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Verkehr

Ein Tunnel für dicke Pötte

Norwegen will Schiffe durch einen Berg fahren lassen. Das Mammutprojekt soll 240 Millionen Euro kosten.

06.04.2017
  • André Anwar

Oslo. Das Meer um die lange westnorwegische Halbinsel Stadlandet ist Kapitänen stets ein Graus gewesen. Untiefen, Sturm und starker Wellengang verlangen ihnen seit Jahrhunderten viel Können ab. Immer wieder gingen Schiffe unter, unzähligen Seemännern wurde der Küstenabschnitt zum Grab. 2003 entging die mit Touristen besetzte MS „Midnatsol“ von der Hurtigruten-Linie nur knapp einer Katastrophe.

Jetzt soll Abhilfe geschaffen werden. Die Schiffe sollen in Zukunft einen 1,7 Kilometer langen Riesentunnel durch die Halbinsel nehmen, statt sie wie bisher zu umschiffen. Norwegens Regierung hat dafür in ihrem neuen Transportplan 2,7 Milliarden Kronen veranschlagt. Damit wird der erste Tunnel der Welt für Hochseeschiffe voll vom Staat finanziert.

Die Bauarbeiten werden frühestens 2019 beginnen. „Wahrscheinlicher ist aber 2020 oder 2021“, sagte Projektchef Terje Andreassen vom norwegischen Küstenamt unserer Zeitung.

Der Tunnel soll 1,7 Kilometer lang, 26,5 Meter breit, 12 Meter tief, 37 Meter hoch, 2 Milliarden Kronen (239 Millionen Euro) teuer werden und drei bis vier Jahre dauern. Sogar Frachtern und Kreuzfahrtschiffen wie der MS „Midnatsol“ mit 16 000 Bruttoregistertonnen soll er Platz bieten.

Einfach einen Kanal durch die Halbinsel zu graben, ist wegen der massiven Berge nicht möglich. Für den Tunnel-Bau müssen seine beiden ins Meer mündende Enden bis zur Fertigstellung wasserdicht versiegelt werden. Statt zu graben, muss vor allem gebohrt und gesprengt werden.

„Die Schiffe werden bei gutem Wetter genauso lange für die Tunneldurchquerung brauchen wie bei einer Umschiffung“, sagt Andreassen. „Zeitersparnisse bringt der Tunnel da nicht. Es geht uns aber vor allem darum, den Schiffsverkehr dort sicherer zu machen und auch bei schlechtem Wetter passierbar.“

Die Regierung sieht einen weiteren positiven Effekt: Der Tunnel werde ein Touristenziel von Weltklasse sein und die regionale Wirtschaft fördern.

Kritik am Projekt gibt es, wenngleich wenig. So sagte der Seesicherheitsexperte Jan Holten im norwegischen Rundfunk NRK, die Brandgefahr im Tunnel werde nicht ausreichend berücksichtigt. „Wie sollen die Menschen da evakuiert werden?“ Laut Andreassen ist die Gefahr eines Brandes jedoch verschwindend gering.

Kritik kommt auch von der Technischen Universität in Trondheim. „Eigentlich macht der Tunnel für Schiffe keinen ökonomischen Sinn“, sagt Knut Samset, Professor für Bauingenieurwissenschaften, unserer Zeitung. Das hätten elf staatliche Gutachten gezeigt. „Es ist eher eine politische Entscheidung. Die Region hat sich sehr für den Bau eingesetzt und sich letztlich durchgesetzt.“

„Früher, als die Schiffe kleiner waren und schlechter ausgerüstet, war die Gefahr groß“, sagte Samset. „Aber heutzutage ist vor allem für größere, moderne Schiffe kaum ein Vorteil auszumachen. Die Passage durch den Tunnel wird sogar länger dauern als die derzeitige Route um die Halbinsel herum.“

Die Zuversicht, dass der Tunnel einen Fortschritt darstelle, überwiegt. Etwas mehr Sicherheit und Pünktlichkeit sind im dank seiner enormen Ölvorkommen reichen Norwegen Grund genug, um viel Geld auszugeben.

Außerdem hat Norwegen seinen Ruf als weltweit führende Tunnelbaunation zu verteidigen. Im bergigen, dünn besiedelten Land gibt es unzählige Tunnel.

Der westnorwegische Lärdalstunnel ist mit 24,5 Kilometern der längste Straßentunnel der Welt und reiner Luxus. Er dient vor allem der entlegenen Kommune Aurland (1738 Einwohner) und dem Ort Lärdalsöyri (1118) als Verbindung, wenn die Gegend im Winter wegen Schnee von der Außenwelt abgeschnitten ist. Früher mussten die Bewohner eine Fähre nutzen. Das hat etwas länger gedauert.

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06.04.2017, 06:00 Uhr

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