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Uli Hoeneß kickte fünf Tage nach dem Gewinn des WM-Titels 1974 in Öschingen

Ein ganz, ganz dicker Fisch

Die Fußball-WM von 1974 im eigenen Land begann für die DFB-Auswahl mit einer historischen Niederlage gegen die DDR (0:1) und endete mit dem zweiten WM-Titel nach 1954. Nur fünf Tage später war Nationalspieler Uli Hoeneß in Öschingen. Der damals 22-Jährige spielte in einer Promi-Elf gegen eine „Stadt-Auswahl“.

28.04.2013
  • Manfred Hantke

Öschingen. Der Unternehmer, Fußball-Funktionär, Manager, Finanzjongleur und auch der Steuersünder lagen damals noch in weiter Ferne. 1974 war Uli Hoeneß ein heiß begehrter Kicker, der gerade mal vier Jahre lang Stammspieler beim FC Bayern war und erst zwei Profi-Jahre hinter sich hatte.

Ein ganz, ganz dicker Fisch
Umringt von Jugendlichen hatte der 22-jährige Uli Hoeneß in Öschingen viel zu tun. Mit Horst-Dieter Höttges war er der frischgebackene Weltmeister. Archivbilder: Grohe

Mit dem WM-Titel von 1974 hatte der gebürtige Ulmer in dieser Zeit bereits alle Titel erreicht: Deutscher Meister, Pokalsieger, Europapokalsieger der Landesmeister, 1972 Europa- und 1974 eben Weltmeister. So nebenbei stellte er in der Saison 1971/72 zusammen mit Gerd Müller das „torgefährlichste Sturmduo der Bundesliga“ (53 Tore). Dieser „Titel“ hielt übrigens bis 2009.

Eine beeindruckende Kicker-Karriere hatte der damals 22-Jährige also hinter sich, als er nur Tage später in die Öschinger Provinz kam. Er war der Liebling so mancher Möchtegern-Schwiegermutter, furchtbar nett, blond und gut gebaut. Da mochte man’s ihm nachsehen, dass er in der zweiten Finalrunde der WM 1974 gegen Polen einen Elfer verschoss und im Finale gegen die Niederlande einen verursachte.

Was der deutsche Fußballfan von seinen Jungs erwartet hatte, das brachten sie vor fast einem Schwabenalter heim. Die herbe 0:1-Niederlage gegen die DDR im Gruppenspiel war fast vergessen. Nach dem 2:1-Sieg gegen die Niederlande wurden Maier, Breitner, Netzer, Beckenbauer, Hoeneß und Co am 7. Juli 1974 Weltmeister. Das Land lag im Taumel.

Ein ganz, ganz dicker Fisch
Arthur Rothenhäusler holte die Fußball-Promis nach Öschingen.

Fünf Tage später, am 12. Juli, stand in Öschingen ein Promikick an. Organisator Arthur Rothenhäusler wurde insbesondere von Hermann Schmid und dem Reutlinger Ambä Kopf unterstützt. Die Macher waren bis zur letzten Minute mit den Vorbereitungen beschäftigt. Rund 4000 Parkplätze mussten sie einrichten, Stehtribunen aufbauen. Als Rothenhäusler am 10. Juli in die TAGBLATT-Redaktion kam, verkündete er stolz, dass er den Uli trotz WM-Taumel und anstehendem Haus-Bezug in Ottobrunn (wo er dann über 30 Jahre lang wohnen sollte) als „ganz, ganz dicken Fisch“ ans Öschinger Land gezogen hat.

Beim Promikick dabei waren auch Wolfgang Fahrian, Horst-Dieter Höttges, Helmut Rahn, Horst Eckel, Uwe Seeler, Willi Schulz, Horst Blankenburg, Wolfgang Glock und Arno Steffenhagen. Helmut Kremers verpasste in Düsseldorf das Flugzeug. Die Kicker kamen damals aus vier WM-Teams. Solch ein Star-Aufgebot gab es bis dahin noch nie, jubelte TAGBLATT-Redakteur Heinz Rebmann: „Öschingen bietet es!“ Auf Öschinger Seite stand eine „Stadt-Auswahl“ mit Wolfgang Fleuchaus, Günter Kasperski, Karl Zapf, Werner Frick, Dieter Brenninger und Heinz Stickel (beide VfB Stuttgart).

