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Im Gasthof „Zum Kaiser“ schenkten Klöster, die Universität und andere Wirtsleute aus

Ein Tor in die Tübinger Vergangenheit

Tübingen. Die Schankerlaubnis kam mit den eigenen Weinbergen. So wurden auch klösterliche Orden gewissermaßen zu Tübinger Wirtsleuten – wie die Gutenzeller Zisterzienserinnen, die im 16. Jahrhundert ihren Pfleghof in dem prächtigen Fachwerkbau in der Kirchgasse 6 hatten. Jahrhunderte später wurde das Haus als Restaurant „Zum Römischen Kaiser“ sowie als „Hotel Kaiser“ bekannt.

27.04.2011
  • Dorothee Hermann

Der markante Torbogen, der heute das italienische Eiscafé „Esperia“ vom Aufgang zum asiatischen Imbiss-Restaurant „Bambus“ trennt, weist weit in die Vergangenheit. Er führte einst in den Pfleghof des Zisterzienserinnenklosters Gutenzell. Im Jahr 1237 unter dem Tübinger Pfalzgrafen RudolfII. von Tübingen gegründet, besaß der Nonnenorden um 1500 in Tübingen, Lustnau und Kusterdingen so viele Güter, dass er einen Tübinger Verwalter einsetzte. Dieses Amt versah ein so genannter Pfleger, der mietfrei – „ohne Zins“, wie es damals hieß – in dem um 1535 erbauten Anwesen Kirchgasse 6 wohnte.

Nonnen als Wengerter

In und um Tübingen gehörten den Zisterzienserinnen 24 Weinberge: in der Pfalzhalde, am Österberg über der Gartenstraße, im Iglersloh am oberen Ende der Mohlstraße und im Buckenloh. Dazu kamen Wiesen am Burgholz an der Reutlinger Straße, am Großholz bei der Blaulach und im Schweigbrühl beim Schwärzloch. „Wie alle anderen Stifte mit ihren Tübinger Pfleghöfen und die eingesessenen Weingärtner“ hatte das Kloster die Erlaubnis, seine Tübinger Weine, „sofern es ihrer droben in Gutenzell nicht bedurfte, in der Stadt vom Zapfen zu schenken oder zu verkaufen.“

Das schrieb J. Forderer auf einer Sonderseite „Der Gutenzeller Pfleghof in Tübingen“ in der „Hohenzollerischen Rundschau“ vom 6. Februar 1964, die das Tübinger Stadtarchiv aufbewahrt. Ein amtliches Pergament mit dem Siegel der Stadt Tübingen verzeichnete sämtliche Absprachen mit dem Nonnenorden.

Zur Zeit der Weinlese bezahlte das Kloster das Essen für den Pfleger und dessen Gesinde. Kam eine Abordnung aus Gutenzell nach Tübingen, musste der Verwalter die Rosse mit Heu und Stroh versorgen, während „der Mist ihm gehörte“, so Forderer. Blieben die beiden Klosterknechte über Nacht, mussten sie dem Pfleger drei Groschen Kostgeld geben. Für die Getränke kamen die Ordensfrauen auf. Den Wein von ihren Rebgärten im Neckar- und im Ammertal verwendeten die Gutenzeller Zisterzienserinnen nicht allein im Gottesdienst, sondern auch bei der Krankenpflege in den Stiften.

Die Kirchgasse 6 war im 16. Jahrhundert eine vornehme Adresse. Im ältesten Teil der Tübinger Kernstadt wohnten das gehobene Bürgertum, der Adel und die Geistlichkeit, schrieb Gabriele Howaldt im April 1976 in ihrer TAGBLATT-Serie „Tübinger Baudenkmäler“. Das Gebäude befand sich in unmittelbarer Nähe zu den ältesten Hochschulgebäuden und zur Stiftskirche.

Nach den Umwälzungen durch die Reformation verkaufte Gutenzell seine Tübinger Besitzungen – Haus, Hof, Kelter und sämtliche Güter – im Jahr 1616 für 3000 Gulden an das Tübinger Spital. Das Anwesen wurde vorwiegend als privates Wohnhaus genutzt, bis es von 1831 an den angesehenen Gasthof „Zum Römischen Kaiser“ beherbergte.
Die „Kaiser“-Wirte haben in den Konzessions-Akten im Tübinger Stadtarchiv Spuren hinterlassen. Im September 1898 beantragte Robert Hugo Rall beim damals noch Königlichen Oberamt Tübingen die „Erlaubnis zum Wirtschaftsbetrieb“.

Manche der behördlichen Auskunftswünsche beleuchten das gesellschaftliche Klima jener Zeit: Ist das Lokal „leicht und zu jeder Zeit zugänglich und kann es von den Polizeiorganen vollständig überwacht werden oder nicht?“ Nach seinem Tod musste sich seine Witwe, Maria Rall, geborene Fauser aus Riederich, den Weiterbetrieb des „Kaiser“ im Sommer 1915 erneut genehmigen lassen. Wie auch heute noch speisten die Gäste in drei Zimmern im ersten Stock des Vordergebäudes.

