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Kommentar

Ein zeitgemäßer Islam aus Tübingen

Es gibt viele Islame – Konfessionen der Schiiten, Sunniten oder Aleviten; Schulen und Machtzentren wie Kairo, Istanbul oder Saudi-Arabien; Richtungen von liberal-aufgeklärt über konservativ-friedlich bis zu extremistisch-politisch oder gar gewalttätig. Und dann gibt es noch den blanken barbarischen Missbrauch von Religion wie vom sogenannten Islamischen Staat.

27.11.2014
  • Gernot Stegert

Bei aller Vielfalt: Leider herrscht weltweit der Fundamentalismus vor. Das ist die wörtliche Auslegung des Korans. Da werden Traditionen einer arabischen Stämmegesellschaft von vor mehr als 1000 Jahren eins zu eins auf die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts übertragen. Auch nach Deutschland wird dieses Nichtdenken exportiert – über Internetseiten, Prediger oder Moscheebauzuschüsse etwa aus Saudi-Arabien. Und aus der Türkei werden nichtradikale, aber stockkonservative Imame importiert, die weder Deutsch können noch eine Ahnung haben, in welcher Gesellschaft ihre Schäfchen leben.

Gewiss, das ist nicht der Islam in Deutschland. Schon gar nicht sollten den Muslimen von nebenan Missstände vorgehalten werden, mit denen sie nichts zu tun haben. Schon viel zu viel Feindseligkeit hat sich breitgemacht. Doch gibt es die Probleme mit dem Fundamentalismus. Die Bundesregierung hat deshalb vier Islamzentren in Deutschland eingerichtet, eines in Tübingen. Der Auftrag ist richtiger und wichtiger denn je: die Lehre eines zeitgemäßen Islams. Das ist der Religion nichts Fremdes, sondern kann an große Traditionen im Mittelalter anknüpfen. Der Direktor des Tübinger Zentrums, Prof. Erdal Toprakyanar, steht für die wissenschaftliche Deutung des Korans. Ja, sagt er, in einer Sure heiße es über Ungläubige „vertreibt und tötet sie“. Aber das habe in einer bestimmten Verteidigungssituation als Ausnahme gegolten. Die Heilige Schrift müsse interpretiert werden, historisch und kritisch. Die Frauenbeschneidung „geht gar nicht. Das ist unislamisch“, erklärt der Professor. Dass Frauen bei konservativen Muslimen Männern nicht die Hand geben dürften, beruhe auf einer alten Vorstellung von Sexualität. Und so weiter.

Am Tübinger Zentrum für Islamische Theologie wird aufgeklärt, ja werden die Wurzeln des islamischen Glaubens von kulturellen Klumpen freigelegt. Umso wichtiger wäre, die Zukunft rasch zu sichern. Das Land ist in der Pflicht, das bis zum Jahr 2016 befristete Bundesprojekt zu einer Dauereinrichtung zu machen. Jeder Euro ist gut investiertes Geld in das Miteinander der Gesellschaft.

Noch besser wäre eine Aufstockung. Das junge Institut nämlich wird geradezu überrannt von Anfragen aus Wissenschaft, Medien, Politik, bis hin zu Sport und Kultur. Es könnte eine gewichtige Rolle als Vermittler spielen. Doch die vier Professoren stoßen jetzt schon an ihre Grenzen. Sie konzentrieren sich verständlicherweise auf ihr Kerngeschäft: die Wissenschaft. Dabei würden sie selbst gerne den Elfenbeinturm verlassen.

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27.11.2014, 12:00 Uhr

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