Alle Brocken nervlich gemeistert

Doch vor dem Anstoß am Freitag, 12. Juli, um 17.30 Uhr unterm Roßberg mussten auch die Promi-Kicker erst mal zum städtischen Empfang. Schultes Erwin Kölle wollte es sich nicht nehmen lassen, die Weltmeister zu begrüßen und zu beschenken, zumal Mössingen 1974 sein 1200-Jahr-Event samt Stadterhebung feierte. Als es losging, waren 7000 Zuschauer (Eintritt: 6 Mark) bei bestem Sommerwetter im Öschinger Stadion. Die „Stadt-Elf“ führte bereits mit 6:3, ehe die Elite-Kicker in der 80. Minute zum Endspurt ansetzten. Hoeneß, Seeler und Glock schafften noch ein 6:6-Unentschieden.

Der Star des Tages war freilich der Uli. Die jugendlichen Autogrammjäger umringten ihn scharenweise, vor dem Anpfiff, in der Halbzeit und nach dem Abpfiff. Selbst beim Rehbraten am Abend ließen ihm die Fans keine Ruhe. Der Braten wurde kalt. Da griff Rothenhäusler etwas energischer dazwischen.

Ein ganz, ganz dicker Fisch
Dribbelstark wie hier im Juli 1974 in Öschingen kannten die Fans ihren Uli.

Doch Hoeneß habe der Besuch in Mössingen und der Kick gefallen. Und teuer war der Uli auch nicht. Sportgeschäftsinhaber Hermann Schmid jedenfalls habe nicht tief in die Tasche greifen müssen, schrieb Redakteur Heinz Rebmann. Er sei gerne nach Mössingen gekommen, gestand Hoeneß. Hier wohne man sicher nett, auch die Leute seien so reizend.

Der WM-Trubel von 1974 hat Hoeneß eher nicht gelegen. Dem TAGBLATT gegenüber sprach er von einem „langweiligen Empfang“ nach dem WM-Sieg im Münchener Hilton. Hoeneß: „Wir nahmen das Geld und das Volkswagen-Cabriolet und aus war das Fest“, kommentierte er noch völlig unbeschwert und trocken. Immerhin erhielt jeder Kicker 60.000 Mark (etwa 30.000 Euro) für den Titelgewinn.

Der hin und wieder harsch austeilende Hoeneß ließ sich schon damals nicht so leicht aus der Ruhe bringen: „Ich habe alle Brocken nervlich ebenso gemeistert wie meinen verschossenen Elfmeter im Polen-Spiel. Das Leben muss jedesmal weitergehen“. Für ihn ging es stets weiter – und zwar nach oben. Aber nie ins Ausland. An den „ganz großen Knüller“ glaubte er schon in Öschingen nicht. Das könne er sich nicht vorstellen, sagte er. Denn „dieser Werber müsste schon allerhand bieten.“

Arthur Rothenhäusler war nach dem Krieg nicht nur Mitbegründer, Dreh- und Angelpunkt seiner Steinlach-Fußballvereinigung und Mit-Initiator des 1947 zum ersten Mal ausgetragenen Steinlach-Cups; Fußball-Narr und Polizist, war Rothenhäusler im Württembergischen Fußball-Verband (WFV) ein gefürchteter Revoluzzer. Insbesondere für die damalige Staffel drei der Landesliga verfolgte er jahrelang seine Umstrukturierungspläne. Sie sollten den Vereinen am Rande des Bezirks Fahr-Kilometer sparen. Der WFV war aber kaum beeindruckt. Im Juli 1991 lehnte der Verbandstag den Plan mit deutlicher Mehrheit ab. Doch der „Rebell von Gruol“, wie Rothenhäusler wegen seiner Liebe zu seinem Heimatklub SV Gruol genannt wurde, brachte auch den ganz großen Fußball ins Steinlachtal. Dank seiner guten Beziehungen spielten Top-Kicker bei den legendären Promi-Kicks in Öschingen gegen eine Steinlach-Auswahl. Rothenhäusler ernannte Helmut Haller 1973 gar zum beitragsfreien Ehrenmitglied. Zum Promikick im Juli 1974 mit den frischgebackenen Weltmeistern Uli Hoeneß und Horst-Dieter Höttges kamen 7000 Zuschauer. 1976 holte er gar eine „Europa-Promi-Elf“ in die Öschinger Provinz. Rothenhäusler starb im November 2001 im Alter von 78 Jahren.

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28.04.2013, 12:00 Uhr

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