Debo hat überlebt

Ein syrischer Flüchtling aus Weitingen erzählt die Geschichte eines Massakers

Man sieht die schrecklichen Bilder der Flüchtlingsströme in den Medien, ist betroffen, schockiert. Doch wie muss es erst jenen ergehen, die dieses Leid und die Schrecken des Bürgerkrieges am eigenen Leib erfahren haben? Die Geschichte des 19-jährigen Abdulkalik Debo, der derzeit Weitingen lebt, ist ein eindrückliches Beispiel dafür, warum Menschen den Weg um die halbe Welt auf sich nehmen, um der Hölle eines Bürgerkrieges zu entkommen. Abdulkalik Debo ist noch am Leben, doch er verlor drei seiner Geschwister.

05.12.2015

Von Hermann Nesch

Abdulhalik Debo – genannt Debo – lebt derzeit in Weitingen. Bild: hn

Die ganze Brutalität des seit 2011 tobenden unübersichtlichen Bürgerkriegs in Syrien zeigt das Fernsehen aus Gründen der Pietät nicht. Verfolgt und ständig in Lebensgefahr, verletzt und auf Lebenszeit beschädigt und traumatisiert sind inzwischen Millionen von Syrern aus ihrem Heimatland mit seinen unübersichtlichen Bürgerkriegswirren unter dramatischen Umständen geflüchtet und haben Hab und Gut zurückgelassen, sofern es nicht schon zerstört worden ist.

Abdulkalik Debo hat das auch getan. Er ist einer der zwölf Syrer, die seit Mitte Oktober in Weitin-gen untergebracht sind. Mit seinen 19 Jahren musste er dabei Zeuge von Grausamkeiten werden, die andere Zeit ihres Lebens nicht kennenlernen.

Aufgrund seines kurzen Familiennamens nennen ihn alle nur „Debo“. Er wurde in der nordsyrischen Stadt Aleppo geboren. Dort ging er auch zur Schule, die inzwischen ebenfalls von einer Fliegerbombe zerstört worden ist. Die zweitgrößte und strategisch wichtige Stadt des Landes, die seit 2012 heftig umkämpft ist, wurde 2006 zur „Hauptstadt der islamischen Kultur erhoben“ und deren Altstadt als Unesco-Weltkulturerbe eingestuft. Inzwischen ist sie zu einem großen Teil zerstört, vor allem Viertel, in denen sich die Rebellen aufhalten, die gegen Machthaber Baschar al-Assad kämpfen.

Debo überlebte mit drei anderen das Massaker

Eines Tages traf es auch die Familie Debo mit ihren sechs Kin-dern. Ausgangspunkt war ein Raketenangriff, bei dem ein Cousin auf dem Weg zur Schule durch Splitter schwer verletzt wurde. Abdulhalik Debo rief ein Taxi, um mit einem Freund den Schwerverletzten in ein Krankenhaus zu bringen. Jedoch wurden sie immer von einem zum anderen verwiesen, denn die Verletzung sei so schwer, dass er zur Behandlung ins Universitätsklinikum gebracht werden müsse.

Unterwegs schimpften sie über das Assad-Regime und die Gewalt seiner Truppen und Milizen, nichts ahnend, dass der Taxifahrer ein Assad-Anhänger war und anschließend alles der Polizei erzählte. Beide wurden der Sicherheitspolizei übergeben. Nachdem er sich nicht ausweisen konnte und sich weigerte, sich für die Regierungstruppen rekrutieren zu lassen – schließlich sei er mit seinen 15 Jahren viel zu jung, wurden für den nächsten Tag seine Eltern einbestellt. Aufgrund seiner damals stattlichen Figur und eines Gesichtsbartes wurde ihm das Alter nicht abgenommen. Sein Freund, der die Nachricht überbringen musste, konnte entkommen und untertauchen.

Debo wurde mit 200 Gefangenen weiter festgehalten und auf engstem Raum in einem Haus zusammengepfercht. Liegen war unmöglich, nur eng aneinandergereiht und gefesselt sitzen sowie halb stehend und halb zusammengesackt fanden sie so gut wie keinen Schlaf. Während der Elternbefragung saß Debo mit den Händen auf dem Rücken gefesselt, geknebelt und mit einem Sack über dem Kopf im Nebenraum. Er hörte das Gespräch, seine Eltern wussten aber nichts von ihm.

