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Der SPD-Politiker und Ehrenbürger Erwin Geist starb 96-jährig

Ein liebenswürdiger Kämpfer

Bis vor wenigen Wochen ging er noch zu Veranstaltungen, er interessierte sich für alles, was in Bund und Land passierte. Am 4. Juli ist der frühere Landtagsabgeordnete und Tübinger Ehrenbürger Erwin Geist gestorben. Er wurde 96 Jahre alt.

15.07.2012
  • Renate Angstmann-Koch

Tübingen. Erwin Geist war ein freundlicher und kontaktfreudiger Mensch. Als Gewerkschafter und Sozialdemokrat hatte er feste Überzeugungen, und dennoch war er kompromissfähig und voll gütiger Toleranz. Soziale Gerechtigkeit, Demokratie, Frieden und Arbeitnehmerrechte lagen ihm am Herzen. Seine optimistische Lebenseinstellung half ihm, mit schwersten Rückschlägen fertig zu werden – etwa, als er im Krieg in Rußland durch ein Geschoss verwundet wurde und seinen linken Arm verlor. Selbst in hohem Alter gelang es ihm mit Hilfe seiner Familie, nach dem Verlust seiner Frau Käthe im Jahr 2006 noch einmal neuen Lebensmut zu fassen. Das Paar war fast 65 Jahre verheiratet gewesen.

Die Jahre des Krieges und der NS-Diktatur hatten den gebürtigen Schwenninger geprägt. Er wuchs im Arbeitermilieu auf, schon sein Vater gehörte der SPD und der Gewerkschaft an. Zeitlebens war Erwin Geist aber auch naturverbunden, er liebte die Berge und bedauerte, dass er seiner Kriegsverletzung wegen das Felsklettern aufgeben musste. Eigentlich wollte er Gärtner werden, doch er ergriff den Beruf des Werkzeugmachers. Nach dem Krieg wurde er Arbeitsplaner in einer Maschinenfabrik. Gleich nach 1945 half er in Schwenningen beim Wiederaufbau der SPD. Beim Gründungsparteitag der südwürttembergischen SPD lernte er Carlo Schmid kennen, der zu seinem politischen Ziehvater wurde. Schmid holte den jungen Mann als Jugendsekretär nach Tübingen, 1947 kam die Familie nach.

1950 wurde Erwin Geist zum hauptberuflichen DGB-Kreisvorsitzenden gewählt. 28 Jahre lang blieb er Tübingens oberster Gewerkschafter. In seiner Ära wurde das Gewerkschaftshaus in der Hechinger Straße gebaut. 1956 zog er in den Stuttgarter Landtag ein, vier Jahre später gelang es dem SPD-Mann sogar, das Direktmandat zu holen. 16 Jahre lang, bis 1972, blieb er Abgeordneter. Seine kommunalen Mandate im Kreistag (18 Jahre) und im Tübinger Gemeinderat, dem er 32 Jahre lang angehörte, behielt er bei. Er wollte vor Ort verankert bleiben, wo sich die drängendsten Probleme der Nachkriegszeit am deutlichsten zeigten.

Erst 1985 gab Erwin Geist seinen Sitz im Gemeinderat ab. Ein Jahr zuvor hatte ihn die Stadt Tübingen zu ihrem Ehrenbürger ernannt. Bereits in den siebziger Jahren hatte er das Bundesverdienstkreuz und die Verdienstmedaille des Landes erhalten. Trotz dieser Auszeichnungen wirkte Erwin Geist stets bescheiden. Er freute sich, wenn Menschen auf ihn zukamen, drängte sich jedoch selbst nicht in den Vordergrund.

„Wir vermissen einen mutigen Weggefährten, der seinen politischen Standpunkt mit Sachverstand, Geradlinigkeit und Bodenständigkeit vertrat“, heißt es im Nachruf der Landes-SPD. „Er war für uns ein großartiges Vorbild, ein Mensch, der sich trotz seiner schweren Kriegsverletzung nie unterkriegen ließ“, würdigen ihn seine Tübinger Genossen.

Erwin Geist lebte mit der Familie seiner Tochter in der Alexander straße – vier Generationen unter einem Dach. Am 4. Juli schlief er im Haus seines Sohnes in Schönaich friedlich ein. Neben seinen beiden Kindern hinterlässt er sechs Enkel und zwei Urenkel. Die Trauerfeier mit Urnenbeisetzung beginnt am Freitag, 20. Juli, um 13 Uhr auf dem Tübinger Bergfriedhof.

Ein liebenswürdiger Kämpfer
Bei einem Empfang am Vorabend seines 70. Geburtstags am 31. Mai 1986 stießen Weggefährten aus Stadt und Land mit Erwin Geist (zweiter von links) an – so Altbundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (links), der damalige Oberbürgermeister Eugen Schmid und der ehemalige Innenminister und SPD-Fraktionsvorsitzende Walter Krause (rechts). Archivbild: Grohe

Ein liebenswürdiger Kämpfer
Erwin Geist gehörte 16 Jahre dem Landtag und 32 Jahre dem Tübinger Gemeinderat an. Archivbild: Metz

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15.07.2012, 12:00 Uhr

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