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Gute Knöllchen

Ein Vorschlag: Belohnung statt Belehrung

Verflixt und zugenäht! Hängt da so ein bescheuertes Knöllchen hinterm Scheibenwischer! Da hat Frau A. aus B.

07.07.2012

nur mal ganz, ganz kurz in der Karlstraße geparkt, um sich beim Bäcker schnell drei Weckle zu holen und zack – Strafzettel! Frau A. ist entrüstet. Ärgerlich reißt sie den gefalteten Zettel unterm Scheibenwischer hervor und sucht die Summe, die sie zahlen soll. Fünf Euro! Abzocke ist das, eine Frechheit!

Und als ob das nicht schon genug Ärger wäre, bleibt sie auch noch an dem Text auf der Rückseite hängen, in dem ihr erklärt wird, dass Verkehrsregeln für alle gelten. Und dass sie „mit der Bahn, dem TüBus, dem Rad oder einem TeilAuto“ in der Stadt keine Parkprobleme mehr habe und das Klima schütze. Jetzt kocht Frau A., hat aber immerhin ein Ziel für all ihre Wut gefunden: Boris Palmer. Dessen Name steht unter dem Text. Einfach so: Boris Palmer. Frau A. aus B. hat keine Ahnung, wer Boris Palmer ist, er stellt sich auf dem Strafzettel nicht vor. Sie vermutet, er sei der Chef der Verkehrsbehörde. Wütend schmeißt sie das Knöllchen auf den Beifahrersitz und schwört sich, nie mehr nach Tübingen zu kommen.

110 000 Strafzettel wegen nicht bezahlter oder überschrittener Parkplatzgebühren verteilen die städtischen fünf Politessen und elf Politeure – sie heißen wirklich so! – jedes Jahr in Tübingen. Und seit April 2010 ist auf jedem davon der Hinweis des Oberbürgermeisters abgedruckt. Seither schicken erboste Falschparker immer mal wieder wütende Leserbriefe ans TAGBLATT und regen sich über diese „Unverschämtheit“ auf. Die SPD-Stadträte haben sich des Themas nun angenommen und fordern den Verzicht auf die Belehrung. Der Fraktionsvorsitzende Martin Sökler sagt dazu: „Man ärgert sich, man zahlt, kann aber auf kluge Sprüche gut verzichten.“ Da hat er Recht.

Zumal die Belehrung ja nicht mal wirkt. Zumindest nicht in die Richtung, die Palmer gerne hätte: Statt auf den Bus umzusteigen, ärgern sich die Falschparker nur. Etwas mehr pädagogisches Geschick wäre also vielleicht nicht verkehrt. Belohnung statt Bestrafung und Motivation statt Belehrung – damit erreicht auch ein Oberbürgermeister mehr.

Der nächste Schwung Knöllchen, den die Stadt drucken lässt, könnte ja auf der Rückseite mit einer – gültigen! – Busfahrkarte bestückt werden. Kurzstrecke reicht, die kostet 1,75 Euro.

Diese Tickets würden garantiert verwendet werden, denn nicht nur Schwaben schmeißen kein Geld weg. Damit wäre dem Klima und den Stadtwerken geholfen. Die Stadt hätte zwar statt der bisher 550 000 Euro Einnahmen von Parksündern nur noch 375 500 Euro, könnte sich den Rest aber von den Stadtwerken zurückholen. Oder eben als Ausgabe fürs gute Klima in der Stadt verbuchen.

sabine lohr

Ein Vorschlag: Belohnung statt Belehrung
Knöllchen machen schlechte Laune. Das muss nicht sein.Archivbild: Sommer

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07.07.2012, 12:00 Uhr

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