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Ein buntes Weihnachtsmärchen fürs ganze Jahr
So fantastisch bunt kann ein Zungenbrecher sein: „Superkalifragilisticexpialigetisch“. Foto: Deen van Meer/Stage Entertainment/
Mary Poppins

Ein buntes Weihnachtsmärchen fürs ganze Jahr

Supernanny mal anders, mit Fantasie als Medizin für verzogene Gören. In Stuttgart ist jetzt „Mary Poppins“ zu sehen – erstmals in Deutschland.

24.10.2016
  • HELMUT PUSCH

Stuttgart. Sie ist wahrscheinlich das bekannteste Kindermädchen der Welt und zweifellos das erfolgreichste: Mary Poppins. Die Geschichte der Supernanny, die mit ein bisschen Magie und ohne jeden Selbstzweifel freundlich, aber höchst bestimmt und absolut unbeirrbar, in der Familie des Londoner Bankiers George Banks, die Welt wieder in Ordnung bringt, hat als Film vor 52 Jahren (!) fünf Oscars eingeheimst und ist auch als Musical ein weltweiter Hit: Übersetzt in zehn Sprachen haben es zwölf Millionen Menschen gesehen. Nach Wien hatte die deutsche Version gestern auch im Stuttgarter Apollo-Theater ihre umjubelte Premiere.

London irgendwann zu Zeiten Königin Victorias. George Banks ist Banker, seine Frau war mal Schauspielerin. Das Problem der beiden sind ihre eigensinnigen Kinder, die ein Kindermädchen nach dem anderen verschleißen, bis eben diese Mary Poppins auftaucht – mit einer Stellenbeschreibung in der Hand, die die Kinder der Banks aufgesetzt hatten, der Vater aber zerrissen und in den Kamin geworfen hat. Man ahnt: Da geht was nicht mit rechten Dingen zu. Sie fischt einen Garderobenständer und ein ganzes Bett aus ihrer eigentlich leer aussehenden Tasche. Und statt des erhobenen Zeigefingers kennt sie Spiele, die pädagogisch mindestens so erfolgreich sind wie Zurechtweisungen, denn „mit 'nem Teelöfel Zucker nimmst du jede Medizin“ – einer der vielen Hits des Musicals. Ein anderer ist der Zungengrecher „Superkalifragilisticexpialigetisch“ und natürlich „Chim-Chim-Cher-I“, mit dem Bert, der Mary-Poppins-Verehrer und -Vertraute, durch die Handlung führt.

Die Bühnenversion hält sich an die Dramaturgie des Films, versucht aber glücklicherweise erst gar nicht, die Hollywoodversion ein zu eins umzusetzen. Deren Special Effects und Animationsszenen ringen einem heute zwar eher ein nostalgieseliges Lächeln ab, würden aber auch eine technisch gut ausgestattete Bühne überfordern: Film bleibt Film, die Bühne definiert ihre eigene Fantasie-Welt. Und das macht die Inszenierung von Richard Eyre richtig gut.

Das Bühnenbild Bob Crowleys ist trickreich und gleichzeitg wunderbar altmodisch, das Haus der Familie Banks ist einem Puppenhaus des 19. Jahrhunderts nachempfunden, das sich wie in einem Faltbuch verwandelt. Und wie die Bühne und das Personal aus der realen Ebene in die der Fantasie überspringt, was im Film die animierten Szenen besorgen, ist schlicht atemberaubend. Nicht nur Kulisse und Beleuchtung switchen um, auch die quietschbunten Kostüme kommen plötzlich aus einer anderen Welt – und das bei manchmal zwei Dutzend Darstellern auf der Bühne.

Doch das Herzstück dieser Inszenierung sind die Darsteller: Elisabeth Hübert nimmt ihre Rolle als perfektes, fehlerfreies, freundliches Kindermädchen wörtlich: Das ist makellos. David Boyd hatte den bohemienhaften Kaminkehrer, Maler und Mary-Verehrer Bert schon in der Wiener Inszenierung gegeben: leichthändig und charmant mitreißend. Die wahren Stars der Medienpremiere waren aber die Kinder Banks: Jane (Jenny Grace Hohlbauch) und Michael (Jannis Wetzel): zwei Talente, die in punkto Gesang, Schauspiel und Tanz schlicht grandios waren. Großes Kino.

Bleibt die Frage, was ein Bühnenspaß wie Mary Poppins in Zeiten der TV-Supernannys den Zuschauern bietet? Das, was die Hauptfigur als Medizin für verzogene Gören bereithält: eine überwältigend bunte Fantasiewelt, die ihren ständig erhobenen Zeigefinger damit kaschiert, dass das Ganze so wunderbar altmodisch daherkommt, in einer längst entschwundenen Zeit spielt und seine moralische Botschaft ganz und gar nicht moralinsauer unters zuschauende Volk bringt. Denn „mit 'nem Teelöffel Zucker nimmst du jede Medizin“. Und diese neu angerührte Arznei im Stuttgarter Apollo-Theater macht sogar ohne Zucker Spaß.

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24.10.2016, 06:00 Uhr

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