Im April 1919 kaufte Konrad Seitz den „Kaiser“. Der damals noch ledige Hausmeister stammte aus dem Oberland, aus Bonlanden im damaligen Oberamt Leutkirch. Ihm gehörte das Haus, das er gemeinsam mit seiner Frau Auguste führte, bis Oktober 1961. Einer der berühmtesten Gäste war Bundespräsident Theodor Heuss. Der Zigarrenraucher soll sich selbst als passionierten „Hocker“ bezeichnet haben, als er 1950 einmal im „Kaiser“ speiste.

Studenten schenkten aus

Altershalber verpachtete Seitz den „Kaiser“ im Oktober 1956 für monatlich 1250 Mark an die letzten Hoteliers in der Kirchgasse: den Berliner Herbert Vollmer und seine aus Niedersachsen stammende Frau Elisabeth. Bis Ende der 50er Jahre bot das „Hotel Kaiser“ 16 so genannte Fremdenzimmer: neun Einzel- und sieben Zweibettzimmer im zweiten und dritten Stock. Außer der Familie Vollmer arbeiteten acht weitere Angestellte in der Hotelgastronomie.

Die 60er Jahre brachten dem „Kaiser“ ein wissenschaftliches Intermezzo. Das Haus wurde vom Land übernommen und beherbergte eine Zeitlang die Universitäts-Institute für Amerikanistik und für Slawistik. Als Reverenz an die jahrhundertealte Schank-Tradition des „Kaiser“ bemühten sich die Geisteswissenschaftler, die so genannte „Schankgerechtsame“ für das Haus aufrechtzuerhalten.

Dazu mussten sie ihre Räumlichkeiten wenigstens einmal pro Jahr in eine Schankwirtschaft verwandeln. An einer improvisierten Theke zwischen Regalen voller dicker Zeitschriftenbände kredenzten studentische Wirtsleute roten und weißen Wein. Der weiße Württemberger kostete eine Mark pro Glas; der Rotspanier 50 Pfennig. Diese Genüsse behielt das akademische Tübingen aber nicht für sich: Es bewirtete unter anderen den Landtagsabgeordneten Gerd Weng, Regierungspräsident Willi Birn und Oberbürgermeister Hans Gmelin.

Die italienische Ära

Mitte der 70er Jahre kaufte der Bauunternehmer Gerhard Steinhilber der Uni-Verwaltung das Haus ab. Die gründliche Renovierung des „Kaiser“ betrachtete Steinhilber als „seinen Beitrag zur Altstadtsanierung“, heißt es in der TAGBLATT-Beilage zur Wiedereröffnung Ende 1977. Steinhilber gelang es, in zweijähriger Bauzeit „dem alten Gemäuer wieder Standfestigkeit zu geben“.

Damit begann die beinahe 30 Jahre währende italienische Ära im „Kaiser“. Pächter Andrea Invitto eröffnete im ersten Stock ein italienisches Restaurant sowie das noch immer bestehende Eiscafé Esperia im Erdgeschoss rechts – zugleich eines der ersten Tübinger Straßencafés. Im neuen „Kaiser“ sollten, „wie in früheren Zeiten, Bürger und Studenten an einem Tisch sitzen, sollen sich Professoren und Weingärtner (vielmehr ihre Nachkommen) unterhalten“, hoffte Steinhilber.

Im Erdgeschoss links führte Waltraut Konanz ein gutsortiertes Wollfachgeschäft: nahezu 1000 verschiedene Farben in mehr als 50 Qualitäten. In der zweiten Etage richtete sich eine Zahnarztpraxis ein. Von der Kirchgasse führten 23 Stufen hinab in den Bierkeller La Cave, der frisches Fassbier der fürstlich Fürstenbergischen Brauerei Donaueschingen ausschenkte. Im Tübinger Nachtleben genoss die Kneipe einen legendären Ruf: Man konnte dort bis in die frühen Morgenstunden sitzen, wenn alle anderen Lokale schon geschlossen hatten. Auch auf der Party-Skala hatte das La Cave stets einiges zu bieten.

Bei den Tübinger Live-Nächten in der Altstadt gab es dort Gigs im Kirchgassen-Untergrund. Diesem Konzept blieb auch die Cocktail-Bar Asmara treu, die inzwischen die La Cave-Gewölbe übernommen hat. Ebenfalls im La Cave begann vor etlichen Jahren ein grooviger Tanz-Einstieg für Weihnachten. Die Tanzrunde am Morgen des Heiligen Abends hat sich seither aber in den Jazzkeller verlagert.

Das Fachwerk des prächtigen Baus mit der elegant gegliederten Giebelfront wurde bis heute nicht wieder freigelegt. Nur der mit Akanthusvoluten geschmückte Torbogen zeugt noch unmittelbar von der langen Geschichte des Hauses Kirchgasse 6.

Ein Tor in die Tübinger Vergangenheit
Das Wirtshausschild des „Kaiser“ in früheren Jahren: Der untere Teil des Schildes fehlt.

Ein Tor in die Tübinger Vergangenheit
Der „Kaiser“ vermutlich in den 1930er-Jahren.

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27.04.2011, 12:00 Uhr

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