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Ein Team für alle Felle
Jan Panniger und Christin Scheinpflug machen Tips flott fürs Museum. Die Bärin musste vor einem Jahr nach einem Ausbruch im Osnabrücker Zoo erschossen werden, um Besucher und Personal zu schützen. Foto: Ferdinando Iannone
Museum

Ein Team für alle Felle

Zwei der europaweit besten Tierpräparatoren arbeiten in Stuttgart. Aktuell haben sie einen berühmten Bären in der Mache. Ein Werkstattbesuch im Schloss Rosenstein.

17.03.2018
  • CAROLINE HOLOWIECKI

Stuttgart. Könnte Tips noch brummen, würde sie wohl signalisieren, dass sie sich etwas unwohl fühlt in ihrer Haut. Am Hinterteil wirft das cappuccinofarbene Fell Falten, an den langen schwarzen Krallen lappt es auseinander und lässt den Blick auf weiße Plastiktatzen zu. In der Schnauze stecken Nadeln wie bei einer Akupunktur. Man könnte sich einbilden, dass Tips etwas schief grinst, während sich Jan Panniger und Christin Scheinpflug an dem, was von der zwölfjährigen Bärin übrig ist, zu schaffen machen.

Beide gehören zum 24-köpfigen Präparatoren-Team des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart. Im Obergeschoss des Schlosses Rosenstein, in ihrer Werkstatt, stellen sie Tips wieder her, damit sie in ihrer Heimat Osnabrück im Museum am Schölerberg ausgestellt werden kann. Im Zoo dort lebt ihr Bruder Taps. Besonders sind die Zwillinge, weil es Hybridbären sind. Mutter Braun-, Vater Eisbär. Vor einem Jahr musste Tips nach einem Ausbruch erschossen werden, um Zoobesucher und -personal zu schützen. Der Fall hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht.

In Stuttgart ist das Tier in den besten Händen. Der lässige Look der Präparatoren – er: abgetretene Sneakers und weite Arbeitshose, sie: Tattoos, Piercings und blau-grüne Haare zu Hotpants – soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier mehrfach ausgezeichnete Vollprofis am Werk sind. Von den Europameisterschaften der Tierpräparatoren in Salzburg kehrten beide jüngst mit Trophäen zurück. Jan Panniger (36) hat seinen Europameister-Titel in der Disziplin Amphibien/Reptilien mit der Darstellung eines Breitschnauzenkaiman-Babys verteidigt und kann auch schon Weltmeister-Erfolge vorweisen, Christin Scheinpflug (31) ist Vize-Europameisterin im Fach Säugetiere und überzeugte mit ihrem Präparat der Jaguardame Petra, die vor ihrem Tod die Wilhelma bewohnt hatte. Gelernt haben beide den Beruf des präparationstechnischen Assistenten an einer Spezialschule in Bochum. Nur etwa 400 ihrer Zunft arbeiten in Deutschland.

Zwischen Werkzeugen liegen Bilder von Tips, wie sie noch zu Lebzeiten tapste; Recherchearbeit. Die Osnabrücker Kollegen haben sich gewünscht, dass der Bär nach rechts schauen und eine Tatze heben soll. Als interessiere sich das Tier für etwas. Jan Panniger spricht von einer Illusion, die er und seine Kollegin beim Betrachter hervorrufen wollen. Dafür haben sie sich schon lange mit Tips beschäftigt. Dem toten Tier haben sie eigenhändig das Fell über die Ohren gezogen und den Kadaver danach vermessen. Aktuell ruht das vom Gerber bearbeitete Fell noch recht lose auf einem Modell aus Kunststoff, die braunen Glasaugen schauen aber irritierend echt drein. Jedes Lidfältchen wurde in den Ton darunter modelliert. Selbst die feinen Wimpern sind noch dran.

Arbeit mit Airbrush und Lacken

Der weiche Pelz ist feucht, so ist er flexibel. Darunter muss nachgearbeitet werden, an manchen Stellen fehlt Masse am Modell. Eine Arbeit wie die eines Bildhauers. Später wird das Fell mit „kilometerweise Naht“, wie Christin Scheinpflug sagt, zusammengefügt, und dann erhält das Tier seine Farbe zurück. Durchs Gerben leiden Haar und Haut, Airbrush und Lacke machen das wett. Sechs bis acht Wochen dauert es, bis ein Präparat dieser Größe fertig, nochmal zehn, bis der Pelz getrocknet ist.

Dass viele Menschen vom seltenen Handwerk eine falsche Vorstellung haben, hat das Duo längst festgestellt. Die ersten Fragen von Außenstehenden drehten sich meist um den Verbleib der Eingeweide. „Da ist nichts Morbides, wir sind nicht bis zu den Ellenbogen im Blut“, stellt Jan Panniger klar.

Eklig wirkt zwischen Bohrmaschine, Waschwannen und Gipseimern tatsächlich nichts, skurril aber allemal. Etwa die zahlreichen Totenmasken an der Wand. Abgüsse von Affen, Pferden, Löwen – Anschauungsmaterial. Die Nähe und die guten Kontakte zur Wilhelma erweisen sich hier als Glücksgriff. Und wer bei den Meisterschaften der Präparatoren gewinnen will, muss Detailtreue beweisen. Christin Scheinpflug: „Die Jury leuchtet auch in Nasenlöcher und Ohren.“

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17.03.2018, 06:00 Uhr

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