In der ganzen Zeit seiner Gefangenschaft wurde Debo wie alle anderen schwer misshandelt, ständig mit Schlagstöcken und den schweren Soldatenstiefeln traktiert. Manche der Körper der Gefangenen waren bereits mit tiefen Brandwunden übersät, die von angezündeten Plastikteilen stammten. Zu essen gab es kaum etwas. Wie lange er dieses Martyrium halb im Delirium über erdulden musste, daran kann er sich nicht mehr erinnern.

In Deutschland wurden sie wieder getrennt

Dann kam der Tag des Massakers im Jahr 2013, an dem 200 Assad-Gegner, die so große Hoffnungen auf den „Arabischen Frühling“ gesetzt hatten, ermordet wurden. Debo kann sich erinnern: Auf einmal mussten alle in Gruppen ins Freie treten und wurden nacheinander buchstäblich mit Fleischermesser und anderen Gegenständen abgeschlachtet oder einfach erschossen, als sie sich weigerten, den Staatspräsidenten Baschar al-Assad als ihren „Gott“ anzuerkennen. Bis er an die Reihe kam, floss das Blut vom Hof zur Tür herein. Auch er wurde fragend angebrüllt. Nachdem er geantwortet hatte „Mein Gott ist Allah“, bekam auch er die Messer und stumpfen Fleischerstäbe in den Körper gerammt und verlor das Bewusstsein. Danach wurden die leblosen Körper in ein nahegelegenes Flussbett geworfen. Kurze Zeit später schauten kurdische Dorfbewohner nach den Opfern und entdeckten, dass noch vier der Männer lebten. Darunter war auch Debo. Zum Bewusstsein erlangte er erst wieder im Haus der beiden Frauen.

An Weihnachten sieht er seine Familie wieder

Nachdem er sich nach fünf Tagen einigermaßen erholt hatte, wollte er schnellstmöglich nach Hause. Doch dort traf er niemanden an. Das Wohnhaus war zum Teil zerstört und das Haus, in dem sein ältester Bruder mit Frau und Kind wohnte, war verlassen. Sie waren bereits von Assad-Soldaten in Beschlag genommen worden und ohne Entschädigung der Besitzer zum Eigentum erklärt worden. Der nächste Schock. Vom Nachbarn erfuhr er, dass die restlichen Überlebenden der Familie inzwischen alle in die Türkei geflohen seien und sie ihm erklärt hätten, dass auch er tot sei. Bei der Zerstörung des Hauses kamen eine Schwester (24) und ein Bruder (26) ums Leben. Zuvor war schon dessen Zwillingsbruder auf dem Weg zu einem Einkaufszentrum von einer Rakete tödlich getroffen worden.

Nach vier Tagen machte auch er sich – als Letzter der Familie – auf den Weg in das Containerlager mit mehreren tausend Bewohnern jenseits der Grenze, wo er seine Familie ausfindig machen konnte. Fünf Monate lang hatten sie nichts mehr von ihm gehört und ihn bereits für tot erklärt. Als ihn seine Mutter wiedersah, fiel sie in Ohnmacht, weil er kaum wiederzuerkennen war. Er war von stattlichen 116 Kilogramm Körpergewicht auf 60 Kilo abgemagert.

Die Familie blieb zwei Jahre zusammen, bekam sogar Zuwachs durch eine Enkelin. Debo fand Arbeit und konnte sich als technisch begabter und geschickter Spezialist für Handyreparaturen sein Geld für die geplante Flucht nach Deutschland verdienen. Die Reise kostete mehrere Tausend Euro.

Die Mutter ist inzwischen an den Folgen der Schicksalsschläge gesundheitlich angeschlagen und hat Herzprobleme. Das Weitinger Familienmitglied ist aufgrund seines erlittenen Martyriums schwer traumatisiert und wird nachts immer wieder von heftigen Albträumen eingeholt. Außerdem hat er aufgrund seiner Misshandlungen ständig Gleichgewichtsstörungen und Magenprobleme.

Nun sind sie endlich in Sicherheit, nur, dass die Familie aufgrund von unterschiedlichen Ankommenszeiten in Deutschland schon wieder getrennt ist. Während Debo über München und Ellwangen in Weitingen landete, verschlug es die Eltern und die restlichen Geschwister in eine Unterkunft zwischen Kiel und Flensburg beziehungsweise nach Schweden.

Nun darf Debo sie über Weihnachten für zehn Tage besuchen. Neben Deutsch lernen, um sich später als Techniker für medizinische Geräte ausbilden zu lassen, benötigt er aber dringend auch eine langwierige psychotherapeutische Behandlung.

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Erstellt:
5. Dezember 2015, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Dezember 2015, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Dezember 2015, 01:00 Uhr

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