat er nicht verstanden.“

Theresa kam, so weit sich das beurteilen lässt, einigermaßen gut klar mit der Krankheit ihrer Mutter. Ihr half die kindliche Wissbegier. „Sie hat ihren Lehrern genau erklärt, wie der Blutkreislauf funktioniert und was bei Leukämie passiert.“

Für Kinder ist das ein ganz typisches Verhalten. Der Tübinger Psychologe Martin Göth vom Psychoonkologischen Dienst der Klinik (wir berichteten) hält für die Kinder krebskranker Eltern stets Bilder bereit, die ihnen anschaulich zeigen, wie sich Leukämie im Blut auswirkt und wie die Ärzte mithilfe des „Chemokaspers“ die verrückt gewordenen Zellen einfangen. Das erleichtert den Kindern das Verständnis und den Umgang mit der Krankheit.

Stephanie Wolf war sehr dankbar für diese Hilfe. Noch heute telefoniert sie gelegentlich mit Martin Göth und dem Psychoonkologischen Dienst. „Sonst gibt es nämlich auf diesem Gebiet nicht viel“, stellte sie fest. Lediglich die „Flüsterpost“, ein ursprünglich von sechs Nürnberger Studentinnen gegründeter Verein, bietet Eltern und Kindern Hilfe an: Vertrauliche Beratung, Informationsmaterialien und eine nützliche Website. Wolf freut sich sehr, dass die Tübinger Uniklinik jetzt das Projekt „KiKE“ auf den Weg bringen will. „Das ist eine wirklich gute Sache.“

Stephanie Wolf merkt man heute nicht mehr an, wie sehr ihr die Krankheit zugesetzt hat. Sie ist immer noch schwächer als früher, aber sie kann wieder lachen und sich am Leben freuen. „Ich glaube, ich bin heute zufriedener mit dem, was ich habe“, sagt sie. Wenn draußen Schnee liegt, geht sie mit den Kindern raus zum Spielen, egal, ob es zu Hause etwas unordentlicher ist. „Das hätte ich früher nicht gemacht.“ Über viele Sorgen von früher, kann sie heute nur den Kopf schütteln.

Eine akute Leukämie verlief noch vor 50 Jahren fast immer tödlich: Die Patienten starben in wenigen Wochen. Heute kann die Krankheit dank der modernen Zytostatika in vielen Fällen geheilt werden. Auch für Stefanie Wolf stehen die Chancen gut. Dennoch weiß sie wie alle Krebskranken, dass es keine Garantie gibt. Noch immer muss sie Krebsmedikamente nehmen, wenn auch in Tablettenform. Und jedes Vierteljahr schauen die Ärzte bei einer Knochenmarkpunktion, ob es einen Rückfall gibt.

Wenn die Mama dann ins Krankenhaus muss, ist einer auf jeden Fall dabei: der kleine Philipp. „Er will immer mit“, sagt Stephanie Wolf. „Ich glaube, er passt genau auf, dass die Mama hinterher auch wieder mit nach Hause kommt.“

Info
Bei der Weihnachtsspendenaktion des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS können Sie in diesem Jahr etwas für Kinder krebskranker Eltern tun: „KiKE“ heißt das Projekt, mit dem an der Tübinger Uniklinik die Hilfe für betroffene Familien ausgebaut werden soll. Spenden können Sie auf das Konto 17 11 11 bei der Kreissparkasse und der Tübinger Volksbank.

Ein Tag im September, der alles veränderte
Beim Vorlesen zu Hause: Stephanie Wolf mit den Kindern Theresa (links) und Philipp. Bild: Mozer

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27.12.2010, 12:00 Uhr

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