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Vor sechzig Jahren rettete Pfarrer Emil Martin 14 Männern das Leben

Ein eindringlicher Kniefall

KUSTERDINGEN (ust). Heute vor genau sechzig Jahren wäre es in Kusterdingen fast zur Erschießung von 14 Männern gekommen. Nur das mutige und beherzte Eingreifen des damaligen Pfarrers Emil Martin verhinderte das. Sieben der Männer wurden statt dessen als Geiseln mit nach Tübingen genommen, aber auch sie kamen bald frei. An den Mut und die Geistesgegenwart des Pfarrers erinnert man sich noch heute, wenn man vor dem alten Kusterdinger Rathaus steht: Der Platz heißt Emil-Martin-Platz.

07.06.2005

Prof. Herbert Raisch vom Geschichtsverein Härten hat den Gang der damaligen Ereignisse noch einmal zusammengetragen, die am 7. Juni in dramatischen Szenen auf dem zentralen Kusterdinger Platz eskalierten. Am 19. April war die Härtengemeinde bekanntlich von französischem Militär eingenommen worden. Die Bevölkerung hatte sich kampflos ergeben. Die ausländischen Zwangsarbeiter wurden bald danach nach Tübingen entlassen und einstweilen in einer Sammel-Notunterkunft untergebracht.

In den nächsten Wochen kehrten jedoch immer wieder Zwangsarbeiter zu „Vergeltungsausflügen“, so Raisch, mit entsprechenden Plünderungen auf die Härten zurück. Die Einwohner bildeten Schutztrupps gegen die Übergriffe.

Am Morgen des 7. Juni 1945 kam eine ganze Gruppe von Polen in den Ort. Sie wollte einen Bauer ausplündern. Bald kämpften die ehemaligen Zwangsarbeiter gegen die Kusterdinger Schutztruppe. Das Ganze wuchs sich zu einer immer größeren Schlägerei aus. In den Nachmittagsstunden gab es auf beiden Seiten je acht Verletzte. In den Abendstunden eilte französisches Militär herbei. Die Soldaten hatten gehört, es gäbe Tote auf Seiten der Polen.

Was nun folgte, zeichnete Pfarrer Martin im Jahr 1951 auf: „ Die Soldaten schossen, hauptsächlich vom Rathausplatz aus, planlos in alle Richtungen. Ein vom Friedhof mit einer Gießkanne heimkehrender Bürger, Georg Zeeb, sank nieder, von 5 Kugeln durchbohrt.“ Anschließend habe das Militär wahllos Männer, die von der Arbeit nach Hause gingen, verhaftet. Danach ließ man sie nach Art der SS in Reih und Glied zur Erschießung antreten.

Pfarrer Martin hatte die Schießerei gehört und war auf den Rathausplatz geeilt. In seiner Verzweiflung sank der Pfarrer, der sich durch die lila Armbinde als Geistlicher auswies, auf die Knie. Er habe sich, so beobachteten Zeitzeugen, sogar vor den französischen Offizier geworfen und ihn in französischer Sprache angefleht, die Unschuldigen zu verschonen. Seine eindringliche Bitte zeigte Erfolg. Die 14 Männer wurden nicht erschossen. Sieben von ihnen wurden mit nach Tübingen genommen, aber eben nach acht Tagen wieder frei gelassen.

In der Schilderung von Martin heißt es darüber: „In nachfolgenden Verhandlungen, die vom Bürgermeister geschickt geführt wurden, erkannte der französische Gerichtsoffizier in dankenswerter Objektivität unsere Notwehr gegen die ausländischen Plünderer an und dem Orte wurde zum Schutz eine Abteilung mit 25 Algeriern gewährt, mit denen die Bevölkerung in guter Freundschaft lebte.“

Nachdem Heinz Wolpert 1965 erstmals den Antrag im Kusterdinger Gemeinderat gestellt hatte, wurde dann jener geschichtsträchtige Ort 1968 auf den Namen Emil-Martin-Platz getauft. Eine Gedenktafel erinnert heute an die Ereignisse von damals.

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07.06.2005, 12:00 Uhr

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