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Ausstellung im Museum für Alltagskultur

Ein lohnender Ausflug für Sprücheklopfer und Wortspieler

Woher kommt die Rampensau? Und wieso machen wir „reinen Tisch“? Wer sich von Neun-mal-Klugen nicht länger einen Bären aufbinden lassen will, muss nach Waldenbuch ins Museum für Alltagskultur.

27.03.2018
  • Christine Laudenbach

Bei Hempels aufm Sofa darf man Platz nehmen und verschnaufen. Die Füße sollten dabei vorsichtshalber nach vorne gestreckt werden, denn: „Bei Hempels unterm Sofa“ sieht es auch in Waldenbuch aus, wie man sich’s vorstellt. Gerümpelig. Wer sitzt, kann sich kundig machen, weshalb beim Anblick von bewohnten Kinderzimmern immer wieder die Hempels herhalten müssen: Carl Hagenbeck behauptet, hinter dem Spruch stecke eine schlampige Zirkusfamilie, verrät eine Info-Tafel. Ihren Müll stopfte sie unter den Wohnwagen Dass es in der Hempelschen Behausung keinesfalls besser aussehen könne, habe man dann einfach angenommen. Brief und Siegel will Kurator Rolf-Bernhard Essig dieser Quelle zwar nicht unbedingt geben. Aber: „Die Erklärung ist schön“, gibt er zu.

144 Redewendungen stellt Essig im Museum für Alltagskultur vor, aus Deutschland und dem Rest der Welt. Er kommt dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, vom Stöckchen aufs Steinchen. Entworfen hat er die Sonderausstellung für das Nürnberger Museum für Kommunikation. Nach Berlin und Frankfurt gastiert der Rummel der Redensarten nun im Waldenbucher Schloss. Und hier geht es bereits im Treppenhaus zur Sache: Durch kreisrunde Löcher einer Schauwand sollen Freiwillige ihren Kopf hinhalten, ein roter Faden führt zur eigentlichen Schau ins Obergeschoss.

Dort empfängt die Besucher ein listiger Fuchs, der behauptet: „Mein Name ist Hase!“ Den zweiten Teil der Redewendung ließ der Kurator beim Ausstellungstitel unter den Tisch fallen. Zu Recht: Spätestens nach dem Gang über den von Franziska Isensee entworfenen Sprichwörter-Jahrmarkt kann niemand mehr glaubhaft versichern: „Ich weiß von nichts.“ Den Zahn, der Spruch habe irgendetwas mit Tieren zu tun, zieht Kurator Essig gleich zu Beginn des Pressegesprächs. Vielmehr deckte der Student Viktor Hase mit dieser Aussage 1854 vor Gericht einen Kommilitonen und machte deutlich: Ich bin unschuldig und habe damit nichts zu tun.

Sprichwörter, Redensarten, geflügelte Worte scheinen nicht nur Essigs täglich Brot zu sein, sondern ihm regelrecht im Blut zu stecken. Man bekommt fast den Eindruck, der Literaturwissenschaftler kann gar nicht mehr ohne. Er habe „das Thema mit der Muttermilch aufgesogen“, bestätigt er, aber: Aus diesem Wort-Schatz bedienten sich alle. Unabhängig vom Alter. Im Schnitt verwende jede und jeder etwa 100 Sprichworte am Tag, schätzt Essig. „Wir merken es nur nicht.“

Jugendliche kreierten heute, wie eh und je, neue Ausdrücke, die sich dann in die Sprache der Erwachsenen einschleichen – „24/7“ für 24 Stunden an sieben Tagen etwa, oder die „Spider-App“ für zerbrochene Handy-Bildschirme. Manche Sprichwörter veränderten sich auch durch Verwechslungen und blieben dann in beiden Versionen im Gebrauch: Mittlerweile können sowohl Eulen als auch Säulen nach Athen getragen werden.

Die in Deutschland bekannten Redewendungen schätzt der Fachmann auf rund 300000. Wenn Essig Sprichwörter-Sprechstunde im Altenheim hält, reichert das oft auch seinen persönlichen Fundus mit neuen, ihm bislang unbekannten Sprüchen an. Dass mit zunehmendem Vergessen der Sprache im Alter mehr auf Redensarten zurückgegriffen wird, kann er nicht bestätigen. Auffällig sei jedoch: Gerade Demenzpatienten, denen viele Wörter verloren gegangen sind, könnten oft kräftig fluchen. Diese früh gelernten Kraftausdrücke seien im Gehirn fest verankert, sagt er, weil mit ihnen als Kind oft überraschend Wirkung erzielt werden konnte.

Aber nicht nur in Altenheimen nimmt Essig Anregungen mit. Auch in Grundschulen bekommt er Impulse, welchem Spruch er auf den Grund gehen sollte. Im Gegensatz zu Fremdenführern, die Anekdoten erzählten, die zwar nicht wahr, dafür gut erfunden sind, taucht Essig ab und recherchiert. Durchforstet Lexika und die Bibel. „Heiße Eisen“ fasst der Journalist und mehrfache Autor dabei lieber nicht an, wie er sagt. Seine Quellen legt er offen.

Ansprechen soll diese lohnenswerte Mitmach-Ausstellung besonders Kinder und Jugendliche, vom Grundschulalter bis zur Sekundarstufe. Aber auch Erwachsene kommen bei Sex and Crime in einer Mini-Peep-Show auf ihre Kosten und haben Spaß an der Schießbude. Oder beim Sprichwörter-Quiz und am Karussell der Tierredensarten. Am Bildschirm mit Kino-Klassikern. Gut, dass am Ende Hempels Sofa zum Verschnaufen wartet.

„Butter bei die Fische“ oder „Bauklötze staunen?“

„Mein Name ist Hase!“ bleibt bis zum 9. September im Museum für Alltagskultur im Waldenbucher Schloss (Außenstelle des Württembergischen Landesmuseum Stuttgart). Der Eintritt ist frei. Schirmherr der Schau ist Kinderbuchautor Paul Maar.

Ein Beiprogramm – auch in den Ferien und speziell für Schulen und Kitas – ergänzt die Schau. Führungen gibt es sowohl für Familien („Bauklötze staunen?“) als auch für Erwachsene („Jetzt mal Butter bei die Fische“). Am 1. Juni hat die Sprichwort-Werkstatt geöffnet.

Eine Woche drauf, am Sprichwort-Tag, stellt sich der Kurator in „Schlag den Essig“ den Besuchern beim

Sprichwort-Slam.

Offen hat die Schau: Dienstag – Samstag 10– 17 Uhr, sonn- und feiertags bis 18 Uhr.

Infos: www.museum-der-alltagskultur.de.

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27.03.2018, 01:00 Uhr

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