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Bilanz der Französischen Filmtage

Ein bisschen Sex darf auch mal sein

Ein Teil der Tübinger Kinogänger wird drei Kreuze machen, dass der Spuk jetzt vorbei ist. Eine ganze Woche lang gab es in drei von vier Tübinger Kinos ausschließlich französischsprachige Filme mit deutschen, oft auch englischen Untertiteln. Wer braucht denn so was? Offenbar eine ganze Menge Leute!

11.11.2015
  • Klaus-Peter Eichele

Am Wochenende und teilweise auch an anderen Tagen waren bei den 32. Französischen Filmtagen die Säle oft gesteckt voll. Renner waren leichte Komödien wie der Eröffnungsfilm „Familie zu vermieten“ oder der mit dem Tübinger Publikumspreis ausgezeichnete „Le goût des merveilles“. Aber es gab auch Filme, die sich aus dem Nichts zu Hits gemausert haben – allen voran das tunesische Debüt-Drama „À peine j’ouvre les yeux“ über eine rebellische junge Musikerin, die im Vorfeld des Arabischen Frühlings ins Mahlwerk der Diktatur gerät.

Junge Leute traf man jenseits der Schulvorstellungen in den Festivalkinos eher selten, was auch mit dem Programmangebot zu tun hat. Nach wie vor zeigen die Filmtage große Berührungsängste zum Rohen und Schrägen. Der Cannes-Skandalfilm „Love“, eine wilde Liebesgeschichte mit expliziten Sexszenen in 3D, wäre eine schöne Abwechslung gewesen.

Doch obwohl noch Luft nach oben ist: Massemäßig haben die Filmtage ihre Existenzberechtigung einmal mehr unter Beweis gestellt. Doch wie schaut’s mit der Qualität aus? Naturgemäß kann das Festival nicht besser sein, als das, was Frankreich und die Frankophonie liefern, und da gab es schon spannendere Jahrgänge. Man sah sehr viel Ordentliches, manches Gute, aber wenig Herausragendes. Im Notizblock des Kritikers findet sich nur das kanadische Familiendrama „Les êtres chers“ aus dem Nachwuchs-Wettbewerb. Offenbar reift mit Anne Emond in Québec neben dem diesmal abstinenten „Wunderkind“ Xavier Dolan („Mommy“) ein zweites Großtalent heran.

Ausdrücklich zu begrüßen ist, dass das Festival seine gesellschaftspolitische Aufgabe, die unter der Gute-Laune-Leitung von Christopher Buchholz etwas ins Hintertreffen geraten war, wieder ernster nimmt. Freilich ist es nicht damit getan, einen Packen politischer Filme, die es auf jedem Festival-Spielplan gibt, in eine neue Reihe zu packen – man muss ihre Relevanz auch vermitteln. Das gelang mal mehr, mal weniger gut.

Wie gerufen in der so genannten Flüchtlingskrise kam der Werkschau-Regisseur Philippe Faucon, der in seinen Filmen die Integration arabischer Einwanderer in Frankreich so sensibel wie kaum ein anderer unter die Lupe nimmt – und damit viele Anstöße für die Zukunft Deutschlands hätte geben können. Die zentrale Diskussion mit ihm verstrickte sich allerdings in produktionstechnischem Klein-klein. So, wie es sein sollte, wurde dagegen der Journalist Denis Robert in Szene gesetzt. In vorbildlichem Einklang von Film und Debatte wurde deutlich, wie und warum die Presse- und Meinungsfreiheit auch im freien Westen an Grenzen stößt.

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11.11.2015, 12:00 Uhr

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