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Philipp Koebnik über ein häufig missverstandenes Kleidungsstück

Ein herrlicher Kontrollverlust

Sie tut im Winter gut und im Sommer, im Herbst und im Frühling. Sie sitzt bequem, passt, wackelt und hat Luft. In ihr kann man Sport treiben oder entspannt herumlümmeln. Sie ist praktisch bei der Hausarbeit oder auf dem Weg zum Supermarkt. Und erst in ihr wird es daheim so richtig gemütlich: die Jogginghose.

17.05.2018
  • koe

Doch noch immer gibt es ignorante Geister, die nichts verstehen vom Wohlbefinden, vom haptischen Genuss, den sie schenkt. Manche zeihen ihre Träger der Ungepflegtheit, missverstehen die Jogginghose als Symbol eines verlotterten Lebensstils. Regelrechten Hass zieht das anschmiegsame Kleidungsstück bisweilen auf sich. Mancherorts wollten Schulleitungen sie verbieten. Und in der ZDF-Boulevard-Talkshow von Markus Lanz tönte Karl Lagerfeld noch 2012: „Wer eine Jogginghose trägt, der hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

Nur ein Ausdruck von Unkenntnis? Wie auch immer, der dürre Modezar mit dem Mozartschopf ist offenbar lernfähig. Zumindest weiß er, womit sich Geld verdienen lässt: Seine Winterkollektion 2014/2015 für Chanel bestand – Ironie der Mode-Geschichte – unter anderem aus Jogginghosen.

Die Zeiten haben sich geändert. Galten Jogginghosen früher als Kennzeichen von Schluffis und als Symbol eines niedrigen sozialen Status, so ist inzwischen das Gegenteil der Fall. Die Jogginghose steht heute für einen sportlichen Look. Denn sie ermöglicht prinzipiell jederzeit ein Workout. Sie signalisiert mithin Disziplin, Selbstachtung – und Jugend. Die Modewelt hat für diesen Trend den Namen „Athleisure“ erfunden. Er setzt sich zusammen aus Athletic und Leisure, den englischen Worten für „sportlich“ und „Freizeit“.

Jogginghosen prägen zunehmend unsere Alltagskleidung. Sie avancierten von einem privaten, gemütlich zu Hause auf der Couch getragenen Kleidungsstück zu einem öffentlichen. Viele Jugendliche – aber nicht nur die – tragen sie als bequeme Freizeitkleidung auch außerhalb der eigenen vier Wände. Denn die Jogginghose ist vielfältig: Sie eignet sich ebenso fürs Workout wie zum Chillen, für die Schule wie fürs Büro, für den Cocktail in der Bar wie fürs gemütliche Bier daheim.

Dresscodes gelten vielen als spießig. Was stattdessen zählt ist Bequemlichkeit, verbunden mit dem Gefühl, gut angezogen zu sein. Schlabberlook und Neonfarben sind deshalb kaum noch zu sehen. Die Jogginghose von heute ist zwar aus elastisch-weichem Stoff, sitzt aber trotzdem gut, betont Beine und Po und kommt in modischen Farben daher. Die Zeit der 08/15-Jogginghose ist vorbei, was sich auch an den Preisen bemerkbar macht. Die Marke Juicy Couture zeigte sogar schon Modelle aus Kaschmir.

Das ist wohl etwas übertrieben. Weniger luxuriöse Jogginghosen tun ebenfalls einen guten Dienst. Auch wenn schicke Exemplare unter Hipstern bereits als Statussymbole gelten: Das ist nicht der Sinn der Sache – Athletic hin, Leisure her. Vielmehr geht es darum, den Kleidungsstil den eigenen Bedürfnissen anzupassen – statt umgekehrt. Warum eine steife Jeans anziehen, nur um morgens Brötchen zu holen oder etwas zur Post zu bringen? Aus falsch verstandener Höflichkeit? Dann doch lieber in eine bequeme Jogginghose schlüpfen. Wenn das Kontrollverlust sein soll – wunderbar!

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17.05.2018, 01:00 Uhr

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