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Ein hippiebunter Traum von Liebe
Und zum Schluss nach allem Opernkomödien-Zauber ein ausgelassenes Fest: „Don Pasquale“. Foto: Martin Sigmund
Oper

Ein hippiebunter Traum von Liebe

Die vorletzte Premiere in Jossi Wielers Stuttgarter Abschiedssaison: Gaetano Donizettis Belcanto-Komödie „Don Pasquale“ erntet ausgiebigen Jubel.

27.03.2018
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Das passiert nicht alle Tage in der Oper: dass während der Ouvertüre ein quietschbunter Comicfilm läuft. Mit einem jungen Flower-Power-Paar, das sich ineinander verliebt und beim ersten Kuss eine „Wham“-Explosion erlebt. Das dann auf dem Motorrad abdüst und abhebt – in einen orangefarbenen Hippie-Traum unendlicher Freiheit. Bis, ja bis ein böser schwarzer Riese auftaucht, der dem jungen Mann alle Illusionen zertritt, seinen Afrolook stutzt, ihn in uniforme Klamotten zwängt und ihn zu lebenslanger Arbeit an irgendeinem Schreibtisch verdammt.

Pünktlich zum Schlussakkord der Ouvertüre ist auch dieser kleine, ironiereiche Rückblick auf 68er-Sehnsüchte zu Ende. Und auf der sich öffnenden Opernbühne sehen wir den jungen Mann wieder: als gealterten, vermögenden Herren in feinem Tuch. Am Schreibtisch eines teuren, schicken Büros, das aber hinter einer grobmaschigen Gitterwand ein bisschen wie ein Edel-Gefängnis aussieht. Es ist Don Pasquale, der „Held“ der nun einsetzenden Oper. Ein alleinstehender Mann, der alles hat. Und dem dennoch etwas fehlt.

Kurzum, diese Ouvertüre mit einem trickigen „Was – vielleicht – bisher geschah“: ein fabelhafter Einstieg. Erneut zeigt das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito seine Stärke, Menschen mehrdimensional zu schildern, in ihrer Zeit, in ihrem Vorleben, in ihren unerfüllten Wünschen. Am Sonntag ging Gaetano Donizettis Oper „Don Pasquale“ in Stuttgart über die Bühne – als vorletzte Premiere in der Abschiedssaison des Intendanten Jossi Wieler.

Nein, die Regie verheizt diesen Don Pasquale nicht, wie oft zu sehen, als knuddlige Witzfigur, sondern leuchtet immer wieder die Tragödie in der Komödie aus. Ohne auf deren bitterbösen Humor zu verzichten. Denn als Don Pasquale sich endlich aus dem Erfolgsknast befreien will und sich nach einer Frau umsieht, steht sofort ein dubioser Doktor Malatesta bereit, der da eine angeblich scheue Klosterschülerin namens Sofronia im Angebot hat. Wieler/Morabito zeigen nun mit gnadenloser Lupe, wie Don Pasquale von einem zwielichtigen Ganoven-Trio um Malatesta schamlos ausgenutzt und betrogen wird. Wie die vorgeführte junge Frau, als fluffiges, vollverhülltes Objekt zur Schau gestellt wird und wie der völlig verblendete Don Pasquale schon angesichts der einzig sichtbaren, zitternden Hand dieser feilgebotenen Sofronia in Verzückung gerät, ist einer der Parademomente der Inszenierung. Immer wieder steuern Wieler/Morabito auf solche absurden, abgründigen Augenblicke zu, bei denen Lachen und Grauen nahe beieinander liegen.

Ana Durlovski spielt diese „Traumfrau“ in Zartrosa. Absolut sehenswert, wie ihre Sofronia – natürlich erst nach signiertem Ehevertrag – urplötzlich vom devoten Frauchen zur geldgierigen, luxusgeilen Despotin mutiert. Wie sie den staunenden Don Pasquale als „schwer und fett“, als „senilen Knacker“, als „guten Opa“ abkanzelt – selbstverständlich in allerliebsten, kunstvoll irrlichternden Koloraturen. Kurz zuvor glänzt Ana Durlovski schon als Norina, als bockige, handyfixierte Göre, die sich Formen des lukrativen Liebesbetrugs antrainiert.

Auch die weiteren Rollen sind stark besetzt. Ernesto etwa, bei Ioan Hotea ein Tagträumer mit ungemein leichtem, leuchtendem Tenor. Oder der Obergauner Dr. Malatesta, bei André Morsch ein Fädenzieher mit robustem Bariton. Enzo Capuano wiederum, ein Bass, der auch feinste lyrische Seelentöne beherrscht, ist Don Pasquale: ein soignierter, weißhaariger Herr, dessen ungelebte Sehnsüchte ihn zum leicht ausbeutbaren Opfer machen.

Im Joint-Rausch

Später greifen Wieler/Morabito auf die Hippie-Hoffnungen des jungen Paars aus dem Trick-Intro zurück. Dann nämlich, wenn Don Pasquale, skrupellos abgezockt von Norina & Co., von diesen Träumen wieder per Animationsfilm eingeholt wird – die nun aber, in einer Art Jointrausch, ins Psychedelische, ins Ungreifbare abdriften: eine packende Szene, bei der Don Pasquale mit dem Rücken zum Publikum sein eigenes inneres Halluzinogen-Kino betrachtet. Bei Wieler/Morabito ist es der Tiefpunkt, aber auch der Wendepunkt der Tragikomödie. Was folgt, ist die Weisheit des Loslassens. Und ein fröhliches Finale. Ernesto kriegt doch noch seine Norina. Das Staatsorchester unter Giuliano Carella bietet zu all dem in bester Spiellaune den je nachdem rasanten bis sangseligen, oft hinreißend doppelbödigen Soundtrack.

Kurzum, ein Kunststück. Intendant Jossi Wieler und Sergio Morabito zaubern an der Oper Stuttgart aus einer scheinbar altbackenen Komödie auf intelligente Weise jede Menge zündende, makabre und berührende Momente heraus. Überhaupt: gute Stimmung, viel Zwischenbeifall, langer Schlussapplaus.

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27.03.2018, 06:00 Uhr

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